Gastbeitrag

Gesundheit als subjektive Wirklichkeit

Einer medizinisch definierten, objektivistischen Vorstellung von Gesundheit und Gesundheitsverhalten stehen subjektive Gesundheitsvorstellungen oftmals gegenüber. Von Gregor Hensen

21.12.2018 Bundesweit Artikel Sozialmagazin
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Die Frage der Erkenntnistheorie nach dem Verhältnis von Subjektivismus und Objektivismus hat für die Soziale Arbeit Konsequenzen, da sie ihr professionelles Handeln beeinflusst, und zwar an den Stellen, an denen sie sich mit der Frage nach der Beurteilung und theoretischen Einordnung von Alltagshandeln ihrer Akteur_innen auseinandersetzen muss. Dabei geht es um die Einordnung und die Beurteilung sozialer Praxis, die aus einer subjektiven »Alltagswelt« (Berger/Luckmann 1992, S. 24) heraus für Akteur_innen Sinnzusammenhänge erfährt. Damit verbunden sind nicht nur konstruktivistische Weltdeutungen, die die Normvorstellung einer objektiv erfassbaren Wirklichkeit grundlegend infrage stellen, sondern auch subjektive Bilder und Wahrnehmungen der eigenen Lebenssituation und der Position innerhalb gesellschaftlicher Bezüge.

Der konsequente Bezug auf eben solche subjektiven Lebensvorstellungen und Wirklichkeitswahrnehmungen, die sich in weiten Teilen der Sozialen Arbeit als Alltags- und Lebensweltorientierung durchgesetzt haben, bedeutet auch, den Blick auf die Einflussfaktoren und Determinanten sozialer und ungleicher Lebensverhältnisse zu werfen, nämlich auf die Variablen, die letztlich so etwas wie Alltag überhaupt formieren bzw. zulassen. Dabei lassen sich sowohl ungleiche Bildungszugänge und -konsequenzen als auch Armutserfahrungen als zentrale Faktoren benennen, die nicht nur die subjektive Alltagswelt beeinflussen, sondern oftmals auch Handlungslegitimation für Soziale Arbeit darstellen. Gesundheit bildet neben den beiden erwähnten Einflussfaktoren eine zentrale Querschnittvariable moderner Gesellschaften, die in ihrer Konsequenz soziale Mobilität ermöglicht, sie aber auch verhindern kann. Gesundheit nimmt auf die Realisierung von Lebenschancen Einfluss und stellt sich als Variable dar, die Ungleichheit (re-)produziert – soweit zunächst der sozialwissenschaftliche Blick auf die Konsequenzen. In sozialarbeiterischen Handlungsvollzügen erlangt Gesundheit vor allem einen individuellen Bezug und eine gegenwärtige Relevanz, denn sie beeinflusst Wahrnehmung und Wohlbefinden, bestimmt über die Nutzung sozialer Kontakte und berührt in hohem Maße Alltagsbewältigung. Gesundheit prägt auf der einen Seite die Wahrnehmung und Realisierung des Alltags (hier: subjektive Wirklichkeit), und zwar in der Hinsicht, wie gesund oder krank man sich fühlt oder auch, wie die eigene körperliche Konstitution eingeschätzt wird. Auf der anderen Seite stellt sie eine Grundvoraussetzung dar, Lebenschancen realisieren zu können. Im Folgenden werden die individualistisch und die strukturell geprägte Seite sozialer Erfahrungen skizziert, die sich in gesunden oder weniger gesunden Lebensstilen von Akteur_innen niederschlagen. Mögliche sozialpädagogische Handlungsimplikationen lassen sich daran anschließend auf der Grundlage eines offenen Gesundheitskonzepts erschließen, in deren Kontext gesellschaftlich normierte Gesundheitsvorstellungen thematisiert werden können. Das bietet die Möglichkeit, Gesundheit (auch) als gesellschaftliches Konstrukt entschlüsseln zu können.

Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Gastbeitrag aus dem Sozialmagazin.

Das Individuum: Gesundheit als Variable im Sozialisationsprozess

Wenn Wirklichkeit im Kontext dieses Beitrags als eigenes, subjektives Erleben konstruiert und verstanden wird, kann die Frage nach den sozialen Erfahrungen des Individuums (vgl. Kelly/Millward 2004) nicht ausgeklammert werden. Sozialisation kann als der Modus verstanden werden, in dem das Subjekt die Welt »begreift«, es ein Teil von ihr wird. Dabei wird Sozialisation in postmodernen Gesellschaften nicht mehr als ein linear verlaufender, abschließbarer Vorgang, sondern als lebenslanger Prozess der Selbstorganisation in der Spannung zu gesellschaftlicher Entgrenzung verstanden (vgl. Böhnisch et al. 2009).

Selbst wenn sich gesellschaftliche Bedingungen ändern und zunehmend komplexere Verarbeitungsleistungen einfordern, so bleibt doch zunächst der prägende und formende Charakter, der Sozialisationsprozessen stets innewohnt und unser Bild der Welt in hohem Maße mitbestimmt. Auch unser heutiges Gesundheitsverständnis, so Bär (2016, S. 30 ff.), würde durch sozialisatorische Vor-Formatierungen geprägt. Wir können also davon ausgehen, dass sich die vorgegebene institutionelle Ordnung (hier z. B. das Gesundheitswesen) oder die Vorstellung von einem »gesunden Leben« im Verlaufe der Sozialisation angeeignet werden. »Wir verinnerlichen das äußere vorgegebene Bild der Wirklichkeitszuschnitte in den jeweiligen gesellschaftlichen Teilsystemen (…), und wir halten es am Ende für unser ganz eigenes Bild der Wirklichkeit« (ebd.). Hierbei spiele Primärsozialisation die größte Rolle; durch sie internalisiere sich eine Wirklichkeit, so Berger und Luckmann (1992, S. 158), die als unausweichlich erlebt wird; Wissen, auch Gesundheitswissen, das schließlich in der Primärsozialisation internalisiert würde, erhielte seinen Wirklichkeitsakzent quasi-automatisch, wogegen es in der Sekundärsozialisation durch pädagogische Maßnahmen bekräftigt werden müsse (ebd., S. 153).

Viele interaktionistisch geprägte Sozialisationstheorien verweisen auf ein Subjektverständnis, in dem das Subjekt nicht allein als Ergebnis verstanden wird, sondern es bereits im Sozialisationsprozess die eigene Sozialisation durch eigene Aktivität mitbestimmt (Geulen 2005, S. 166). Sozialisation wird so z. B. dem Modell von Hurrelmann (z. B. 2002) folgend als ein Prozess der »produktiven Realitätsverarbeitung« verstanden. Der Kern dieses Modells ist die Vorstellung, dass das menschliche Individuum sich über das gesamte Leben hinweg in einer intensiven Auseinandersetzung mit der inneren und äußeren Realität befindet, was als Voraussetzung für den Aufbau einer eigenen Persönlichkeit gesehen wird (Hurrelmann/Richter 2013, S. 129). Sozialisation als produktiven Prozess verstanden, erfordert demnach ständige und lebenslange Arbeit an der eigenen Person und die Notwendigkeit bestimmter individueller Fertigkeiten und Fähigkeiten zur Lösung von Entwicklungsaufgaben (ebd.). Hurrelmann hat dieses Modell nunmehr auf den Gegenstand Gesundheit übertragen und Gesundheit als Ergebnis eines gelungenen Bewältigungsprozesses innerer und äußerer Anforderungen bestimmt (ebd., S. 144), oder auch anders, aus einer Krankheitsvermeidungsperspektive formuliert, kann »eine nichtgelingende produktive Realitätsverarbeitung eine Krankheitsdynamik auslösen« (ebd., S. 138). Gleichzeitig, so Niederbacher und Zimmermann (2011, S. 179), wird Gesundheit ebenso als Voraussetzung für die genannte Auseinandersetzung verstanden; sie sei somit als Ressource zu begreifen, um Alltag gewährleisten zu können und handlungsfähig zu sein (ebd.). Sichtbar wird in dieser Sozialisationsvorstellung die Auseinandersetzung des Subjekts mit seinen gesellschaftlichen Bezügen; Gesundheit ist also nicht »alleinige Idee des Subjekts« und völlig abgekoppelt von äußeren Bezügen. Dennoch, darauf weisen Böhnisch et al. (2009, S. 17) hin, verweise das Modell der Vermittlung von Subjekt und Gesellschaft auf einen Vorgang, der vor allem innerhalb der Person stattfinde und so die strukturbezogene Frage ungleicher Ausgangsbedingungen vernachlässige.

Dabei können wir Gesundheit aber nicht allein als unabhängige Variable betrachten. Im Gegensatz zum Trendbegriff Bildung, der keinen expliziten »Gegenspieler« besitzt, es sei denn, man betrachte »Nicht-Bildung« als Antipode eines gewünschten und herzustellenden Zustands, was den Kern der Bildungsdiskussion vor allem im Bereich der Sozialen Arbeit nicht annähernd träfe, wird Gesundheit stets auch davon abhängig gemacht, inwiefern es gelingt, Krankheit zu vermeiden, sie zu verringern oder sie zu bewältigen. Krankheit kann Alltagswelt in hohem Maße einschränken, beeinflussen und bildet ein Gegenüber, der Gesundheit zu einem fluiden und ständig wechselhaften Zustand werden lässt. Gesundheit ist deshalb schon nicht statisch, da jederzeit Krankheit drohen und in verschiedenen Ausprägungen eintreten kann; aber nicht nur die Krankheit selbst, sondern auch ihr Drohen zeigt sich relevant hinsichtlich des individuellen Verhaltens und der Wahrnehmung und Gestaltung des eigenen Alltags.

Der von der Weltgesundheitsorganisation bereits im Jahr 1946 ins Spiel gebrachte Begriff des Wohlbefindens, als normatives, idealtypisches gesundheitspolitisches Ziel formuliert, in dem Gesundheit als ein Zustand des »vollständigen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens« beschrieben wird und nicht nur als »das Freisein von Krankheit oder Gebrechen«, zeigt bis heute viele Mängel hinsichtlich der Operationalisierbarkeit und ist schon rein aus logischer Sicht (Problem der Vollständigkeit) nicht nachzuvollziehen. Dennoch hat die damit verbundene Schwerpunktlegung auf die Dimension des Wohlbefindens, die wir in verschiedenen modernen Gesundheitsmodellen antreffen, eine veränderte Sichtweise auf die Entstehung und die Wahrnehmung von Gesundheit und Krankheit gelegt; nämlich als ein subjektives Erleben, das entgegen gesellschaftlicher Normierung nicht nur sozial konstruiert wird (vgl. Richter/Hurrelmann 2016), sondern sich auch als Teil subjektiver Wirklichkeitskonstruktion – wie bereits oben angedeutet als individuell zu leistender Prozess verstanden – darstellt. Gesundheit erlangt somit insbesondere einen sozialen Charakter, der die Wechselwirkungen des Individuums mit seiner Umwelt in den Vordergrund stellt (vgl. auch Faltermeier 2009).

Zum Weiterlesen: In Ausgabe 11-12/2018 des Sozialmagazin (S.50)

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