Digitalisierung

Hate Speech im Internet - Von der Straße ins Netz und wieder zurück

Hate Speech ist in aller Munde: Im Munde der Täter, die es aussprechen; der Politiker, die gesetzliche Reglementierungen beschließen; der Initiativen, die sich wehren; der Presse, die berichtet; der Wissenschaft, die sich mit den Ursachen und Folgen beschäftigt. Von Gerrit Weitzel

29.08.2017 Bundesweit Artikel Sozialmagazin
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Der Beitrag wird die Definitionen von Hate Speech und die vielfältigen Motivationen, aus denen heraus Hate Speech ausgeübt wird, skizzenartig erfassen und darstellen. Zentral ist das Verhältnis von Hasssprache im Netz und auf der Straße.

Hate Speech findet sich an vielen Orten und zu vielen Anlässen: in politischen Debatten, in Auseinandersetzungen zwischen Mehrheiten und Minderheiten, bei Minderheiten in der Auseinandersetzung mit Mehrheiten, in politischen Rede, beim Sport, bei religiösen Auseinandersetzungen und noch an vielen weiteren Orten und Anlässen. Eine allgemeine Definition von Hate Speech beschreibt diese als »sprachliche[n] Ausdruck von Hass gegen Personen oder Gruppe (…), insbesondere durch die Verwendung von Ausdrücken, die der Herabsetzung und Verunglimpfung von Bevölkerungsgruppen dienen« (Meibauer 2013, S. 1). Diverse Formen der sprachlichen Abwertung gegenüber verschiedenen Bevölkerungsgruppen finden sich derzeit zuhauf: auf den Straßen, wenn PEGIDA zu abendlichen gemeinschaftlichen Spaziergängen einlädt, oder wenn sogenannte besorgte Bürger/innen gegen die Eröffnung von Flüchtlingsunterkünften protestieren, und im Internet, wenn es bei sozialen und politischen Themen zu Enthemmungen, Grenzüberschreitungen und »alternativen Wahrheiten« kommt.

Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Gastbeitrag aus dem Sozialmagazin.

Die digitale Entwicklung und die damit einhergehenden Möglichkeiten, beispielsweise die interaktive Nutzer/innenbeteiligung im Web 2.0, bieten Produktivitätsfortschritte und neue, globale Kommunikationsmöglichkeiten. Die digitale Welt ist entgrenzt, d. h. Inhalte lassen sich binnen Sekunden von einem Ende der Welt ans andere transportieren, Menschen von überall können problemlos in Kontakt zueinander treten, sich vernetzen, Einblicke in andere Sichtweisen erhalten. Medien können interaktiv agieren und ihre Nutzer/innen so Teil ihres Produktes werden lassen. Diese werden uno actu zu Konsument/innen und Produzent/innen in einem. Wissen wird im Internet für breite Massen zugänglich gemacht und demokratisiert. Doch dadurch, dass sich ein jeder als Journalist/in betätigen kann, wird die Torwächterfunktion des professionellen Journalismus samt all seiner Gütekriterien wie Richtigkeit, Relevanz und Aktualität aufgeweicht (vgl. Hendricks/Vestergaard 2017). Und hier zeigen sich die Schattenseiten entgrenzter Kommunikation: Im entgrenzten Netz werden Grenzen überschritten und neu gezogen: Grenzen des Umganges miteinander, Grenzen des guten Geschmacks, faktische Grenzen und Grenzen der Zugehörigkeit, und zwar dann, wenn in geposteten Inhalten und kommentierten Artikeln Menschen angefeindet, diffamiert, ihnen die Würde abgesprochen und sie als nicht zugehörig markiert werden. Soziale Netzwerke und Kommentarbereiche werden so zu Orten, an denen Beleidigungen, Vorwürfe, Anfeindungen, Intoleranz und aggressive Ausfälle und letztlich Menschenfeindlichkeit öffentlich erlebt und gelebt werden. Enthemmter Hass im Netz ist eine der negativen Begleiterscheinungen der digitalen Entwicklung. Es gibt einen kontinuierlichen Anstieg von Hassäußerungen, insbesondere von Hass im Netz. So fühlt sich »jede_r zweite befragte Journalist_in (…) von den Angriffen des Publikums belastet – dabei spielt es kaum eine Rolle, ob die Person selbst von Angriffen betroffen war (Angriff erlebt: 53 %, kein Angriff erlebt: 48 %)« (Preuß et al 2017, S. 3).

Etwa zwei Drittel aller Internetnutzer/innen ab 14 Jahren sahen sich schon mit Hasskommentaren konfrontiert, jeder vierte davon sogar schon (sehr) häufig (vgl. Lfm NRW 2016), für Journalist/innen wird das »Publizieren zur Mutprobe« (vgl. Preuß et al. 2017). Auf den Straßen wie im Internet basieren Hassäußerungen auf Stimmungslagen, die gekennzeichnet sind von Wut, Verachtung, Abwertung und bis weit in die Mitte der bundesdeutschen Gesellschaft hineinreichen (vgl. Zick/Küpper 2016). Der Hass im Netz stellt letztlich ein Spiegelbild des Hasses auf den Straßen dar, jedoch ein verzerrtes. Der Hass in den Straßen und der Hass im Internet basiert auf denselben menschenfeindlichen Einstellungen, ausgelöst durch dieselben Ereignisse und Stimmungen. Die Straße wie auch das Internet sind zu globalen Orten der Bedeutungsaushandlung geworden. Wut und Hass in den Straßen und Hass im Internet bestehen aus einer zirkulären Bewegung, die, wenn es nicht zu einem verkürzten Verständnis kommen soll, nicht getrennt voneinander gedacht werden können.

Der vorliegende Beitrag skizziert gängige Begriffsdefinitionen und Motivationen des Hate Speech und führt die Botschaften an, die beim Hate Speech gesendet werden. Abschließend geht es um das Verhältnis von hasserfüllten Einstellungen und Hassäußerungen im Netz: Verschiedene Studien, die sich in den letzten Jahren mit rechtspopulistischen, fremdenfeindlichen Einstellungen beschäftigt haben, kommen zu dem Schluss, dass diese in weiten Teilen der Gesellschaft vorzufinden sind (vgl. Zick/Küpper 2015; Decker et al. 2016). Hieraus lässt sich schließen, dass es sich bei  ansteigendem Hass im Netz um Abbilder gesellschaftlich vorhandener Einstellungen handelt. Dies ist jedoch weder ganz richtig noch ganz falsch. Hass im Netz stellt keine neue oder gesonderte Form des Hasses dar, sondern eine bereits vorhandene Form innerhalb verzerrender und verändernder Kommunikationsstrukturen. Verzerrend, weil sie Wahrnehmungen in Bezug auf vermeintliche Bedrohungen, Verunsicherungen verändern und weil es durch diese Bedrohungen und Verunsicherungen in Verbindung mit interaktiven Kommunikationsmöglichkeiten zur Bildung von (imaginären) Bewegungen kommt, die durch ihre Präsenz im Netz größer Wirken, als sie eigentlich sind. Die vorhandenen menschenfeindlichen Einstellungen sind maßgebend: Hate Speech kann nur funktionieren, wenn der Gegenstand, auf den sich der Hass bezieht, von einem relevanten Teil der Gesellschaft als krisenhaft wahrgenommen wird. Dadurch erhält der Hass Aufmerksamkeit und wird in beachtlichem Maße interaktional und wechselseitig. Das Internet stellt dabei Faktoren bereit, die Einfluss auf Kommunikationsstrukturen nehmen. Der Beitrag wird anhand zweier Punkten zeigen, wie sich veränderte und verzerrende Kommunikationsstrukturen auf Hass im Netz auswirken. Erstens: Kommunikation im Internet enthemmt. Zweitens: die Verbreitung alternativer Wahrheiten ist im Internet problemlos möglich. Interessengesteuerte Beiträge versehen mit Lügen, hochemotionalisiert und mit Hass kommentiert garantieren Aufmerksamkeit und helfen dabei verunsicherte, unzufriedene, wütende Menschen einzufangen und für ihre Zwecke zu gewinnen (vgl. Zick/Küpper 2015). Bewegungen wie PEGIDA, radikale Agitatoren und Einzelpersonen können ihre alternativen Wahrheiten so mit hoher Reichweite im Internet verbreiten. Alternative Fakten oder auch einfach Lügen sind zum Stilmittel geworden; gespickt mit hassgefüllten Interpretationsange boten wird an negative Emotionen appelliert und die potentielle Aufmerksamkeit erhöht. So werden im Internet Gemeinschaften gebildet, die es außerhalb des Internets nicht gibt. Am Beispiel der PEGIDA Facebook-Page wird gezeigt, wie dynamische Verbindungen zwischen Bewegung und Nutzer/innen bestehen, wie sich diese untereinander wechselseitig Anerkennung und Zugehörigkeit verleihen und wie »Echokammern« entstehen, die keine Alternativen zur eigenen Meinung mehr zulassen und sich so ein Gefühl von Kollektivität und Handlungsfähigkeit einstellt.

Begriffsbestimmungen

Hass stellt eine Emotion dar, die sowohl sprachlich – einschließlich Mimik und Gestik – als auch schriftlich ausgedrückt werden kann (Meibauer 2013). Sie stellt eine Form der Abneigung, Wut und Verachtung gegenüber Personen, vermeintlichen und konstruierten Personengruppen dar. Hate Speech oder zu Deutsch Hassrede, muss jedoch nicht mit subjektiv empfundenem Hass einhergehen, »Hassrede kann auch konventionalisiert sein« (Meibauer 2013, S. 3), wie beispielsweise in rassistischen Diskursen (ebd.).

Zum Weiterlesen: In Ausgabe 7-8/17 des Sozialmagazin (S.6)

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