Soziale Arbeit

Digitalisierung und ihre Bewältigungsanforderungen

Digitalisierung als Phänomen ist in Sozialer Arbeit im Hinblick auf politische, ökonomische, kulturelle und gesellschaftliche Strukturen zu betrachten – unterstreichen Burkhard Hill und Juliane Beate Sagebiel in ihrem Beitrag.

30.04.2019 Bundesweit Artikel Sozialmagazin
  • © www.pixabay.de

Sie beleuchten dabei Bewältigungsanforderungen und Problemkontexte und greifen exemplarisch auf zwei Theorien Sozialer Arbeit zurück, von denen aus sie einen Ausblick zu Profession, Disziplin und akademischer Ausbildung wagen.

Das Phänomen Digitalisierung wird in diesem Beitrag zunächst daraufhin untersucht, wie sich politische, ökonomische, kulturelle und gesellschaftliche Strukturen verändern. Dies folgt der Überzeugung, dass in der Sozialen Arbeit ein breites Verständnis von Digitalisierung vorhanden sein muss, das sowohl die Seite gesellschaftlicher Entwicklungen umfasst als auch jene individueller Betroffenheit von Digitalisierungsprozessen mit seinen Bewältigungsanforderungen. Anhand zweier ausgewählter Theorien der Sozialen Arbeit wird skizziert, wie sich die Disziplin dem Phänomen Digitalisierung analytisch nähern und die damit verbundenen Probleme einordnen kann. Zusammengetragen wird zum Schluss, welche notwendigen Anpassungen und Veränderungen in der Disziplin, in der Profession sowie in der Ausbildung der Sozialen Arbeit zu erwarten sind und welche Fragen sich hinsichtlich des Genderaspektes ergeben.

Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Gastbeitrag aus dem Sozialmagazin.

Digitalisierung als Konstruktion zur Bezeichnung eines ungewissen Wandels

Digitalisierung bezeichnet zunächst lediglich die Transformation von analogen in digitale Formate. Damit verbunden aber sei ein tiefgreifender Wandel in allen Bereichen des sozialen, privaten und öffentlichen Lebens (Hoenig/Kuleßa 2018, S. 4 f.). Jeremy Rifkin (2002) prognostizierte schon früh eine »Entmaterialisierung« der Güter. Der Austausch von physischer Materie werde zunehmend durch den Austausch von Informationen ersetzt, wie wir es heute z. B. durch Streamingplattformen verwirklicht sehen, die uns das Anschauen eines Films ermöglichen, ohne dass wir diesen physisch vorliegen haben. Wir würden zukünftig also weniger besitzen, aber mehr konsumieren, so Rifkin, womit er der Sharing Economy eine griffige Formel verlieh. Allerdings sagte er weiter voraus, dass die elektronischen Netzwerke unseren Alltag durchdringen und von einigen wenigen mächtigen, transnationalen Medienkonzernen kontrolliert würden. Gigantische Medienkonglomerate würden als »Pförtner« über den Zugang zu Wissen und Kommunikation entscheiden (ebd., S. 19 f.).

Dieser Diskurs über Macht im und Zugang zum Netz wurde allerdings durch eine Digitalisierungseuphorie verdrängt, die als alternativlose Entwicklung im Range eines Naturereignisses (Hoenig/Kuleßa 2018, S. 5) erscheint. Der amerikanische Zukunftsforscher Ray Kurzweil verheißt z. B. für die Mitte dieses Jahrhunderts eine Verschmelzung menschlicher und künstlicher Intelligenz als »technologische Singularität« mit rasanten Fortschritten auf allen Gebieten (Kurzweil 2015). Die Digitalisierung wird als Chance zur nachhaltigen Entwicklung gesehen (»teilen statt besitzen«), es wird von neuen Beteiligungsformen in der Politik geschwärmt (Piratenpartei). Aber auch die Kritiker der Digitalisierung tragen zur Mythenbildung bei, wenn in Dystopien künstliche Intelligenzen außer Kontrolle geraten und die digitale Welt letztlich als selbststeuernd, unbeherrschbar dargestellt wird (Kreye 2018a, 2018b; Buxmann 2018).

In diesem Diskursnebel können die internationalen Digitalkonzerne unbehelligt ihre Geschäftsmodelle der Monopolisierung und Gewinnmaximierung entwickeln (Mozorov 2018) und überwiegend weiße Männer ungebremste ökonomische Expansion und intransparente Machtentfaltung (Sagebiel/Pankofer 2018, S. 56) betreiben.

Oestreicher (2018, S. 76 f.) stellt als weiteres Phänomen die Geschwindigkeit der digitalen Prozesse heraus, die zu einer Beschleunigung der Kommunikation und zur Entwicklung immer neuer Tools und Vernetzungen führten. Außerdem erfolgten digitale Prozesse inzwischen überwiegend in Echtzeit, sodass Analoges und Digitales, Physisches und Virtuelles oft nicht mehr zu unterscheiden seien (ausführlich: Lanier 2018). Diese Entwicklungsdynamik könne in ihrem Tempo weder ethisch reflektiert, politisch gesteuert, moralisch verantwortet oder von gesellschaftlichen Institutionen angemessen verarbeitet werden.

Der Sozialen Arbeit wächst diesbezüglich eine gesellschaftspolitische und zugleich aufklärerische Funktion zu (Hill 2018, S. 48 ff.), die im Sinne des ethischen Impetus des Triplemandats (Staub-Bernasconi 2007, S. 200) höchst relevant ist.

Die Entwicklung der digitalisierten Wirtschaft

Der gegenwärtige Hype um die digitalisierte Wirtschaft wird von internationalen Investoren mit Risikokapital angeheizt (Morozov 2018). Im Vergleich zu den Unternehmen der Realwirtschaft fallen die Börsenwerte in der Digitalwirtschaft unverhältnismäßig höher aus, z. B. bei Tesla (Saurenz 2018). Ein Großteil der digitalen Unternehmen kann nur dank massiver Kapitalspritzen von Investoren existieren, da sie noch lange nicht in der Gewinnzone arbeiten; die Marktnotierungen dieser Unternehmen sind insgesamt stark überbewertet. Kritiker wie Morozov sehen darin eine High-Tech-Blase, die platzen könne, wenn die Anleger die Geduld verlören und Rendite sehen wollten.

Erfolgreich sind dagegen die Tech-Giganten der Branche. Weitgehend unerkannt erwirtschaftet Amazon den Großteil seiner Umsätze mit riesigen Server-Batterien für externen Cloud-Speicherplatz. Google und Facebook erzielen ihre Gewinne mit dem (intransparenten) Handel von Nutzer_innendaten und durch Werbung. Auf diese Weise wird nicht nur ökonomische Macht, sondern auch Verfügungsmacht über sensible Daten kumuliert. Denn »wer heute über die technische Gestaltung unserer Lebensumwelt entscheidet, wer datensetzende Macht hat, kann in kürzester Frist ein unermessliches Ausmaß von Macht über unermesslich viele Menschen und eventuell (…) über unermesslich lange Zeit ausüben« (Popitz 1992, S. 180; auch Steiner 2015, S. 22).

Shoshana Zuboff geißelt diese Monopolisierung als einen globalen, digitalen »Überwachungskapitalismus« (2018, S. 108), der mit beispiellosen Asymmetrien an Wissen und Macht operiere. Dazu titelt die Süddeutsche Zeitung am 22./23.12.2018 einen Beitrag mit: »Die Nasa würde rot vor Scham« angesichts der Datensammlung der US-Konzerne. »Überwachungskapitalisten« (ebd.) wüssten alles über uns, manipulierten uns politisch, während ihre Operationen uns gegenüber unkenntlich seien, was zu einer Entmachtung der Nutzer_innen führe. Der Netzpionier und heutige Netzkritiker Jaron Lanier bezeichnet die sozialen Netzwerke in ähnlicher Weise als »Imperien der Verhaltensmanipulation« (Lanier, zit. nach Kreye 2018a, S. 3). Diese global agierenden Investoren treiben mit ihrer Machtgier und ihrem Gewinnmaximierungsstreben eine Ökonomie an, die sich rasant über Grenzen und Kulturen hinweg ausbreitet und dabei herkömmliche Strukturen angreift, insbesondere Regeln der sozialstaatlichen Sicherung, des Verbraucherschutzes, der Arbeitnehmerrechte und Subsistenzwirtschaft. Die Digitalisierung funktioniert dabei als ausgezeichnetes »Betriebssystem des globalen Kapitalismus« (Hofstetter 2016 S. 24), der weltweit organisierten Konsum als Teilhabe propagiert. Dass die digitale Wirtschaft ökologisch keine Entlastung bringt, sondern zur Mehrproduktion von Schadstoffen, zum erhöhten Bedarf an Rohstoffen sowie zu einem exorbitant steigenden Energieverbrauch beiträgt (Beispiel: Bitcoin), sei hier der Vollständigkeit halber nur am Rande vermerkt (Schrader 2018).

Die Bewertung der menschlichen Arbeit

In der sogenannten Ökonomie 4.0 wird die menschliche Arbeit neu be- und entwertet. Amerikanische und deutsche Studien gehen zunächst davon aus, dass die Hälfte der existierenden Jobs durch digitalisierte Roboter ersetzt werden könnte, darüber hinaus aber fast in gleicher Anzahl neue Jobs entstünden, Jobverluste demnach höchstens zwischen fünf bis zehn Prozent betragen würden (Absenger et al. 2016, S. 5 ff.). Demnach sei keine Panik vor Jobvernichtung in größerem Stil angesagt. In der Wirtschaft wird die optimistische These vertreten, dass die Digitalisierung die Arbeit von Monotonie befreien und neue Berufe (Data Engeneer, Data Scientist usw.) erzeugen würde. Neue Technologien wie Roboter mit Sprachsteuerung oder automatisiertes Scannen würden die menschliche Arbeit erleichtern (Vogels 2018, S. 2). Andere Autoren belegen aber, dass gerade diese neuen Technologien der Kontrolle und Verdichtung von Arbeit dienen, wie es z. B. von Amazon betrieben wird, die ihre Mitarbeiter_innen durch Handscanner überwachen (Staab/Nachtwey 2016). Darüber hinaus sei gerade in den mittleren bis geringer qualifizierten Jobs mit Einkommenseinbußen zu rechnen, denn insgesamt werde der Kostenfaktor Arbeit für die Industrie durch die Digitalisierung erheblich gesenkt werden können (Schmelzer/ Losse 2018).

Precht (2018) argumentiert, dass mittelfristig ein größerer Verlust von qualifizierten Arbeitsplätzen bei Verwaltungen, Banken, Versicherungen sowie von niedrigqualifizierten Industrie- und Dienstleistungsjobs zu erwarten sei, der nicht durch neue Jobs aufgefangen werde. In den Niedriglohnbereichen würden zahlreiche Jobs von Lageristen und Fahrern gänzlich überflüssig (Precht 2018, S. 29 ff.). Diese Argumentation ist auf eine Studie des Millennium-Projekts eines Industrie- und Forschungskonsortiums gestützt und erklärt ein gesteigertes Interesse vieler Top-Manager aus der High-Tech-Industrie an einem steuerfinanzierten Grundeinkommen, da es bei drohender Massenarbeitslosigkeit die Kaufkraft weitgehend erhält (ebd., S. 118).

Staab (2018) differenziert als bekennender Kritiker eines ungebremsten Zukunftsoptimismus die Qualität der Arbeitsplätze hinsichtlich des Qualifikationsniveaus und des Machtaspekts. In einer »asymmetrischen Polarisierung « (Staab 2018, S. 35) werde die Arbeit zunehmend in wenige gut bezahlte, mächtige Steuerungsjobs in den Zentren der digitalen Plattformen und viele schlecht bezahlte, ausführende Jobs an der Peripherie der digitalen Ökonomie aufgeteilt. Demnach befinden sich viele Arbeitnehmer_ innen als gering Qualifizierte an der Peripherie des »Plattform-Kapitalismus« (Precht 2018, S. 18), seien nicht sozialversichert, würden schlecht bezahlt und seien von der Vermittlung durch digitale Plattform abhängig. Staab wählt für diese Gruppe den Begriff der digitalen »Kontingenzarbeitskraft« (Staab 2016, S. 107), die einem vollkommen individualisierten Unterbietungswettstreit auf einem tendenziell grenzenlosen, ungeregeltem Markt ausgesetzt sei. Ihre gesellschaftliche Position sei niedrig, ihre Chancen zur Teilhabe an sozialen, ökonomischen und symbolischen Gütern seien dadurch deutlich verringert. Kurzum, sie verfügten nicht über die Macht, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, ihr Lebens- und Arbeitsrhythmus werde von den digitalen Plattformbetreibern bestimmt. Sie befänden sich somit ökonomisch, sozial und kulturell in »digitaler Leibeigenschaft « (Grassegger 2018, S. 14) und seien verstärkt psychischen Belastungen ausgesetzt. Die Unternehmen binden, so Staab, ihre »Beschäftigten (…) immer enger in die Herrschaftszusammenhänge ihrer digitalen Netze ein« (2018, S. 108).

Machttheoretisch betrachtet sind digitale Kontingenzarbeitskräfte (Leiharbeiter, Picker etc.) in ihrer Abhängigkeit den behindernden Machtstrukturen der digitalen Ökonomie ausgesetzt (Staub-Bernasconi 2007, S. 381 f.). In dieser Organisations- und Machtlogik verlieren Institutionen wie Sozialversicherungen, Gewerkschaften und (national verbriefte) Arbeitsrechte ihre Integrationskraft, denn die rasante Entwicklung der digitalen Produktivkräfte steht im Widerspruch zu den überkommenen Produktionsverhältnissen und Legitimationsverfahren des Industriezeitalters.

Zum Weiterlesen: In Ausgabe 3-4.2019 des Sozialmagazin (S. 78)

© Sozialmagazin.

Der Inhalt dieses Beitrags ist urheber- und leistungsschutzrechtlich geschützt. Jegliche Nutzung von Inhalten, außer zum persönlichen Gebrauch, ist ohne ausdrückliche schriftliche Zustimmung der Julius Beltz GmbH & Co. KG unzulässig. Dies gilt insbesondere für ganze oder teilweise Veröffentlichung, Vervielfältigung, Weitergabe, Bearbeitung oder Einspeisung in elektronische Systeme (z.B. Unternehmensnetze oder Datenbanken). Derartige Verwendungen sind ohne gesonderte vertragliche Vereinbarung unzulässig und verstoßen gegen geltendes Recht. Alle Rechte bleiben vorbehalten. www.juventa.de


Mehr zum Thema


Schlagworte

Keine Kommentare vorhanden

Sie sind derzeit nicht angemeldet. Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich vorab bei uns registrieren. Alternativ können Sie sich über Ihren Facebook-Account anmelden.
Anmelden