Mehrsprachigkeit

Der Mann, der zehn Sprachen spricht

Konrad Fuhrmann arbeitet als Übersetzer bei der Europäischen Union. Der gelernte Lehrer spricht sieben Sprachen fließend, drei kann er gut lesen. Das Porträt eines Polyglotten im Magazin didacta. Von Tina Sprung

15.02.2018 Bundesweit Artikel didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen
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24 Amtssprachen gibt es in der Europäischen Union. Darunter Deutsch, Englisch, Spanisch, Slowakisch, Französisch, Maltesisch, Litauisch. Alle Verträge in der EU sind in den Amtssprachen verfasst. Dazu kommen fünf halbamtliche Sprachen wie Katalanisch und Baskisch, die zur Korrespondenz genutzt werden. Jedes Dokument in der EU, im vergangenen Jahr waren es über zwei Millionen Seiten, muss in alle Sprachen übersetzt werden. Da braucht es Sprachtalente wie Konrad Fuhrmann. Der 60-Jährige kann zehn Sprachen. Er arbeitet seit 2010 in der Generaldirektion Übersetzung in der EU-Kommission in Brüssel.

Konrad Fuhrmann ist ein Polyglotter. So nennt man Menschen, die mindestens fünf Sprachen sprechen. Fuhrmann kann Englisch, Französisch, Russisch, Polnisch, Italienisch, Lettisch und Schwedisch fließend. Die slawischen Sprachen im ehemaligen Jugoslawien wie Serbokroatisch versteht er gut, da diese eng mit dem Russischen verwandt sind.

„Schweizer Fernsehen gab mir den Kick“

Die Liebe zu Sprachen hat Fuhrmann früh entdeckt. Aufgewachsen in Überlingen am Bodensee, hat er mit 15 Jahren Schweizer Fernsehen empfangen können. „Die haben damals einen neuen Fernsehturm aufgebaut. Und dann bekam ich auch Sender auf französisch und italienisch herein. Das gab mir den Kick, Sprachen zu lernen“, erinnert sich Fuhrmann. Er begann, Volkshochschulkurse für die beiden Sprachen zu besuchen und in einer Arbeitsgruppe an seiner Schule Russisch zu belegen. „Der Lehrer hat einen richtig motiviert, obwohl er nur die Grundlagen vermittelte.“ Fuhrmann wuchs zudem in einer „sprachfreundlichen Umgebung“ auf: Die Großmutter ist Holländerin, beide Eltern sind Philologen. Beim Erlernen einer neuer Sprache hat Fuhrmann seine eigene Technik entwickelt. Ist die neu zu erlernende Sprache, etwa Tschechisch, mit einer, die er bereits beherrscht, verwandt, nutzt er keine Lehrbücher auf Deutsch, sondern auf Russisch oder Polnisch. So hat er den direkten Vergleich und kann „False friends“ – also ähnlich klingende Wörter mit unterschiedlicher Bedeutung – vermeiden. „Bei neuen Sprachen, bei denen noch keine Sprachkenntnisse vorhanden sind, lerne ich konservativ mit Lehrbüchern, pauke Vokabeln und Grammatik“, sagt er. Aber um Polnisch zu lernen, habe er einfach ein Buch gelesen. „Zu Beginn musste ich fast jedes Wort nachschlagen. Aber das Buch des polnischen Kulturhistorikers Kazimierz Chledowski über die Geschichte des toskanischen Siena war so interessant, das konnte ich nicht weglegen“, erinnert er sich.

Statt Arbeitsplatz Schule zur EU-Kommission

Wegen seiner Sprachbegabung begann Fuhrmann, unter anderem Slawistik auf Lehramt zu studieren und machte im Anschluss sein Referendariat in Baden-Württemberg. „Das Land stellte zu dieser Zeit keine Lehrer ein. Aber ich hatte Glück: Eine Bekannte arbeitete in der EU-Kommission und meinte: ,Hey, du sprichst doch so viele Sprachen. Wir suchen gerade Übersetzer.‘“ Er bewarb sich und wurde eingestellt. Er arbeitete zehn Jahre als Übersetzer bei EU-Institutionen, bis er 2004 für drei Jahre nach Lettland ging. Das Land bereitete sich damals auf die EU-Mitgliedschaft vor. „Wir wurden während der Vorbereitung in die Bewerberländer geschickt, um den Kontakt zu den einschlägigen Behörden herzustellen. Außerdem musste der „Acquis communautaire“ – für alle Mitgliedstaaten verbindlichen Bestimmungen des EURechts – ins Lettische übersetzt werden. Zurück in Brüssel arbeitete er bis 2010 in der Generaldirektion des Bereichs Kultur und Bildung.

Damals gab es noch einen Kommissar für Mehrsprachigkeit, den Rumänen Leonard Orban. Seit 2014 ist die Stelle nun unbesetzt. „Ich finde es schade, dass die Mehrsprachigkeit anscheinend nicht mehr wichtig genug genommen wird und kein Kommissar mehr für das Thema zuständig ist“, sagt Fuhrmann. Dabei möchte die EU, dass jeder Bürger zusätzlich zu der Muttersprache mindestens zwei Fremdsprachen erlernt. Zudem kritisiert er, dass sich das Fremdsprachenlernen zu stark auf Englisch beschränkt. Sprachenvielfalt werde nicht gefördert. Gerade in Grenzregionen sollten die Menschen die Sprache des Nachbarlandes in der Schule zuerst lernen – in Baden beispielsweise Französisch, um Beziehungen zu den Nachbarländern zu vertiefen. „Aber dagegen haben sich die Eltern gewehrt. Jetzt lernen die Kinder als erste Fremdsprache Englisch“, erzählt er.

„Italienisch klingt nach Oper“

Mittlerweile bildet Fuhrmann Übersetzer in der Generaldirektion Übersetzung in Brüssel aus und betreibt einen Podcast über Mehrsprachigkeit und Übersetzungsfragen. Erst im September machte er einen Beitrag. Viele seiner Kollegen sind Polyglotte. Die Zusammenarbeit mit ihnen findet Fuhrmann „stimulierend“. Er kann zu seinen Kollegen ins Nachbarbüro gehen und mit ihnen in verschiedenen Sprachen sprechen. Zu seinen Lieblingssprachen gehören Italienisch – „das klingt nach Oper und Kultur“ – und Russisch –„die russische Literatur fasziniert mich“. Eine vor Jahrzehnten erworbene Sprache habe er jedoch wieder etwas verlernt: die hebräische. Er konnte sich die hebräischen Wörter einfach nicht merken. War es das mit dem Sprachen lernen für Fuhrmann? „Nein, niemals. Die etwas vergessenen Sprachen wie Hebräisch will ich wieder in Angriff nehmen. Und das nächste große Projekt ist Chinesisch zu lernen, wenn ich bald in meinen Vorruhestand gehe. Mandarin, also Hochchinesisch, ist die einzige Sprache, bei der beide Gehirnhälften beansprucht werden. Das liegt an den bildhaften Schriftzeichen. Da freue ich mich jetzt schon drauf.“ 

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in:
didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen, Ausgabe 4/2017, S. 6-7, www.didacta-magazin.de


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