Diskriminierung

Die unbenannte Realität: Rassismus und Trauma

Traumatische Erfahrungen müssen nicht immer auf physische Gewalt oder Bedrohung zurückgehen. Im Beratungskontext für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt wird deutlich, dass auch Diskriminierungserfahrungen starke Belastungen hervorbringen und zu ausgeprägten Beeinträchtigungen im Lebensverlauf führen können.
Von Robert Enge und Silke Birgitta Gahleitner

26.02.2020 Bundesweit Artikel Sozialmagazin
  • © www.pixabay.de

Das Thema »Rassismus und Trauma« sowie die (fehlende) Auseinandersetzung über die Verbindungspunkte der beiden Konzepte beschäftigen uns seit längerer Zeit. Als Fachberater in einer spezialisierten Beratungsstelle für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt und ehemalige Mitarbeiterin einer stationären Wohngruppe für traumatisierte Mädchen begegneten uns immer wieder Erzählungen, die den Schluss zulassen, dass traumatische Reaktionen nicht notwendigerweise auf physische Gewalt oder Bedrohung zurückgehen müssen. Vielmehr können auch rassistische Erfahrungen und Diskriminierungen im Alltag traumatische Reaktionen hervorrufen (Überblick Carter 2007). Insbesondere im Beratungskontext für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt wird die Permanenz und Vielgestaltigkeit der rassistischen Erfahrungen immer wieder deutlich. Viele Ratsuchende berichten, wie sie in der Öffentlichkeit mit abfälligen Blicken konfrontiert, in sozialen Beziehungen und Kontexten immer wieder auf ihr vermeintliches Anderssein reduziert werden, Beleidigungen und Anfeindungen ausgesetzt und schutzlos ausgeliefert sind. Die »verbalen und nonverbalen Beleidigungen, Kränkungen und Demütigungen« (Yeboah 2017, S. 148) stellen tägliche Erschütterungen des Selbst dar und können zu ausgeprägten psychischen Belastungen führen.

Trauma und Rassismus werden jedoch in der Praxis selten in ihrem Zusammenwirken wahrgenommen. In klinischen Arbeitsbereichen des Gesundheitswesens sind Konzepte von sozialer Ungleichheit, von Diskriminierung und Rassismus deutlich unterrepräsentiert und stattdessen diskriminierende Praxen die Regel im Alltag (Ayim 1995; Mader 2015; Velho 2018). Selbst die Psychotraumatologie scheint sich schwer damit zu tun, Rassismuserfahrung als Trauma zu benennen. In Praxisfeldern des Sozialwesens wiederum finden sich nur begrenzt klinische Kenntnisse und Kompetenzen. Der Blick in die Forschung, die Rassismus als Trauma beschreibt, zeigt ein ähnliches Bild. Während in der angloamerikanischen Forschung bereits umfangreiche Fachdebatten zum Zusammenhang von Rassismuserfahrungen und deren Auswirkungen auf die seelische und körperliche Gesundheit geführt werden (vgl. umfangreiche Übersicht von Carter 2007), stehen wir im deutschen Sprachraum mit einem wissenschaftlichen Diskurs, der beides in den Blick nimmt – teilweise in der berechtigten Sorge vor pathologisierenden Festschreibungen – noch ganz am Anfang (vgl. Castro Varela 2018; Debatte Mader 2015; Velho 20018). Dies ist umso bedauerlicher, als die Überlebenskraft und -kreativität Traumabetroffener sehr konstruktive Kräfte entfalten können, wenn sie fachgerecht unterstützt werden.

Selbstverständlich sind nicht alle Menschen, die von Rassismus oder anderen Diskriminierungen betroffen sind, traumatisiert. Vielmehr verfügen Betroffene über umfangreiche Ressourcen und Widerstandspotenziale im Umgang mit Rassismus und entwickeln unterschiedlichste Bewältigungsformen in einem breiten Spektrum zwischen »den Anforderungen der gesellschaftlichen Funktionssysteme und den Verarbeitungsmöglichkeiten der individuellen Psyche« (Großmaß 2006, S. 5). Nähert man sich dem Geschehen interdisziplinär, aus der Perspektive sozialer oder sequenzieller (Keilson 1979) Traumaphänomene und ohne Fixierung auf die pathologischen Anteile, können adäquate Begegnungs-, Begleitungs- und Beratungsformen auch so etwas wie posttraumatische Wachstumsprozesse (Gahleitner et al. 2017; ursprünglich Tedeschi/Calhoun 1995) entfalten helfen. Im Folgenden wird anhand eines Beratungsprozesses die zunächst als individuell erlebte rassistische Erfahrung und daraus resultierende Belastung verdeutlicht. Die professionelle Antwort darauf versucht, die Belastungen wieder in das komplexe Gefüge zwischen psychologischen, physiologischen und sozialen Prozessen zurück zu verorten und umfassende Unterstützung anzubieten.

Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Gastbeitrag aus dem Sozialmagazin.

Rassismus und Trauma – zwei getrennte Diskurse

Insbesondere Analysen im amerikanischen Raum zeigen auf, dass Diskriminierungserfahrungen und psychosoziale Gesundheit miteinander verbunden sind. In einer umfassenden weltweiten Auswertung gesundheitlicher Daten zeigt sich beispielsweise, dass Ungleichheits­verhältnisse in Gesellschaften mit gesundheitlichen Problemen einhergehen (Wilkinson/Pickett 2010). Auch Untersuchungen aus dem deutschsprachigen Raum belegen, dass Benachteiligung mit physischer und psychischer Beeinträchtigung gekoppelt ist (Mielck 2011). Auf diese Weise kristallisiert sich weltweit als größter Einflussfaktor gesundheitlicher Probleme die soziale Ungleichheit heraus. Mangel an Respekt, Wertschätzung und Ansehen als immer breiter und offener auftretende Phänomene (Heitmeyer 2012) sind offenbar gewichtige Faktoren mit negativem Einfluss auf Gesundheit und Lebenserwartung (vgl. spezifisch für den Traumabereich Brandmeier/ Ottomeyer 2016). Das »abgehängte Prekariat« leidet unter der Exklusion nicht nur durch Armut, sondern diese geht mit gravierenden gesundheitlichen Risiken einher (Franzkowiak et al. 2011). Amerikanische Untersuchungen belegen, dass auch Rassismuserfahrungen ohne körperliche Gewalt traumatische Reaktionen hervorrufen können. Die Autor_innen machen deutlich, dass die Diskriminierungserfahrungen sich psychisch wie physisch in den Körper einschreiben (Bryant-Davis/Ocampo 2005; Carter 2007). Die sogenannten rassistischen Mikroaggressionen (Pierce 1974) unterbrechen immer wieder den Versuch von Erholungsphasen. Die Ressourcen, die zur Bewältigung zur Verfügung stehen, schwinden mit den Wiederholungen und können eine Genesung ver- bzw. behindern. Aufgrund der permanenten Belastungssituation beschreiben Betroffene Symptome wie Intrusionen, Schlafstörungen, Angst- und Panikzustände, Hyperarousal, Vermeidungsstrategien und dissoziatives Verhalten. Ein Blick auf den Begriff Trauma im klinischen Bereich lässt jedoch erkennen, dass Rassismuserfahrungen nur sehr geringfügig Gegenstand international anerkannter Leitlinien oder Diagnosemanuale sind. Trauma wird dort als ein Ereignis erlebter oder beobachteter Bedrohung des Lebens oder der körperlichen oder psychischen Integrität einer Person definiert (Saß et al. 2003).

Auch und besonders im deutschen Sprachraum fasst diese Erkenntnis daher erst langsam Fuß. Es lassen sich zwar Studien finden, die den Zusammenhang zwischen Migration und Gesundheit untersuchen, jedoch keine, die einen möglichen Zusammenhang zwischen Rassismus und psychischer Gesundheit zum Gegenstand haben (Yeboah 2017, S. 144). Hingegen treten qualitative Analysen zu den psychischen Auswirkungen von Rassismus- bzw. Diskriminierungs­erfahrung (Ayim 1995; Baer/Frick-Baer 2016; Mader 2015; Kilomba 2008; Prasad 2018; Sequeira 2015) seit einigen Jahren deutlicher hervor. Die Scheu vor dem Traumabegriff in diesem breiten Anwendungsbereich ist auch nicht ganz unberechtigt: Beides im Zusammenhang zu betrachten birgt durchaus Gefahren. Die Erschütterung über traumatische Erlebnisse und deren Aus­wirkungen führt nicht selten zu einer Stigmatisierung der Opfer sowie einer Konzentration auf die pathologischen Aspekte (Mader 2015; Velho 2018). Häufig wird dabei übersehen, dass Traumatisierte mit ihrem Leben auch weiterhin zurechtkommen müssen und dies vielen unter großen Leistungen und Anstrengungen auch gelingt (Birck 2001).

Die Sorge vor einseitigen Pathologisierungen hat daher viele Vertreter_innen der Sozialwissenschaften auf Abstand zum klinischen Feld und den dortigen Konzepten gehalten. Dies hat jedoch dazu geführt, dass Mitarbeiter_innen in Feldern wie spezialisierte Fachberatungs­stellen, Beratung im Bereich Frauenhandel oder Flucht wenig auf Kompetenzen im Traumabereich geschult wurden. Im Folgenden soll an einem Beispiel veranschaulicht werden, dass es sich als hilfreich und unterstützend auswirken kann, beide Felder zu verknüpfen und Adressat_innen entsprechende Kompetenzen zur Verfügung zu stellen.

Zum Weiterlesen: In Ausgabe 2/2020 des Sozialmagazins (S. 56)

© Sozialmagazin.

Der Inhalt dieses Beitrags ist urheber- und leistungsschutzrechtlich geschützt. Jegliche Nutzung von Inhalten, außer zum persönlichen Gebrauch, ist ohne ausdrückliche schriftliche Zustimmung der Julius Beltz GmbH & Co. KG unzulässig. Dies gilt insbesondere für ganze oder teilweise Veröffentlichung, Vervielfältigung, Weitergabe, Bearbeitung oder Einspeisung in elektronische Systeme (z.B. Unternehmensnetze oder Datenbanken). Derartige Verwendungen sind ohne gesonderte vertragliche Vereinbarung unzulässig und verstoßen gegen geltendes Recht. Alle Rechte bleiben vorbehalten. www.juventa.de


Mehr zum Thema


Schlagworte

Keine Kommentare vorhanden

Sie sind derzeit nicht angemeldet. Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich vorab bei uns registrieren. Alternativ können Sie sich über Ihren Facebook-Account anmelden.
Anmelden