Saarland

Gemeinsam für eine moderne, leistungsfähige und gerechte Bildung

Heute Morgen haben der saarländische Ministerpräsident Peter Müller und der Minister für Bildung des Saarlandes, Klaus Kessler, auf einer Pressekonferenz in der Staatskanzlei in Saarbrücken die Pläne der Landesregierung zur Neuausrichtung der saarländischen Bildungslandschaft der Öffentlichkeit vorgestellt.

08.07.2010 Pressemeldung Ministerium für Bildung und Kultur Saarland

Es handelt sich dabei um

  • Die Verbesserung der Zusammenarbeit von Kindergarten und Grundschule durch die Einführung eines Kooperationsjahres,
  • die Einrichtung eines fünften Grundschuljahres und
  • die Schaffung eines Zwei-Säulen-Modells, in dem das Abitur entweder auf einem grundständigen Gymnasium nach insgesamt zwölf Schuljahren oder auf einer Gemeinschaftsschule nach 13 Schuljahren erworben werden kann.

Zur Umsetzung der beiden letzten bildungspolitischen Vorhaben muss die saarländische Verfassung abgeändert werden. Vorschläge, wie dies verwirklicht werden kann, haben Müller und Kessler ebenfalls auf der Pressekonferenz präsentiert. Nach den Sommerferien wird die schwarz-gelb-grüne Koalition auf der Grundlage der heute vorgelegten Konzepte sowohl mit den Oppositionsparteien als auch mit allen Interessengruppen in einen breiten Diskussionsprozess eintreten.

Nach Angaben von Ministerpräsident Peter Müller will die Landesregierung mit ihren bildungspolitischen Plänen ein modernes, leistungsfähiges und gerechtes Bildungssystem im Saarland einführen. "Wir wollen allen saarländischen Schülerinnen und Schülern – unabhängig von ihrer sozialen Herkunft – die besten Chancen eröffnen, einen möglichst qualitätsvollen Schulabschluss zu erreichen. Am besten geeignet dazu ist das Zwei-Säulen-Modell, Gemeinschaftsschule und grundständiges Gymnasium, mit den Prinzipien des längeren gemeinsamen Lernens und der individuellen Förderung. Hier können die Schülerinnen und Schüler – entsprechend ihren Neigungen und Begabungen – in unterschiedlichen Lerngeschwindigkeiten alle Abschlüsse erzielen. Hier haben Schüler und Eltern ein Höchstmaß an Wahlfreiheit für die Bildungsgänge ihrer Kinder. Das Saarland hätte mit diesem Modell eines der modernsten Schulsysteme Deutschlands", erklärte der saarländische Ministerpräsident.

Minister Kessler sieht besondere Vorteile des neuen Schulsystems in der Verbesserung der Situation am Übergang zwischen den einzelnen Bildungseinrichtungen. Dies gelte sowohl für die Schnittstelle Kindergarten-Grundschule als auch für das fünfte Grundschuljahr als Gelenkstelle zwischen Grundschule und weiterführender Schule. "Zahlreiche wissenschaftliche Studien haben belegt, dass in Deutschland beim Übergang von der Grundschule in die weiterführende Schule ein enger Zusammenhang zwischen möglichem Bildungserfolg und sozialer Herkunft besteht. Dies betrifft insbesondere Kinder aus Migrantenfamilien. Unser langfristiges Ziel ist es demnach, die Bildungschancen der Kinder stärker von der sozialen Herkunft zu entkoppeln", hob Kessler hervor.

Nach den Sommerferien will Kessler alle interessierten Gruppen, Verbände, Institutionen, Kammern, Parteien und Eltern in einen konstruktiven Meinungsaustausch einbeziehen. "Ich beabsichtige, bei der zukünftigen Gestaltung der saarländischen Bildungslandschaft ein möglichst hohes Maß an Gemeinsamkeit herzustellen", sagte Kessler.

Die wichtigsten Neuerungen im Einzelnen

1. Einführung eines Kooperationsjahres

Die Verbesserung der Zusammenarbeit von Kindergarten und Grundschule durch die Einführung eines Kooperationsjahres wird der enormen Bandbreite an Begabungen und Entwicklungen von Kindern gerecht. Dadurch wird möglichen Brüchen in der Bildungsbiografie entgegengewirkt.

Beim Übergang des Kindes in die Grundschule ist die Förderung von sozial-emotionalen Kompetenzen und motorischen Fähigkeiten sowie von Sprachkompetenz und mathematischen Grundkompetenzen von zentraler Bedeutung. Im Rahmen einer gemeinsamen Beobachtung rücken Möglichkeiten einer individuellen Unterstützung in den Mittelpunkt, womit im Kooperationsjahr der pädagogische Blick nicht nur auf die Gruppe als Gesamtheit, sondern gemeinsam geweitet auf jedes einzelne Kind mit seinen jeweiligen Bedürfnissen gerichtet wird.

Der Start des Kooperationsjahres wird mit Beginn des kommenden Schuljahres im Rahmen einer Modellphase erfolgen mit 20 Grundschulen und etwa 60 kooperierenden Kindertageseinrichtungen. Die Modellphase dient der Erprobung und der Auswertung.

Bei der Auswahl der "Starterschulen" wurde seitens des Ministeriums auf eine begrenzte Anzahl von Standorten, auf Freiwilligkeit der Beteiligung und auf eine ausgewogene regionale Verteilung geachtet.

An jeder kooperierenden Kindertageseinrichtung wird eine Grundschullehrkraft mit bis zu vier Wochenstunden eingesetzt. Der Einsatz ist standortbezogen zu organisieren.

Im Verlauf der Modellphase sind zur Sicherung von Nachhaltigkeit Formen von Selbstevaluation sowie eine externe Evaluation durch die Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes vorgesehen.

2. Einrichtung eines fünften Grundschuljahres

Eine frühe Aufteilung der Schülerinnen und Schüler führt nicht in jedem Fall zu höheren Leistungen und ist darüber hinaus unter sozialen Gesichtspunkten problematisch. Wissenschaftlich unbestritten ist, dass die Grundschule Basiskompetenzen bei Schülerinnen und Schülern im unteren Leistungsbereich sichert, während sie gleichzeitig Spitzenschülerinnen und -schüler fördert (siehe IGLU-Studie von 2006 sowie TIMSS-Übergangsstudie von 2010).

Mit der Einführung eines fünften Grundschuljahres wird ein größeres Zeitfenster geöffnet, um individuellen Fördermöglichkeiten – entsprechend den Bedürfnissen aller Schülerinnen und Schüler (d.h. sowohl den langsameren als auch den schnelleren Lerntypen) – Rechnung zu tragen. Ebenso bleibt mehr Zeit für den Erwerb von Lern- und Arbeitstechniken, insbesondere auch zur Vorbereitung auf den Besuch weiterführender Schulen.

Weitere Vorteile eines längeren gemeinsamen Lernens durch die Einführung eines fünften Grundschuljahres sind unter anderem:

  • Schullaufbahnentscheidungen, die zu einem späteren Zeitpunkt getroffen werden, haben eine höhere Verlässlichkeit.
  • Ein professioneller Erfahrungsaustausch zwischen den Lehrerinnen und Lehrern der unterschiedlichen Schulformen im fünften Grundschuljahr tragen zu einer Verzahnung zwischen der Grundschule und den weiterführenden Schulen bei. Die Anschlussfähigkeit der Bildungssysteme kann deutlich verbessert werden.
  • Die in der Klasse 4 der Grundschule bereits vorhandenen Klassenverbände bleiben im fünften Schuljahr bestehen, wodurch in der Klassenstufe 5 im Durchschnitt kleinere Lerngruppen – als bisher in den weiterführenden Schulen üblich – entstehen.
  • Das in der Grundschule vorherrschende Klassenlehrerprinzip wird auch in Klassenstufe 5 beibehalten. Gleichzeitig beginnt durch den Einsatz von Lehrkräften der weiterführenden Schulen in ausgewählten Fächern in einem überschaubaren Umfang bereits der Fachlehrerunterricht. Ein behutsamer Einstieg in den Fachlehrerunterricht kann bereits in der Klassenstufe 4 erfolgen.

Die bestehenden kompetenzorientierten Lehrpläne aus der Klassenstufe 4 der Grundschule sowie der Klassenstufe 5 der weiterführenden Schulen werden überarbeitet.

Die Wochenstundenzahl im fünften Schuljahr beträgt für alle Schülerinnen und Schüler 30 Unterrichtsstunden. Hierdurch erhöht sich die Wochenstundenzahl in Klassenstufe 5 um zwei Stunden (vorher 28). Für die Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums bleibt die Stundenzahl gleich.

Der in Klassenstufe 1 bis 4 vorgesehene Förderunterricht wird in der Klassenstufe 5 weitergeführt. Er wird in die Fächer Deutsch und Mathematik integriert, was größere Gestaltungsspielräume für Differenzierungsmaßnahmen und individuelle Förderung ermöglicht.

3. Einführung eines Zwei-Säulen-Modells

Im Bereich der weiterführenden allgemein bildenden Schulen wird ein Zwei-Säulen-Modell, bestehend aus Gemeinschaftsschule und grundständigem Gymnasium, eingerichtet werden. Beide Schulformen ermöglichen alle Abschlüsse bis zur allgemeinen Hochschulreife, wobei das Abitur am Gymnasium nach zwölf Schulbesuchsjahren, an der Gemeinschaftsschule nach 13 Schulbesuchsjahren erreicht werden kann.

Das grundständige Gymnasium vermittelt eine vertiefte allgemeine Bildung und beginnt nach Klassenstufe 5. Der Unterricht findet mindestens bis einschließlich Klassenstufe 10 im Klassenverband statt. Jedes grundständige Gymnasium, das eine Sekundarstufe I hat, besitzt seine eigene Oberstufe.

Die Gemeinschaftsschule ersetzt die Schulformen Erweiterte Realschule und Gesamtschule und beginnt nach Klassenstufe 5. Sie bietet den Hauptschulabschluss, den mittleren Bildungsabschluss und das Abitur an. Gemeinschaftsschulen unterhalten je nach Schülerzahl entweder eigenständige Oberstufen oder treten in einen Oberstufenverbund insbesondere mit grundständigen Gymnasien und Oberstufengymnasien ein bzw. führen diese weiter.

4. Vorschlag für ein Gesetz zur Änderung der Verfassung des Saarlandes

Um das fünfte Grundschuljahr und das Zwei-Säulen-Modell einführen zu können, strebt die Landesregierung eine Änderung des Artikels 27 Absatz 3 der Verfassung des Saarlandes an. Dort soll künftig die Grundstruktur des öffentlichen Schulwesens in der saarländischen Verfassung wie folgt verankert werden:

"Das öffentliche Schulwesen besteht aus allgemein bildenden Schulen und beruflichen Schulen. Allgemein bildende Schulen, an denen die allgemeine Hochschulreife erworben werden kann, sind Gemeinschaftsschulen und Gymnasien. Das Nähere bestimmt ein Gesetz."

Darüber hinaus wird in einer Zusatzerklärung zum Verfassungstext das jeweilige Wesen des grundständigen Gymnasiums und der Gemeinschaftsschule festgelegt (siehe Punkt 3).

Die Erweiterten Realschulen und Gesamtschulen werden in den zum Schuljahr 2012/2013 bestehenden Klassen 5 bis 10 auslaufend fortgeführt.

Weiterführende Informationen

Weiterführende Informationen zu den einzelnen bildungspolitischen Plänen der saarländischen Landesregierung stehen im Internet auf der Informationsseite des saarländischen Bildungsministeriums www.gemeinsam-bilden.de zur Verfügung.


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