Gesundheit

Belastungen und Bedarfslagen Alleinerziehender

Alleinerziehende Mütter und Väter sind mitunter hohen Belastungen ausgesetzt, die sich psychisch und psychosomatisch äußern können. Das bindungstheoretisch fundierte Programm wir2 der Walter Blücher Stiftung zielt darauf, bei diesen Belastungen nachhaltig helfende Unterstützung zu geben. Von Matthias Franz und Gunter Thielen

30.07.2019 Bundesweit Artikel Sozialmagazin
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Matthias Franz und Gunter Thielen nehmen eine präventionsorientierte Sichtweise ein und stellen das Projekt und dessen bisherigen Erfolge vor.

Der Anteil Alleinerziehender in Deutschland steigt seit Jahrzehnten kontinuierlich. Das Risiko Alleinerziehender für ökonomische, gesundheitliche und psychische Belastungen ist gegenüber Paarfamilien stark erhöht – mit Langzeitfolgen für die mitbetroffenen Kinder. Trotz dieser seit Langem bekannten psychosozialen Belastungen erhalten Alleinerziehende keine ausreichende finanzielle und emotionale Unterstützung. Das bindungsorientierte Trainingsprogramm wir2 kann zumindest die psychischen und psychosomatischen Belastungen Alleinerziehender nachhaltig senken. In Kassel wurde aktuell hierzu erstmals ein bundesweit einmaliges Modellprojekt auf der Grundlage des Präventionsgesetzes initiiert.

Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Gastbeitrag aus dem Sozialmagazin.

Situation der Alleinerziehenden.

Die Einelternfamilie ist – entgegen dem allgemeinen demografischen Trend – eine in Deutschland seit Jahrzehnten wachsende Familienform. Der Anteil der 1,6 Millionen Alleinerziehender an allen Familien mit minderjährigen Kindern liegt in Deutschland bei 19,8 %. Fast jedes fünfte minderjährige Kind (2,3 Millionen) wächst bei nur einem Elternteil auf, in neun von zehn Fällen bei der Mutter, wobei in Ostdeutschland inzwischen fast jedes vierte Kind bei einem alleinerziehenden Elternteil lebt, in Westdeutschland dagegen nur etwa jedes sechste (Statistisches Bundesamt, 2017). Fast jedes fünfte minderjährige Kind wächst bei nur einem Elternteil auf. Nichts verändert hat sich hingegen bei den hohen psychosozialen Belastungen für Alleinerziehende. Zahlreiche Studien belegen seit Langem konstant eine ökonomische (Lenze/Funcke 2016) und gesundheitliche Benachteiligung, die schon in der Düsseldorfer Alleinerziehendenstudie nachgewiesen wurde (Franz et al. 2003). Darüber hinaus sind alleinerziehende Mütter im Vergleich zu Müttern in Paarfamilien häufiger durch Vollzeitarbeit, Zeitmangel, Zukunftsängste, Einsamkeit, die partnerschaftliche Konfliktsituation sowie damit verbundene Schuldgefühle und die alleinige Verantwortung im Alltag belastet. Aufgrund dieser komplexen und etwa bei der Hälfte der alleinerziehenden Mütter jahrelang anhaltenden Belastungskonstellation bestehen bei alleinerziehenden Müttern erhöhte Prävalenzraten für chronische somatische Erkrankungen, Schmerzen, Befindlichkeitsstörungen und psychische Störungen. Vor allem Depressionen, Angststörungen oder Substanzmissbrauch treten bei alleinerziehenden Müttern zwei- bis dreimal so häufig auf wie bei Müttern in Partnerschaften. Die Trennungseltern selbst wünschen sich neben finanzieller deshalb vor allem auch psychologische Unterstützung (Institut für Demoskopie Allensbach 2017).

Auch Kinder und Jugendliche aus Einelternfamilien zeigen deutlich häufiger Beeinträchtigungen ihrer Gesundheit sowie ihrer sozialen und kognitiven Entwicklung als Kinder aus Paarfamilien. Es bestehen bei ihnen häufiger emotionale oder Verhaltens- und Schulprobleme sowie ein erhöhtes Risiko für Übergewicht, Drogenmissbrauch, Rauchen und psychische Beeinträchtigungen (Franz et al. 2003). Selbst als Erwachsene leiden ehemalige Trennungskinder aus konfliktbelasteten Familien noch häufiger unter psychischen Störungen wie Depressionen oder Substanzmissbrauch, einhergehend mit einem deutlich höheren Nikotinkonsum, häufigerer Arbeitslosigkeit, einer geringeren Lebenszufriedenheit, mehr Beziehungskonflikten, einem erhöhten eigenem Scheidungsrisiko und sogar einem höheren Mortalitätsrisiko als Folge der Erfahrung einer elterlichen Trennung in der Kindheit (Gilman et al. 2003; Ringbäck/Weitoft et al. 2003). Dabei zeigt sich, dass das Ausmaß familiärer Gewalt und Konflikte bzw. die elterliche Überforderung sowie eingeschränkte Elternkompetenzen das kindliche Risiko für psychische Beeinträchtigungen und Problemverhalten bis ins spätere Erwachsenenleben maßgeblich beeinflussen (Gilman et al. 2003). Kinder und Jugendliche aus Einelternfamilien zeigen deutlich häufiger Beeinträchtigungen ihrer Gesundheit. Diese Zusammenhänge zwischen konflikthafter elterlicher Trennung und langfristig erhöhten psychosozialen und gesundheitlichen Risiken sowohl für die betroffenen Eltern als auch für die Kinder lassen sich durch das Zusammentreffen von Alleinerziehendenstatus und ungünstigen sozioökonomischen Faktoren wie Armut oder geringe Schulbildung erklären (Ringbäck Weitoft et al. 2003), allerdings nur teilweise. Weitere gesundheitliche Risikofaktoren stellen das Ausmaß an familiären Konflikten, das elterliche Erziehungsverhalten, der eventuelle Verlust des sozialen Netzwerks und nicht zuletzt Beeinträchtigungen des elterlichen Wohlbefindens bzw. der psychischen Gesundheit. Insbesondere eine anhaltende mütterliche Depression – unter der alleinerziehende Mütter gehäuft leiden – stellt einen gesicherten Risikofaktor für die emotionale, kognitive und soziale Entwicklung des Kindes dar. Depressive Mütter wenden nicht nur vermehrt ungünstige Erziehungspraktiken an, sondern sind auch in der Emotionsverarbeitung und in ihren empathischen Fähigkeiten eingeschränkt. Hierdurch ist die Mutter-Kind-Beziehung bzw. -Bindung häufiger beeinträchtigt.

Studien zeigen, dass eine erfolgreiche Behandlung der mütterlichen Depression zwar das elterliche Stressempfinden reduziert, aber nicht automatisch auch zu einer Verbesserung der Mutter-Kind-Beziehung führt. Da eine feinfühlige Wahrnehmung und elterliche Beantwortung der kindlichen Affektsignale und der dahinterstehenden Bedürfnisse elementare Voraussetzung für die Entwicklung eines sicheren Bindungsmusters und eines positiven Selbstwertempfinden des Kindes ist, sollten präventive Interventionen für depressiv beeinträchtigte Mütter aus bindungstheoretischer Sicht auch auf eine Verbesserung der Elternkompetenzen und Feinfühligkeit fokussieren.

Zum Weiterlesen: 
In Ausgabe 06/19 des Sozialmagazin (S. 14)

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