Kulturelle Bildung

Die ganze Welt in einer Bibliothek

(red/pm). Deutschland ist ein Einwanderungsland – das haben Bibliotheken längst erkannt. Viele von ihnen haben sich deshalb auf Nutzer verschiedener Herkunft eingestellt und ihr Angebot auf sie ausgerichtet. Sie bieten fremdsprachige Literatur und Zeitschriften oder Sprachkurse an. Vor allem der Leseförderung bei Kindern kommt eine besondere Rolle zu.

06.11.2012 Artikel
  • © bibliotheksverband.de

Die junge Frau ist tief versunken in ihre Lektüre. Konzentriert schweift ihr Blick über die schwarzen Buchstaben, das Gewimmel um sie herum scheint sie gar nicht wahrzunehmen. Hier in der Bibliothek am Luisenbad in Berlin-Wedding findet sie, was sie interessiert, gut sortiert – und in ihrer Muttersprache Türkisch. Im Moment ist das eine Hochzeits-Illustrierte. Die Bibliothek beherbergt rund 120.000 Medien, davon 5000 in türkischer Sprache. Dazu gehören CD´s, DVD´s, Zeitschriften, Tageszeitungen und Bücher.

Mit dem Schwerpunkt Türkisch hat sich die Bibliothek auf einen großen Teil der Bevölkerung im Stadtteil Wedding eingestellt. 48 Prozent der Bewohner im Kiez haben einen Migrationshintergrund, 18 Prozent einen türkischen. Für Bibliotheksleiterin Heidrun Hübner-Gepp ist deshalb nur logisch, dass sich diese Bevölkerungsgruppe auch in ihrer Bibliothek wiederfinden kann. Schon seit Jahren hält die Einrichtung ein mehrsprachiges Angebot bereit, neben dem Schwerpunkt Türkisch finden sich auch größere Bestände in arabischer, englischer oder französischer Sprache. Darüber hinaus verfügt die Bibliothek über einen kleineren Bestand von 30 bis 40 weiteren Sprachen, die alle im Kiez gesprochen werden.

Je mehr sich der Gedanke durchsetzt, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, desto mehr stellen sich auch Bibliotheken auf Menschen mit Migrationshintergrund ein. 2006 richtete der Deutsche Bibliotheksverband e.V. (dbv) dafür die Kommission "Interkulturelle Bibliotheksarbeit" ein. Sie unterstützt seitdem Bibliotheken deutschlandweit beim Aufbau eines interkulturellen Medien- und Veranstaltungsangebots.

"Besucher kommen von weit her"

Heidrun Hübner-Gepp bezeichnet ihr Angebot nicht als "interkulturell", sondern als "benutzerorientiert". "Die Nutzergruppen in unserem Umfeld sind nun einmal Menschen unterschiedlicher Herkunft", sagt sie. Mit ihrer Auswahl an Medien in vielen unterschiedlichen Sprachen reagiert die Bibliothek auf diese Tatsache. Damit hat sich das Haus auch außerhalb des Bezirks einen Namen gemacht. "Einige Besucher kommen von weit her, um bei uns Medien auszuleihen, in Ruhe zu lesen oder zu lernen", sagt Hübner-Gepp.

Wer seinen Blick durch die Bibliothek schweifen lässt, sieht, dass das Angebot rege genutzt wird. An den locker verstreuten Tischen sitzen am Nachmittag viele Schüler, die ihre Hausaufgaben machen. In einem räumlich etwas abgetrennten Teil ist die Kinderbibliothek untergebracht. Dort geht es besonders lebhaft zu. Ein Mädchen steht vor einem Regal und zeigt seiner Mutter ein Buch. Ein schwedischer Verlag hat bekannte Geschichten ins Arabische übersetzt und stellt sie gerade in der Berliner Bibliothek aus. Auf dem Buch, das die Kleine mit ihrem Finger berührt, ist ein rothaariges Mädchen zu sehen, das auf seinen ausgestreckten Händen ein schwarz-weißes Pferd in die Höhe hält: Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf auf Arabisch.

Dass so viele Menschen unterschiedlicher Herkunft in die Bibliothek finden, liegt neben dem fremdsprachigen Angebot auch an der intensiven Zusammenarbeit mit anderen Akteuren im Kiez. "Wir versuchen, die Menschen so früh wie möglich an die Bibliothek heranzuführen", sagt die Bibliotheksleiterin. Viele Kinder besuchen die Bibliothek schon regelmäßig mit ihrer Kita-Gruppe. Dort wird beim Vorlesen und mit Spielen der Wortschatz der Kinder gestärkt. Auch mit Schulsozialarbeitern, Familienzentren und einem kulturellen Bildungsverbund in der Nachbarschaft arbeitet die Bibliothek zusammen.

Projektpartner des Bundesbildungsministeriums

Ebenso wie die Bibliothek am Luisenbad in Berlin-Wedding setzt auch die Stadtbücherei Frankfurt am Main intensiv auf die Zusammenarbeit mit anderen Kultur- und Bildungseinrichtungen, etwa mit der Volkshochschule, Migrantenvereinen, Mädchentreffs oder Sprachkursanbietern. "Kooperationen und Netzwerke sind ein wesentlicher Erfolgsfaktor unserer Arbeit", sagt Birgit Lotz, die Leiterin der Dezentralen Bibliotheken in Frankfurt.

In Zukunft könnte es sogar mehr Geld für Zusammenarbeit wie diese geben. Für das Konzept "Lesen macht stark: Lesen und digitale Medien" wurden dem dbv umfangreiche Projektfördermittel durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung zugesprochen. Damit sollen "Lokale Bündnisse für Bildung" zwischen Einrichtungen wie Musikschulen, Stadtteil-Initiativen, Kindergärten oder Schulen einerseits und Bibliotheken andererseits geschmiedet werden.

Bis vor Kurzem hatte Birgit Lotz auch die Leitung der Kommission "Interkulturelle Bibliotheksarbeit" beim dbv inne und ist damit Fachfrau auf diesem Gebiet. Bibliotheken leisteten einen wichtigen Beitrag zur Teilhabe von Menschen mit Migrationshintergrund an Kultur und Gesellschaft ihres neuen Heimatlandes, sagt sie. Nicht nur mit der Bereitstellung von Medien in der Heimatsprache, sondern zum Beispiel auch beim Deutschlernen helfen sie. "Bibliotheken stellen Lehrmittel und zunehmend auch eLearning-Angebote bereit. In manchen finden auch Deutsch-Sprachkurse statt", sagt Lotz.

Genaue Zahlen, wie stark das Angebot der Bibliotheken von Menschen mit Migrationshintergrund genutzt wird, gibt es laut Lotz nicht, da von den Nutzern keine Nationalitäten erfragt werden. "Aus der Beobachtung heraus kann man aber sagen, dass der Anteil der Migranten in der Bibliothek vergleichbar mit ihrem Anteil in der Gesamtbevölkerung ist", sagt Birgit Lotz.

Basale Bildungsarbeit

In Nürnberg zeigt sich ein ähnliches Bild. In der fränkischen Stadt leben und arbeiten Menschen aus 165 Nationen, heißt es auf der Webseite der Stadtbibliothek. Sie hat sich auf diese große Zielgruppe eingestellt und bietet neben einer großen Auswahl fremdsprachiger Medien viele weitere interkulturelle Angebote. Die Bibliothek engagiert sich dabei besonders für die Sprach- und Leseförderung von Kindern. Eltern können Vorlesetipps erhalten – und das in 16 Sprachen. In zwei Stadtteilbibliotheken in Nürnberg finden zudem zweisprachige Vorlesestunden für Kinder und Eltern statt. "Oft stößt man auf Menschen, in deren Heimatländern Bildung nur den Eliten vorbehalten ist. Bei ihnen wird dann auch ganz basale Bildungsarbeit geleistet", sagt Birgit Lotz.

Dazu gehört auch das Vorlesen für Kinder, das in einigen Ländern gar nicht üblich ist. Das Vorlesen in der eigenen Muttersprache kommt dabei Eltern und Kindern zugute. Denn "die sichere Kenntnis der Erstsprache sind für den Zweitsprachenerwerb von hoher Bedeutung", erklärt Lotz – eine Ansicht, die in den vergangenen Jahrzehnten interkultureller Bildungsarbeit in Bibliotheken übrigens immer wieder umstritten war. Viele waren auch der Ansicht, Bibliotheken sollten allein das Lernen der deutschen Sprache unterstützen.

Herausforderungen für die interkulturelle Ausrichtung der Bibliotheken sieht Birgit Lotz vor allem bei der Schulung der Mitarbeiter. "Der zielgruppengerechten Vermittlung, etwa in speziellen Bibliothekseinführungen und der Veranstaltungsarbeit kommt eine wichtige Bedeutung zu", sagt sie. Diese Kompetenz bei den Mitarbeitern zu schärfen, sei in Zukunft wichtig. Gleichzeitig zeigt jedoch der aktuelle Jahresbericht des dbv, dass in vielen Öffentlichen Bibliotheken die Budgets gekürzt werden.

Auch Heidrun Hübner-Gepp aus Berlin weiß, dass es nicht reicht, nur Medien in fremden Sprachen zu kaufen und zu warten, dass etwas passiert. Um für alle Menschen im Kiez interessant zu sein, muss die Bibliothek ein einladender Ort sein. "Besonders für Menschen, die nicht gut Deutsch sprechen, ist es manchmal eine große Hürde, die Bibliothek überhaupt zu betreten", sagt sie. Manche fühlten sich dann wie in einer Behörde, sobald sie mit den Anmelderegeln in Berührung kommen, und ergriffen lieber die Flucht. Da sei dann Fingerspitzengefühl der Mitarbeiter gefragt. An ihnen hänge viel, wenn es darum geht, dass sich jeder in der Bibliothek willkommen fühlt.

Doch auch Kompetenzen wie das Beherrschen von Fremdsprachen sowie das Wissen, wo anderssprachige Bücher besorgt werden können und ob deren Qualität gut ist, sind in einer Bibliothek, die sich interkulturell öffnet, gefragt. "Dafür könnten wir gut zusätzliche Honorarmittel gebrauchen, um ab und zu Muttersprachler zu beschäftigen", sagt Hübner-Gepp.


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