Gastbeitrag

Friedensbildung im Unterricht

In den Klassenzimmern sitzen immer mehr Schülerinnen und Schüler, die mittel- oder unmittelbar von Kriegen betroffen sind, sei es als Geflüchtete oder über ihre familiären Wurzeln in betroffenen Ländern. Dennoch spielen sie im Unterricht offenbar kaum eine Rolle.

03.08.2018 Bundesweit, Nordrhein-Westfalen Artikel Bildungsmagazin Vielfalt
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„Die Jugend soll erzogen werden im Geiste der Menschlichkeit, der Demokratie und der Freiheit, zur Duldsamkeit und zur Achtung vor der Überzeugung des anderen [...], zur Völkergemeinschaft und Friedensgesinnung.“ So steht es im NRW-Schulgesetz. Wie kommt dieser Grundsatz im Schulunterricht zum Tragen? Das zu ermitteln ist nicht einfach. „Vielfalt“ wollte in einer kleinen Umfrage wissen, wie die Unterrichtspraxis zu diesem Themenfeld aussieht und fand nur wenige konkrete Beispiele. Viele Lehrkräfte erklärten, dieses Thema nicht behandelt oder nur gestreift zu haben. Einige Hinweise ergeben sich aus den Kernlehrplänen.

So beschreibt der Lehrplan für die Sekundarstufe 1 an Gesamtschulen in Nordrhein-Westfalen das Inhaltsfeld „Konflikt und Frieden“ folgendermaßen: Es werden „Ursachen, Erscheinungsformen und Folgen von Konflikten und Kriegen sowie Verfahren, Instrumente und Institutionen von gelungenen, aber auch gescheiterten Konfliktlösungen auf innerstaatlicher und internationaler Ebene behandelt, wobei auch die Rolle supranationaler Organisationen in den Fokus der Betrachtung gerückt wird“. Als inhaltliche Schwerpunkte werden im Kernlehrplan für Realschulen „aktuelle Probleme und Perspektiven der Friedens- und Sicherheitspolitik“ benannt und unter der Rubrik „Sachkompetenz“ heißt es: Schüler*innen „benennen einen aktuellen zwischenstaatlichen Konflikt, beschreiben die Hintergründe und erläutern anhand dieses Beispiels die Zielsetzungen der Vereinten Nationen sowie ihre Möglichkeiten zur Friedenssicherung“. Aus dem Schulministerium wurde mitgeteilt: „In den kompetenzorientierten Lehrplänen (z.B. im Fach Geschichte) ist die Auseinandersetzung mit vergangenen Kriegen, Krisen und Konflikten explizit genannt. Aktuelle Kriege, Krisen und Konflikte können ebenfalls, ausgehend von diesbezüglichen Inhaltsfeldern und Kompetenzerwartungen, als Unterrichtsthema behandelt werden.“ 

Hier ist die Aussage „können“ hervorzuheben. Für die einzelne Schule besteht ein weitgefasster Freiraum. Recherchen der Redaktion „Vielfalt“ ergaben, dass nur wenige Lehrkräfte die aktuellen Kriege, Krisen und Konflikte ausführlicher behandeln. Auffällig in den Lehrplänen ist zudem, dass das Wort „Krieg“ zwar für vergangene militärische Auseinandersetzungen benutzt wird, gegenwärtige jedoch unter Begriffen wie „Friedens- und Sicherheitspolitik“ behandelt werden. Der Kernlehrplan Politik für die Realschule sieht unter anderem vor: das Inhaltsfeld „Europäische und internationale Politik im Zeitalter der Globalisierung“ mit Schwerpunkt „Aktuelle Probleme und Perspektiven der Friedens- und Sicherheitspolitik“ und als Kompetenzerwartungen: „Die Schülerinnen und Schüler charakterisieren eindeutige Interessen, Bedürfnisse, Motive und Gefühle von Akteuren und bewerten erste Folgen aus Konfliktlagen“, „erläutern am Beispiel eines aktuellen Konfliktes Grundlagen der Friedens- und Sicherheitspolitik unter Einbeziehung der Rolle der Vereinten Nationen“ und „untersuchen Ursachen und Verläufe europäischer und internationaler politischer Konflikte, bewerten Motive, Bedürfnisse und Interessen der Konfliktparteien und diskutieren Handlungsalternativen in politischen Entscheidungssituationen“.

Recht des Stärkeren verhindern

Soweit die behördlichen Auskünfte und beispielhaft einige Festlegungen in Lehrplänen zum Thema „Aktuelle Kriege im Schulunterricht“. Einer, der auf die „Vielfalt“-Umfrage nach Unterrichtserfahrungen mit dem Thema „aktuelle Kriege“ spontan „Ja, selbstverständlich!“ antwortete, ist der jüngst pensionierte Berufsschullehrer Bernhard Trautvetter. Bis Ende 2017 hat er Politik und Gesellschaftslehre gelehrt, zuletzt am Essener Berufskolleg im Bildungspark. In seinen Klassen saßen Schüler*innen zwischen 16 und 45 Jahren, viele davon mit Migrationsgeschichte aus den Herkunftsländern Afghanistan, Syrien, Libanon, Türkei, Irak und verschiedenen afrikanischen Staaten. 

„Ich habe immer wieder gerne nach Materialien gesucht, die unterschiedliche Sichtweisen auf das Thema erkennen lassen“, erläutert der Pädagoge. Als Impuls arbeitete er häufig mit aktuellen Zeitungsartikeln und verwendete zur Hintergrundinformation unter anderem Materialien des Friedenspädagogischen Instituts in Tübingen. Ein Friedenspädagoge, betont Trautvetter, habe die Aufgabe, „das Recht des Stärkeren zu verhindern. Und das geht nur durch das Recht!“ Das Völkerrecht machte er ebenso regelmäßig zum Thema wie die Vereinten Nationen (UNO) und insbesondere Artikel 1 der Charta der Vereinten Nationen. Er lautet: „Die Vereinten Nationen setzen sich folgende Ziele: 1. den Weltfrieden und die internationale Sicherheit zu wahren und zu diesem Zweck wirksame Kollektivmaßnahmen zu treffen, um Bedrohungen des Friedens zu verhüten und zu beseitigen, Angriffshandlungen und andere Friedensbrüche zu unterdrücken und internationale Streitigkeiten oder Situationen, die zu einem Friedensbruch führen könnten, durch friedliche Mittel nach den Grundsätzen der Gerechtigkeit und des Völkerrechts zu bereinigen oder beizulegen.“ 

Die Vereinten Nationen wurden 1945 als Konsequenz aus den Schrecken des Zweiten Weltkriegs gegründet, um dem Weltfrieden zu dienen. Bernhard Trautvetter hat ganz in diesem Sinn auch mehrfach Sally Perel an seine Schule eingeladen. Er ist der Jude, der als „Hitlerjunge Salomon“ bekannt geworden ist. Um nicht als Jude erkannt und von den Nationalsozialisten umgebracht zu werden, war er in die „Hitlerjugend“ eingetreten und an deren „Akademie für Jugendführung“ ausgebildet worden. 

Dieser heute 93-jährige Zeitzeuge hat die Schüler*innen immer wieder sehr beeindruckt. „Die Aula war mit rund 200 Menschen prall gefüllt, darunter waren auch nicht wenige, die von Haus aus eine antiisraelische Haltung mitbrachten“, erzählt Bernhard Trautvetter. Zeitzeuge Sally Perel begrüßte die Schüler*innen stets mit den Worten „Shalom Salam“ und erklärte dazu, er wisse, dass es nie Frieden – hebräisch „Shalom“ – im Nahen Osten geben werde, wenn es nicht auch „Salam“ – „Frieden“ auf Arabisch – gäbe. 

Bernhard Trautvetter stimmt dem vorbehaltlos zu: „Diese Haltung, dass Salam und Shalom zusammengehören, hat sich auch in meinem Politikunterricht bewährt. Ich habe den Nahostkonflikt immer ausgehend von Menschenrechten und vom Völkerrecht thematisiert. Alles, was diese rechtliche Rahmengebung für die internationale Politik und für die innergesellschaftlichen Konflikte untergräbt, verbietet sich.“

Die Guten und die Bösen?

„Dabei haben wir auch stets Medienkritik geübt und untersucht, wo mit zweierlei Maß gemessen beziehungsweise sehr einseitig argumentiert wurde. Das geschieht leider allzu oft. Ein Beispiel war die Äußerung des früheren deutschen Außenministers und heutigen Bundespräsidenten Frank Walter Steinmeier, Russland habe in der Ukraine ‚die Büchse der Pandora geöffnet‘ und zum ersten Mal in der Nachkriegsgeschichte Europas gewaltsam Grenzen verschoben. 

Der völkerrechtswidrige Nato-Krieg in Jugoslawien wird dabei übersehen, ebenso die gewaltsame Landnahme der Türkei in Nordzypern. So pickt man sich ein Ereignis heraus, weil einem das in die Argumentationslinie passt und erzeugt den falschen Eindruck, wir seien die ‚Guten‘ und die anderen die ‚Bösen‘. Aber im Kriegsfall gibt es nie die ‚Guten‘ auf der einen und die ‚Bösen‘ auf der anderen Seite. Die Schüler*innen waren oft erstaunt, wenn sie erarbeitet hatten, dass es erhebliche Rechtsverstöße durch die, die sich ‚die Guten‘ nennen, gegeben hat.“

Wo Sprache endet, beginnt die Gewalt

„Die Orientierung an Recht und Gesetz war mir immer sehr wichtig“, betont Trautvetter, auch wenn es zu Auseinandersetzungen zwischen Schüler*innen türkischer und kurdischer Herkunft kam, die sich etwa über die kriegerischen Konflikte zwischen der türkischen Armee und der PKK stritten. „Da kann man teilweise die Situation nur retten, wenn man die Orientierung auf die internationale Rechtsordnung in den Vordergrund rückt. Das fruchtete auch weitgehend bei den Schüler*innen. Ich vermittelte ihnen grundsätzlich auch für sie selbst: Wenn ihr Konflikte vermeiden wollt, müsst ihr sprechen. Der US-amerikanische Psychologe und Begründer des Center for Nonviolent Communication (Zentrum für gewaltfreie Kommunikation) Marshall Rosenberg hat es treffend so ausgedrückt: ‚Wo Sprache endet, beginnt die Gewalt‘. Damit bezieht er sich auf einen Satz von Hannah Arendt: „Gewalt beginnt, wo das Reden aufhört.“ – Trautvetter: „Das gilt im Kleinen wie im Großen.“

Autorinnen: Ariane Dettloff und Mercedes Pascual Iglesias

Mehr über Friedensbildung im Unterricht lesen Sie hier im Bildungsmagazin Vielfalt der AWO Mittelrhein. Das Magazin versucht mit seinem aktuellen Schwerpunkt, die Schulpraxis zum Thema aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Zwei Berufsschullehrer, ein Hochschullehrer, eine Friedensreferentin und ein Friedensreferent berichten aus ihrer Praxis. Schüler*innen und junge Erwachsene erzählen, was in der Schule fehlt. Zudem wurde der Jahresbericht der Jugendoffiziere der Bundeswehr ausgewertet und die Schulexpertin der GEW (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft) interviewt.


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