Gastbeitrag

Bekenntnis zum Einwanderungsland

Deutschland muss Verantwortung für Integration übernehmen. Deutschland ist ein Einwanderungsland. Lediglich in der politischen Rhetorik wird an dieser Realität gelegentlich noch gezweifelt. Von Dr. Henriette Litta

03.08.2017 Bundesweit Artikel didacta Infodienst
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Zu einem Einwanderungsland gehören drei Aspekte: Erstens eine regulierte Zuwanderung. Zweitens rechtliche Regelungen, die Zuwanderung ermöglichen. Und drittens eine gesellschaftliche Haltung, bei der Einwanderung selbstverständlich ist.  

Positive Wanderungs­bilanz
Nach Deutschland kommen seit Jahrzehnten mehr Menschen als das Land verlassen. Bis auf wenige Ausnahmejahre gibt es bereits seit 1957 eine positive Wanderungsbilanz. 2015 machte die Differenz ein Einwanderungsplus von über einer Million Personen aus. Die Flüchtlingszuwanderung trägt stark zu diesen hohen Zuzugszahlen bei. Diese hohe Zuwanderung ist für ein demografisch alterndes Land wie Deutschland eine Chance. Deutschland ist als Wirtschaftsstandort seit Jahren attraktiv, ebenso genießen die deutschen Hochschulen einen sehr guten Ruf.

Dr. Henriette Litta ist die Leiterin des Bereichs Geschäftsführung und Organisationsentwicklung beim Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration.

Die Rechtslage
Durch die EU-Freizügigkeit können Unionsbürger fast ohne jegliche Einschränkung nach Deutschland einwandern und hier leben, studieren oder arbeiten. Aber auch für Nicht-EU-Bürger hat Deutschland seine Einwanderungsregeln im letzten Jahrzehnt deutlich liberalisiert. Mittlerweile verfügt Deutschland über eine der liberalsten Gesetzgebungen im Bereich der Arbeitsmigration von qualifizierten Fachkräften in allen 35 OECD-Ländern. Allerdings ist es für Nicht-EU-Ausländer deutlich leichter, eine Aufenthalts­erlaubnis zu bekommen, je höher sie qualifiziert sind.

Das Selbstverständnis
Die Einschätzung über das Selbstverständnis ist schwierig. Hier gibt es Nachholbedarf. Es gibt immer noch kein Einwanderungsgesetz. Zwar sind die bestehenden Regeln ausreichend, aber ein Einwanderungsgesetz könnte eine wichtige Symbolkraft entfalten – in Deutschland und im Ausland –, dass Deutschland sich offiziell zu seinem Status als Einwanderungsland bekennt. Im Werben um die globalen Talente muss die Regierung offensiver werden und die bestehenden Regelungen bekannter machen. Die besten Gesetze nützen nichts, wenn sie niemand kennt und deshalb nicht in Anspruch nimmt. Die Zahlen der ausländischen Fachkräfte, die zum Arbeiten nach Deutschland ­kommen, sind noch bescheiden.  

Integration ist kein Selbstläufer 
Wer Einwanderung bejaht, muss auch Sorge für Integration tragen. Integration ist kein Selbstläufer und benötigt viel Zeit. Der Prozess verlangt in erster Linie eine Anpassungsleistung von den Neuankommenden. Das umfasst den Spracherwerb, Nachqualifikationen und das Kennenlernen der oft ungeschriebenen Gesetze des Miteinanders. Hier müssen genügend und sinnvolle Angebote zur Verfügung stehen. Nur wenn der Staat umfassend fördert, kann er auch eine Integrationsleistung einfordern.   Zweitens ist aber auch die Gesellschaft gefragt.

Inte­gration kann nur funktionieren, wenn der Wille besteht, Teilhabe für alle zu ermöglichen, Diskriminierung abzubauen und Kontakte, vielleicht sogar Freundschaften, in der Nachbarschaft aufzubauen. Diese Offenheit ist angesichts der wachsenden Vielfalt in Deutschland nicht immer einfach.

Mittlerweile bringt bereits jeder fünfte Einwohner eine Zuwanderungsgeschichte mit. Menschen aus allen Ländern dieser Welt und mit allen denkbaren Religionszugehörigkeiten und Traditionen leben in Deutschland. Das zeigt sich am besten in den Schulen. Hier ist ethnische Vielfalt Alltag. Diese stellt Schüler, Lehrer und Eltern vor Herausforderungen. Lehrkräfte sind oft nur unzureichend auf den Umgang mit Heterogenität im Klassenzimmer vorbereitet, zudem fehlt es vielen Schulen an finanziellen Mitteln, zum Beispiel für Sozialarbeiter. Verschiedene ethnische Gruppen und religiöse Zugehörigkeiten bringen neues Konfliktpotenzial mit sich – der Umgang mit dem muslimischen  Kopftuch ist hier nur ein Beispiel. Ein modernes Einwanderungsland muss sich den Herausforderungen der Vielfalt ehrlich stellen und darüber diskutieren, wie unser gemeinsames Zusammen­leben gut ­gestaltet werden kann.

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlich in: 
didacta Infodienst – Das Bildungsdossier für Politik und Bildungsverwaltung, Ausgabe 2/2017, S. 2-3, www.didacta.de.


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