Soziale Arbeit

Digitale Kooperation mit Adressaten? Ja, aber nicht um jeden Preis

Die Digitalisierung in der Sozialen Arbeit gleicht derzeit einem Universum von Möglichkeiten, die um uns herum noch nicht wirklich funktionieren. Zumindest nicht, wenn es um die direkte Kooperation von Fachkräften und Adressaten geht. Von Martin Klein

29.05.2019 Bundesweit Artikel Sozialmagazin
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Dies lässt sich einerseits mit einer eher technikdistanzierten Haltung der Fachkräfte in der Sozialen Arbeit begründen. Gründe für diese Technikdistanz finden sich neben der gesellschaftlichen Ebene auch auf der Organisations- und der Einzelfallebene. Andererseits beteiligt sich sowohl die Wissenschaft als auch die Praxis der Sozialen Arbeit in Deutschland bisher nicht proaktiv an der Entwicklung geeigneter Technik. Dieses Feld wird bisher anderen Akteuren überlassen. Von Gründen und möglichen Auswegen handelt dieser Text. 

Der Begriff der Digitalisierung wird derzeit inflationär verwendet. Den Satz, dass die Digitalisierung alle Lebensbereiche durchdringt, mag man schon nicht mehr lesen. Manchmal kann es helfen, einen Schritt nach hinten zu treten, um die Perspektive bzw. den Blick etwas zu weiten.

Die Zukunft des Menschen wurde seit jeher von technischen Entwicklungen beeinflusst. Die Geschichte der Technik gehört zur Menschheitsgeschichte und wirkt damit immer schon auf die kulturelle, soziale und politische Umwelt (Conrad 1997, S. 5). Ohne Technisierung wäre der Mensch ein ziemlich unauffälliges Tier (Harari, S. 11 ff.). Für Hans Blumenberg ist Technik einfach »ein Universum von Dingen (…), die um uns herum funktionieren. « Er interessierte sich vor allem für den Prozess der Technisierung. Mit dieser begrifflichen Genügsamkeit bezeichnet er damit den Übergang zur Technik und den Prozess der ständigen »Vermehrung und Verdichtung dieser Dingwelt« (Blumenberg 1981, S. 10). Dabei geht es ihm um die Stellung des Menschen zur Technik, der Antinomie von Lebenswelt und Technisierung und der Entfremdung oder der Herrschaft der Technik über den Menschen (vgl. Blumenberg 2009).

Für Blumenberg entspringt die Technisierung aus der Spannung zwischen einer unendlich theoretischen Aufgabe und der vorgefundenen »Daseinskapazität« des Menschen (Blumenberg 1981, S. 51). Technik ist nicht mehr nur noch Instrumentarium der Daseinssicherung, sondern wird zu einem Moment der Selbstverwirklichung, der neue Bedürfnisse direkt mit produziert (ebd. S. 16).

In der Menschheitsgeschichte sind vor allem die »Quantensprünge« in der technischen Entwicklung interessant, weil sie enorme Auswirkungen auf den Menschen und die Umwelt zeigen. Daher wird in diesem Zusammenhang häufig der Begriff der Revolution verwendet. Das gilt für die neolithische Revolution in der Steinzeit genauso wie für die industrielle Revolution des 18./19. Jahrhunderts. Gegenwärtig erscheint es durchaus plausibel, von einer digitalen Revolution zu sprechen.

Blumenbergs gelassene Technik-Definition ist pragmatisch, allgemein, aber damit auch vage. Für die Diskussion in der Sozialen Arbeit kann zur Konkretisierung die Unterteilung von Renn und Zwick (1997, S. 87 ff.) ergänzt und angepasst werden. Sie unterteilen den Technikbegriff in die drei Anwendungsbereiche: externe Technik, Konsumtechnik und Technik am Arbeitsplatz. Diese drei Anwendungsbereiche unterscheiden sich u. a. bezüglich der Akzeptanz in der Öffentlichkeit. Während externe Technik, wie z. B. Kraftwerke, Mobilfunkantennen oder das Projekt zur automatischen Gesichtserkennung am Berliner Bahnhof Südkreuz häufiger gesellschaftliche Widerstände auslösen, erfährt die Konsumtechnik und die Technik am Arbeitsplatz eher Zustimmung (Deutsche Akademie der Technikwissenschaften 2018, S. 14).

Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Gastbeitrag aus dem Sozialmagazin. 

Technik-Akzeptanz in der Sozialen Arbeit

Wie sieht es aber konkret mit der Technik-Akzeptanz im Bereich der Sozialen Arbeit aus? In einer deutschlandweiten, repräsentativen Befragung zum Thema Digitalisierung haben sich die Befragten, die in einem Wohlfahrtsverband arbeiten, eher der technikdistanzierten Seite zugeordnet. In deutlichem Kontrast hierzu befinden sich die Befragten, die eine naturwissenschaftlich-technische Ausbildung absolviert haben, oder aber angegeben haben, in der Industrie beschäftigt zu sein (ebd. S. 75). Woher kommt diese mehrheitlich kritische Haltung in den Wohlfahrtsverbänden? Warum bewerten sich die Fachkräfte dort eher als technikdistanziert und weniger als technikzugewandt?

Ausgehend von den drei oben beschriebenen Anwendungsbereichen der Technik könnte es für das Thema Digitalisierung (in) der Sozialen Arbeit hilfreich sein, diese Dreiteilung zu übernehmen und anzupassen. Exemplarische Gründe für eine eher technikdistanzierte Haltung werden nachfolgend für das Thema Digitalisierung (in) der Sozialen Arbeit auf der gesellschaftlichen, der Organisations- und der Einzelfallebene skizziert.

Gesellschaftliche Ebene

Die Technisierung erzwingt nach Blumenberg rücksichtslos die Anpassung der »mangelhaften« Natur an ihre Anforderungen (ebd. S. 16). Diese Perspektive findet sich aber nicht nur in der philosophischen, sondern auch der in der soziologischen Theorietradition. William F. Ogburn, ein Pionier der Technikfolgenabschätzung, hat technische Innovationen als nicht aufhaltbar beschrieben und daraus die Schlussfolgerung gezogen, dass Gesellschaften zu Anpassungsleistungen gezwungen sind. Damit wird unterstellt, dass die technische Entwicklung der gesellschaftlichen Reaktion immer einen Schritt voraus ist. Dies führt zu einem »cultural lag« (Ogburn 1922: S. 200 ff.). Institutionen, Werte, Normen, Organisationen (»immaterielle Kultur«) können mit dem schnellen technischen Fortschritt nicht mithalten. Aus dieser zeitlichen Asymmetrie können auch durch die Digitalisierung soziale Probleme und Konflikte wie z. B. Arbeitslosigkeit, Benachteiligung, Ausgrenzung und Diskriminierung entstehen. Die Fachkräfte der Sozialen Arbeit arbeiten überwiegend reaktiv mit den Adressaten daran, wieder Zugang zu Chancen der Selbstbestimmung und Selbstachtung zu bekommen. Diese Erfahrungen können Auswirkungen auf die Haltung der Fachkräfte der Sozialen Arbeit zur Digitalisierung haben.

Die Störanfälligkeit der Infrastruktur könnte ein weiterer Grund für eine eher technikdistanzierte Haltung der Fachkräfte der Sozialen Arbeit sein. Wer jemals die Internetseiten Shodan, Opentopia, Insecam etc. gesehen hat, weiß, wie einfach es ist, sich die Web- oder Überwachungskameras, Lichtsteuerung, Cloud-Festplatten oder Heizungsthermostate von Smart-Home-Haushalten anzuschauen. Es bleibt allerdings nicht immer nur bei der Zuschauerperspektive. Mit etwas krimineller Energie lassen sich diese Geräte auch von außen steuern. Zahllose Videos belegen, dass ahnungslose Smart-Home-Besitzer durch das für sie nicht nachvollziehbare kontingente An- und Ausschalten ihrer Radios, Fernseher, des Lichts oder der Jalousien durchaus Unterhaltungswert haben können. Auf diesen Seiten lassen sich sogar Kraftwerke, Krankenhäuser, Wasserversorgung oder Verkehrssysteme überwachen und teilweise sogar steuern. Die feindliche Übernahme und Fremdsteuerung des Internets der Dinge ist nicht nur denkbar, sondern wird bereits praktiziert. Diese Anfälligkeit ist eine Folge der fortschreitenden Digitalisierung. Michel Foucault hat diese Dimension nicht mehr erlebt, obwohl er mit dem Begriff »Panoptismus « die zunehmenden Überwachungs- und Kontrollmechanismen und die daraus resultierende soziale Konformität des Individuums sehr treffend beschrieb (Foucault 1992, S. 260). Die unzähligen Kameras, die Kinderzimmer, Haustüren, Flure etc. überwachen, sollen dem eigentlichen Schutz der Privatsphäre dienen und können durch diese panoptische Machtasymmetrie (Rothmann 2017, S. 222 ff.) das Gegenteil bewirken.

Organisationsebene

Organisationen haben drei unterschiedliche Seiten (Luhmann 1964, S. 246 ff.; siehe auch Luhmann 2000). Von außen nimmt man in der Regel die Schauseite der Organisation wahr. Mit dieser Schauseite oder Fassade zeigt eine Organisation, wie sie gerne gesehen werden will. Vom Corporate Design über die Internetseite bis hin zu den Flyern, Leitbildern und der Öffentlichkeitsarbeit versucht eine Organisation Qualität, Professionalität und Attraktivität zu zeigen. Jede Organisation der Sozialen Arbeit wird nach außen betonen, wie wichtig ihr der Datenschutz ist, dass sie alle Gesetze und Regeln einhalten und trotzdem innovativ sind.

Auf der formalen Seite der Organisation wird dann der Umgang mit dem Datenschutz festgelegt. Jeder Mitarbeitende muss sich verpflichten, diese Vorgaben einzuhalten. Die Kommunikation zu den Kostenträgern und zu den Adressaten darf – häufig sogar ausdrücklich – nicht über alltäglich verwendeten Apps und Programme laufen. Wenn diese Vorgaben nicht eingehalten werden, kann man nicht Mitglied der Organisation bleiben. Bei Bekanntwerden der Nichteinhaltung gibt es die Schrittfolge Ermahnung, Abmahnung und letzten Endes die Kündigung. Diese Mitgliedschaftsbedingungen gehören zur formalen Struktur der Organisation.

Nun kommt aber die dritte Seite der Organisation ins Spiel, die nicht auf der Schauseite und nicht in der formalen Struktur zu finden ist. Ein Teil der Organisationsstruktur kann als Informalität bezeichnet werden, wenn eine Handlung mit einer gewissen Regelmäßigkeit von der Formalstruktur abweicht (ebd. S. 247). Dies ist vor allem dann der Fall, wenn es um Einstellungen oder Haltungen geht. Organisationen der Sozialen Arbeit sind häufig mit widersprüchlichen Anforderungen konfrontiert. Diese lassen sich aber nicht formal regeln. Ein vierjähriges Kind in einer Wohngruppe der Jugendhilfe, das seine räumlich weit entfernte Mutter sehen und sprechen will, trifft bei den zuständigen Fachkräften auf viel Verständnis. Dies trifft auch für die Mutter zu, die die Fachkräfte bittet, ihrem Kind ein Smartphone oder Tablet in die Hand zu geben, damit sie miteinander skypen können. Formal müssten die Fachkräfte diesem Wunsch eine Absage mit dem Hinweis auf Datenschutz erteilen. Gleichzeitig haben sie den Auftrag vom Jugendamt, die Mutter-Kind-Beziehung zu stärken. In nicht wenigen Fällen wird hier die Entscheidung für den Wunsch der Mutter und für den Wunsch des Kindes getroffen, obwohl dies formal untersagt ist. Die zuständigen Leitungskräfte und die Fachkräfte des Kostenträgers werden »offiziell« nichts mitbekommen (wollen) und dieses Vorgehen im Sinne einer »brauchbaren Illegalität« (Luhmann 1964, S. 304) dulden. Ein Rechtfertigungszwang entsteht erst, wenn es offiziell angefragt wird. Interessant ist, dass darüber nicht kommuniziert werden kann. Weder die Leitungskräfte noch die Fachkräfte können und wollen dieses Thema ansprechen, ohne in ein Dilemma zu geraten. Niklas Luhmann bezeichnet dies als Kommunikationslatenz (Luhmann 1984, S. 457). Das schlichte Problem besteht darin, dass eine entsprechende sichere Technik für den Arbeitsplatz nicht vorhanden ist. Die Programme, die Softwareanbieter entwickeln, passen nicht zu den hohen Datenschutzanforderungen für die digitale Kooperation mit Adressaten der Sozialen Arbeit. Umgekehrt zeichnet sich die Praxis aber auch häufig durch eine gewisse Überforderung aus. Selbst bei den Organisationen, wo eine gewisse Techniknähe vorhanden ist, scheitern eigene Entwicklungen oft an den Ressourcen und am Know-how. Zudem ist das Thema mit Angst besetzt, oft wird gesagt: »bevor wir da etwas falsch machen, machen wir lieber nichts« (Kopf; Schmolze Krahn 2018, S. 95).

Zum Weiterlesen: In Ausgabe 3-4.2019 des Sozialmagazin (S. 39)

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