Gastbeitrag

Aus der Sicht eines Philosophen: Ist Intelligenz angeboren?

Diese Frage beschäftigt die Philosophie seit ihrem Gründervater Platon. Er argumentierte als Erster dafür, dass sie angeboren ist, und zwar auf der Basis einer Theorie des Lernens. Ein Gastbeitrag von Markus Gabriel

27.03.2018 Bundesweit Artikel BEGEGNUNG
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Auf Griechisch heißt lernen manthanein, daher kommt die Mathematik. Platons Hauptargument dafür, dass Intelligenz angeboren ist, dreht sich entsprechend um das Problem mathematischen Wissenserwerbs. In seinem Dialog „Menon“ bringt Sokrates einem ungebildeten Sklaven den damals als besonders knifflig geltenden Beweis eines mathematischen Lehrsatzes in kleinen Schritten bei. Damit kommt dasjenige zur Anwendung, was die heutige Intelligenzexplosion im Zeitalter der Digitalisierung kennzeichnet: ein Algorithmus.

Ein Satz wird mittels einer Reihe mechanisch anwendbarer Schritte bewiesen, die es jedem, der sich nicht ablenken lässt, erlauben, den Beweis nachzuvollziehen. Daraus schließt Platon, dass jeder hinreichend gesunde Mensch imstande sein muss, dieselben Einsichten wie ein anderer Mensch zu erwerben. Was wir lernen, kann dabei aber nicht insgesamt in unserem Vermögen bestehen, Regeln zu befolgen, die jemand entdeckt hat, der mit einem Problem konfrontiert war. Denn um solche Regeln zu befolgen, benötigen wir eine Einsicht in Zusammenhänge.

© Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn Markus Gabriel ist Professor für Erkenntnistheorie, Philosophie der Neuzeit und Gegenwart an der Universität Bonn.

Intelligenz und Bauchgefühl

Das Vermögen, Zusammenhänge überhaupt zu erkennen, wenn sie vorgeführt werden, ist Platon zufolge eine andere Form von Intelligenz als die im engeren Sinne logisch-mathematische, die in der Entdeckung und geschickten Anwendung von Algorithmen besteht. Damit Algorithmen zur Anwendung kommen können, müssen wir nämlich Strukturen, das heißt Muster erkennen. Ohne strukturellen Input können keine internen Verarbeitungsmechanismen zu Erkenntnis und damit zu einer Problemlösung führen. Der strukturelle Input kann nicht selbst aus Algorithmen bestehen. Irgendwann müssen wir in der Kette dessen, was wir erlernt haben, auf einen Anfangspunkt stoßen. Wir stehen mit der Wirklichkeit nicht nur auf mathematisch rekonstruierbare Weise in Kontakt.

Wir müssen in Kontakt mit Wirklichem stehen, das wir noch nicht logisch-mathematisch entschlüsselt haben, damit eine Entschlüsselung überhaupt einsetzen kann. Diesen jeder logisch-mathematischen Kodierung und Dekodierung vorgängigen Kontakt bezeichnet die Philosophie seither als Intuition beziehungsweise als Anschauung, was alltäglich auch als „Bauchgefühl“ bekannt ist.

Die Intuition ist Platon zufolge angeboren. Jeder Mensch steht von Geburt an in Wirklichkeitskontakt. Darin ist Platon zuzustimmen. Kinder könnten ja keine Sprache erlernen, wenn sie nicht spätestens nach der Geburt – natürlich beginnt dies alles schon im Mutterleib – imstande wären, Strukturen zu erfassen. Heute erklären wir dies freilich nicht mehr wie Platon unter Rekurs auf die Annahme einer unsterblichen Seele, die von Ewigkeit zu Ewigkeit mit Mustern ausgerüstet ist, die er bekanntlich als Ideen bezeichnet. Es genügt, der Natur selber Strukturen zu unterstellen, die sich in Lebewesen dank einer evolutionären Systembildung zu Musterkennungssystemen ausdifferenziert haben.

Langsam Denken ist gut

Auf dieser Basis gehe ich davon aus, dass hinreichend gesunde Menschen – wozu die Mehrheit der Neugeborenen gehört – mit den gleichen Vermögen ausgestattet sind. Menschen neigen von Natur aus zum Wissen-Wollen, wie Aristoteles dies gleich zu Beginn seiner „Metaphysik“ ausdrückt. Welche Artikulation von bereits vorhandenem Wissen welche Schüler erreicht, hängt demnach nicht von einem angeblich messbaren Intelligenzquotienten ab. Dieser misst allenfalls entweder die Rechengeschwindigkeit bereits erzogener Menschen oder testet ihre Musterkennungs-Software. Wer etwas wirklich verstanden hat, ist imstande, es jeder Person, die sich für die Sache interessiert, beizubringen. Die Geschwindigkeit der Auffassungsgabe ist dabei nicht maßgeblich. Denn manchmal versteht ein Schüler etwas nicht, weil ein tiefer Fehler vorliegt, welcher der Lehrperson verborgen ist. Langsames Durchdenken, vielleicht sogar über Jahre, führt hier womöglich zu radikal neuen Einsichten.

Was wir insgesamt Intelligenz nennen, sollte man nicht auf einen quantifizierbaren Quotienten reduzieren. Die intuitive Komponente, die wir unter anderem aufgrund unserer evolutionären Vorgeschichte haben, lässt sich nicht in Zahlenverhältnissen erfassen. Sie besteht darin, dass wir Zusammenhänge jenseits des bereits Bekannten erschließen, das heißt im Infragestellen. Welche Zusammenhänge uns einleuchten, um auf diese Weise die Muster dann abstrakt verwenden zu können, ist nicht an einen privilegierten Code gebunden. Heute verbreitet sich der Irrtum, Intelligenz sei erstens quantitativ messbar und zweitens privilegiert logisch-mathematisch. Das liegt daran, dass wir diese Komponente des menschlichen Denkens besonders gut modellieren, domestizieren und ökonomisch verwenden können.

Lebendiges Denken, das sich noch in der Entwicklung befindet, ist aber die Quelle aller tiefen Innovation und damit auch aller Heuristik. Was wir wirklich herausfinden, was also noch nicht bekannt ist, erschließt sich nur dadurch, dass wir über den Rahmen des bereits Kartographierten hinausgehen. Das Vermögen dafür, das Infragestellen, ist angeboren, da wir ohne dieses Vermögen keine autonomen Personen werden könnten.

Autoritäten in Frage stellen

Wer sich alles gefallen lässt, wird in seiner Intelligenz eingeschränkt. Als sprachliches und damit soziales Lebewesen verfügt der Mensch über ein angeborenes Vermögen. Dessen Ausübung wird durch sprachliche und soziale Umstände mitbestimmt. Intelligenz zeigt sich im Widerstand gegen falsche Autoritäten, das heißt gegen die explizite oder implizite Behauptung von Unwahrheiten. Wollen wir, dass unsere Kinder lernen, müssen wir ihnen in kleinen Schritten beibringen, uns ständig in Frage zu stellen. Denn nur, was sich in Frage stellen lässt, hält einer Überprüfung stand. 

Was wir heute angesichts der Digitalisierung dringend in Frage stellen müssen, ist das philosophisch gesehen völlig unzureichende Modell des Denkens, das sich angesichts der Künstliche-Intelligenz-Industrie verbreitet. Dieses Modell dient der Unterwerfung des Menschen unter seine eigenen Produkte. Deswegen brauchen wir in unseren Schulen und Universitäten eine Alternative zur naiven Idee, dass wir den Fortbestand und Fortschritt der Menschheit am Maßstab von Wissenschaft und Technik allein bemessen können. Dieses Ideal einer um die philosophische Dimension der Aufklärung verkürzten Moderne hat sich leider auch in unser Bildungssystem eingeschlichen, das einseitig auf MINT statt auf MIND setzt. Das ist nicht intelligent.

Dieser Beitrag wurde zuerst in der Zeitschrift "BEGEGNUNG – Deutsche schulische Arbeit im Ausland" 1-2018 veröffentlicht.


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