»Alleinerziehend« – ein Anachronismus?!

Allein mit Kind? In den meisten Fällen gibt es da ja noch einen anderen Elternteil, der nicht im gleichen Haushalt lebt. Im besten Fall ist er eine Bereicherung, eine Unterstützung und eine Freizeitgarantie.

04.09.2020 Bundesweit Artikel Sozialmagazin
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Manchmal ist der andere Elternteil nervenaufreibend und belastend, und in manchen Fällen sogar beängstigend oder gefährlich. Als einziger Erwachsener in einer Familie zu leben kann viel bedeuten – alleinerziehend allerdings selten.

Etwa 1,6 Millionen Elternteile gelten in Deutschland als alleinerziehend (BMFSFJ 2020); Tendenz steigend. Das sind etwa 20 Prozent aller Familien (ebd.). Grund genug, sich einmal mit der Frage zu beschäftigen, ob der Begriff »alleinerziehend« noch zeitgemäß ist. Zunächst kann man diskutieren, ob Menschen, die ohne Partner_in mit Kindern zusammenleben, tatsächlich allein sind. »Allein« – das klingt nach Einsamkeit, es klingt trostlos, bemitleidenswert. Dabei schätzen viele alleinerziehende Elternteile ihre Lebenssituation positiv ein (vgl. Thielen 2016). »Allein« – das klingt auch danach, dass etwas fehlt, als sei die Familie nicht vollständig. Demgegenüber wird manchmal von »intakten« Familien gesprochen. Wer allein mit Kindern lebt, ist nicht intakt? Oder vielleicht nicht einmal Familie? Dabei zeichnet die Gesellschaft ein differenziertes Bild von Familie. Menschen empfinden sich in den unterschiedlichsten Konstellationen familiär verbunden. Diese Vielfalt ist erwünscht und – wenigstens dem Gedanken nach – als gleichwertig akzeptiert. Es gibt beispielsweise Großfamilien, Kleinfamilien, Patchworkfamilien oder Regenbogenfamilien. Sie alle werden als Familie bezeichnet. Wer aber ohne Partner lebt, der ist lediglich »alleinerziehend«!? Diese Form der Lebensgemeinschaft darf nicht den Titel »Familie« tragen und muss sich damit abfinden, ein Adjektiv zu sein. Wenigstens im Wortgebrauch handelt es sich bei Alleinerziehenden nicht um eine Familie.

Hin und wieder liest man den Ausdruck »Ein-Eltern- Familie« – durchsetzen konnte sich der Begriff aber nicht. Außerdem klingt das immer noch nach »nur einer – da fehlt wohl jemand«. Der zweite Teil der Wortkomposition lautet »-erziehend«. So gar nichts schwingt da mit von »Liebe«, »Geborgenheit« oder »Zuhause« – das klingt ausschließlich nach Arbeit! Und dann kommt natürlich die Frage auf, wer denn überhaupt »alleinerziehend« ist? In neun von zehn Fällen sind das Mütter (Statistisches Bundesamt 2018). Sicher, einige davon sind Witwen, bei anderen ist der Vater aus anderen Gründen nicht an der Erziehung beteiligt. Aber in den meisten Fällen gibt es da ja auch noch den anderen Elternteil. Und das ist gesellschaftlich und politisch auch gewollt. Das gemeinsame Sorgerecht ist die Regel und zudem gibt es ein verfassungsrechtlich geschütztes Recht auf Umgang zwischen dem Kind und dem Elternteil, der nicht hauptsächlich mit dem Kind zusammenlebt.

Getrennt leben und gemeinsam erziehen

Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Gastbeitrag aus dem Sozialmagazin.

Generell gilt es als förderlich für das Kindeswohl, wenn Eltern die Sorge gemeinsam ausüben und Kinder Kontakt zu beiden Elternteilen haben (vgl. Rücker 2019a). Der Gesetzgeber formuliert hierzu: »Zum Wohl des Kindes gehören in der Regel der Umgang mit beiden Elternteilen « (§ 1626 Abs. 3 BGB). Und auch für »sogenannte Alleinerziehende« ist dies ein attraktiver Lebensentwurf.
Die Verantwortung muss nicht allein getragen, wichtige Erziehungsfragen können gemeinsam geklärt werden und man muss nicht zu jedem Elternabend gehen, wenn das der andere im Wechsel übernimmt. Nicht zu unterschätzen ist die viele kinderfreie Zeit, von der Paare nur träumen können! Das heißt allein ist man in der Erziehung nicht. Das beschreibt so wenig die Situation des Elternteils, der hauptsächlich mit dem Kind zusammen lebt, wie es den anderen Elternteil diskriminiert, indem der Begriff »alleinerziehend« so tut, als gäbe es ihn gar nicht. Der Begriff, darauf läuft es wohl hinaus, ist überholt und dem gesellschaftlichen Wandel zum Opfer gefallen. Wir brauchen ein neues Wort für das, was die Lebensgemeinschaft mit Kindern und einem Erwachsenen beschreibt.

In Deutschland macht sich aktuell der Wandel der Zeit bemerkbar. Neue Pfade werden beschritten und es muss entschieden werden, wie sich das Bild vom Familienleben künftig entwickeln soll. Väter wollen längst nicht mehr eine Nebenrolle im Leben ihrer Kinder spielen, Mütter wollen arbeiten gehen (Rücker, 2019b) und viele Eltern trennen sich. Kinder wachsen in den unterschiedlichsten Familienkonstellationen auf. Derzeit scheint sich die Gesellschaft in einer Umbruchphase zu befinden; Familie erfindet sich neu. Seit der Kindschaftsrechtsreform von 1998 wird deutlich, dass sich die Nachtrennungsfamilie auch rechtlich in einer Neuorientierung befindet und sich neuen gesellschaftlichen Vorstellungen und Lebensrealitäten anpassen muss. In der Öffentlichkeit wird ein Trend zum Wechselmodell diskutiert (vgl. Rücker/Petermann 2019). Jedenfalls besteht offenkundig ein gesellschaftliches Bedürfnis, sich weiter in Richtung »gemeinsamer Elternschaft« und Gleichstellung der Geschlechter zu bewegen. Damit entfernen wir uns auch vom Begriff »alleinerziehend«.

Stefan Rücker, Dr., Diplom-Psychologe, ist Leiter der Forschungsgruppe PETRA in Hessen und Leiter der Arbeitsgruppe Kindeswohl an der Universität Bremen, Autor verschiedener Fachpublikationen und Berater. E-Mail: s.ruecker@projekt-petra.de

Christine Böttger, Philosophin (M.A.), Autorin verschiedener Fachpublikationen und Verfahrensbeiständin in Bremen.
E-Mail: cbttger@uni-bremen.de

Freiwilligkeit oder Zwangsgemeinschaft – oder gar diametrale Erziehung?

Leider, oder Gott sei Dank, sind Menschen und Beziehungen in der Realität nicht immer so, wie Pläne und Ideen sich das erhoffen. Manchmal gelingt es Eltern nach einer Trennung einfach nicht, als Team die Kinder großzuziehen. Und wen verwundert es, wenn zwei Menschen, die vielleicht in einer Beziehung bereits unterschiedliche Erziehungsvorstellungen hatten und Streit und Konflikte nicht lösen konnten, dies mit der Trennung und möglichen zusätzlichen Gefühlen von Eifersucht auf den neuen Partner des anderen, Liebeskummer oder Kränkungen nicht ganz plötzlich können?

Obwohl es keinen Anstieg an Trennungen und Scheidungen in den letzten Jahren gab (Statistisches Bundesamt, 2018), gibt es eine kontinuierliche Zunahme der Sorge- und Umgangsauseinandersetzungen an Familiengerichten (vgl. auch Böttger 2020). Denn nicht immer schaffen es getrennte Eltern sich ohne Hilfe zu einigen, bei wem das Kind leben soll, wie häufig ein Elternteil das Kind sieht oder wie eine Elternarbeit zusammen konkret aussehen kann. Die gemeinsame Sorge stellt den Regelfall dar. Väter können seit kurzem auch gegen den Willen der Kindesmutter Sorgerecht erhalten (BGH, Beschluss v. 15.06.2016; Az.: XII ZB 419/15). Die Übertragung der alleinigen Sorge ist dabei an große Hürden gebunden. Bei der prozessualen Anordnung oder Vereinbarung der Umgangsregelungen besteht ein großer Spielraum von der paritätischen Doppelresidenz, bei dem das Kind zu gleichen Teilen bei beiden Elternteilen lebt, über das Residenzmodell in variierenden Facetten bis hin zum Umgangsausschluss – wobei Letzterer nur in Ausnahmen und in der Regel temporär begrenzt angeordnet wird (§1684 Abs. 4 BGB). Umgangsregelungen sind rechtlich zwar unabhängig von der elterlichen Sorge, tatsächlich sind diese beiden Bereiche jedoch häufig eng miteinander verknüpft. Während noch bis in die 80er-Jahre des 20. Jahrhunderts das Sorgerecht nach einer Trennung auf denjenigen Elternteil überging, bei dem das Kind lebte, ändert sich aktuell nach einer Trennung die Sorge der Eltern regulär nicht. Der Umgang mit dem Elternteil, der das Kind nicht überwiegend betreut, wird tendenziell umfangreicher gestaltet als dies noch vor einigen Jahren üblich war (vgl. Schwarz 2011). Sowohl das gemeinsame Sorgerecht als auch Umgangsregelungen verlangen den Eltern eine fortgeführte Zusammenarbeit im Hinblick auf die Kinder ab. Ob es ethisch legitim ist, Eltern zur Gemeinschaft zu zwingen, ist eine andere Frage. Schwarz kritisiert hierzu: »Man könne sagen, dass das Rechtsinstitut der gemeinsamen elterlichen Sorge das allgemeinverbindliche frühe Zwangsinstitut Ehe abgelöst und im generationalen Dispositiv zentrale Ordnungsfunktion hinsichtlich von Zuordnung und Kontrolle übernommen hat. Der Kontrolle unterliegen mit diesem neuen Institut sowohl Erwachsene als Eltern wie auch Kinder« (Schwarz 2011, S. 253). Schaffen es Eltern nicht, konfliktarm die gemeinsame Elternschaft auszuüben, wünscht sich der »alleinerziehende« Elternteil sicher manchmal tatsächlich, allein erziehen zu dürfen – faktisch ist es nicht möglich. Von Alleinerziehenden wird dennoch gesprochen.

Trennungen nach Partnerschaftsgewalt

Geradewegs ad absurdum geführt wird der Begriff »alleinerziehend« in spezifischen Konstellationen wie beispielsweise bei häuslicher Gewalt. Natürlich sollen Eltern auch nach der Trennung kooperieren und weiterhin eine gemeinsame Verantwortung als Eltern wahrnehmen. Fraglich ist jedoch, ob das tatsächlich immer möglich ist oder ob es reicht, sich einfach »zu bemühen«. Die Unterstellung, dass Motive für Trennungen und Gründe fortgeführter Konflikte allein die Paarebene betreffen, erweist sich bei näherem Hinsehen häufig als Fehlannahme. Werden Konflikte, die auf der Elternebene bestehen und direkt die Kinder betreffen, für die gemeinsame Elternschaft bagatellisiert und als irrelevant erachtet, verengt dies den Blick. Besonders nachteilig wirkt sich das für Kinder im Umfeld von Hochstrittigkeit und häuslicher Gewalt aus (Rabe 2006). Mit der Verabsolutierung des Umgangs erhöht sich die Gefahr, dass vorschnell kindeswohldienliche Umgänge angenommen werden, wo tatsächlich Schutz erforderlich ist. Während die Sensibilität in der Fachöffentlichkeit für Kinder im Umfeld häuslicher Gewalt wächst und rechtliche Schutzmaßnahmen ausgebaut werden, ist bisweilen zu beobachten, dass nach Trennungen der Schutz von Kindern häufig erschwert wird.

Trennen sich Eltern, zwischen denen es Partnerschaftsgewalt gegeben hat, müssen sowohl Gewaltschutz, die Rechte der Eltern und die der Kinder in Einklang gebracht werden. Opfer haben ein Recht auf räumlichen Abstand vom Täter und sind ggf. gleichermaßen mit diesem durch ein gemeinsames Sorgerecht oder durch die Umgangsregelung verbunden. Problematisch ist, dass selbst in solchen Fällen, in denen es Partnerschaftsgewalt gegeben hat die Regelvermutung (§ 1626 Abs. 3 BGB) gilt, dass Umgang dem Kind gut tue. Dadurch wird der Kinderschutz in manchen Fällen aufgehoben. Für viele von Gewalt betroffene Elternteile bedeutet dies zudem, dass sie auch nach der Trennung weiterhin Gewalt ausgesetzt sind (BMFSFJ 2002), und die Verbundenheit mit dem Täter über die Kinder kann für die Opfer ein großes Risiko bedeuten. Ganz zu schweigen davon, dass eine gemeinsame Erziehung der Kinder auf Augenhöhe unrealistisch ist. Welch Euphemismus, hier von Alleinerziehenden zu sprechen.

Alleinerziehend oder alleingelassen?

Wie auch immer Familienleben mit nur einem Erwachsenen sich gestalten, ob Mütter oder Väter den anderen Elternteil als Unterstützung und Erziehungspartner erleben oder als Störenfried und Belastung, oder ob sie gar Angst vor ihm haben – alleinerziehend fühlt sich wahrscheinlich kaum jemand. Und meistens machen Menschengruppen, bestehend aus Kindern und einem einzigen Erwachsenen mehr als erziehen – sie sind Familie. Familie ist dort, wo Kinder leben.

Was sie anders macht, ist nicht ihre Art zu leben, sondern Missstände in den gesellschaftlichen Bedingungen. Wenn überwiegend allein betreuende Elternteile zum Beispiel einen Urlaub buchen, dürfen sie sich zunächst über Angebote freuen, die damit werben, dass Kinder kostenlos reisen. Bei näherem Hinsehen stellt sich jedoch heraus, dass solche Angebote zwei voll zahlende Erwachsene mit ihren Kindern adressieren; also »intakte Familien«. Auch bei Zoo-, Museums- oder Schwimmbadbesuchen sind »Alleinerziehende« von Familienangeboten ausgeschlossen. Denkt man dann noch an Steuergesetze, die Situation zur Kinderbetreuung, Sorge- oder Umgangsprobleme oder die häufige finanzielle Not – so gesehen sind die Mütter und Väter mit ihren Kindern doch allein, nur eben nicht alleinerziehend! Es ist noch viel zu tun, um die gesellschaftliche Akzeptanz für Familienkonstellationen nach Trennung und Scheidung zu verbessern. Fangen wir zunächst mit dem Begriff »alleinerziehend« an und verbannen ihn aus unserem Vokabular. 

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Ein Kommentar vorhanden

  • 11.09.2020 21:54 Uhr
    »Allein« – das klingt auch danach, dass etwas fehlt, als sei die Familie nicht vollständig.

    Ähm, ja. Genau darum geht's beim Begriff "Alleinerziehend". Wenn in einer Familie eine Person - und eben nicht zwei gemeinsam - für Finanzen, Organisation, Be- und Erziehung zuständig ist, dann fehlt etwad, nämlich Manpower. Das führt - wie die Autoren recherchiert haben könnten - gerne mal zu Altersarmut oder gesundheitlichen Beschwerden. Und wie sie weiterhin recherchiert haben dürften (Alleinerziehende unter Druck, Bertelsmann u.a.) gar nicht mal so selten.

    Ja, es gibt getrennte Väter/Mütter, die sich über den Mindestunterhalt und 14-tägige Besuche hinaus engagieren. Und ja, es gibt immer wieder Konservative oder Nicht-Denkende, die eine Unterscheidung zwischen "Familien und Alleinerziehenden" treffen.

    Aber deshalb den Begriff aufzulösen, kommt mir extrem schwurbelig-verkopft vor. Die wesentlich einfachere Alternative wäre, da einfach nicht mitzumachen und unter dem Dach "Familie" von "Alleinerziehenden" und "Paarfamilien" zu sprechen. Wenn sich jemand als "Getrennterziehend" bezeichnen mag, weil eine faire Aufgabenverteilung besteht, dürfte auch das in der heutigen Zeit für die meisten Gesprächspartner gut verständlich sein. Und "Single-Eltern" ist auch nicht wirklich neu.

    Gottseidank haben wir die Wahl und dürfen uns so bezeichnen wie wir möchten. Was ich nicht verstehe ist die Anmaßung der Autor*innen, mir das wegnehmen zu wollen. Hier wäre die Frage interessant: Ist eine*r von den beiden selbst betroffen?

    Pauschal von einer "Freizeitgarantie" zu sprechen, ist geradezu unverschämt. Jeder Mensch braucht nach 12 Tagen rund um die Uhr ansprechbar sein mal eine Regenerationsphase.
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