Das Projektnetz INTAKT:

Viele Schüler erleben Missachtung und Verletzungen

(Brigitte Schumann) In ihrer Buchveröffentlichung fasst Prof. Annedore Prengel das zentrale Ergebnis von INTAKT in die "plakative Faustformel": "Mit durchschnittlich jeder vierten Lehrer-Schüler-Interaktion ist eine Verletzung verbunden und in durchschnittlich jeder sechzehnten pädagogischen Interaktion erleben die Lernenden die starke Missachtung eines Mitschülers durch eine Lehrkraft."

04.11.2013 Artikel
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In ihrem soeben veröffentlichten Buch "Pädagogische Beziehungen zwischen Anerkennung, Verletzung und Ambivalenz" hat die Initiatorin des wissenschaftlichen Projektnetzes INTAKT (Soziale Interaktionen in pädagogischen Arbeitsfeldern) erste Befunde dargestellt und ausgewertet. Parallel dazu problematisierte die ebenfalls von Annedore Prengel initiierte Internationale Konferenz in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Institut für Menschenrechte und dem Deutschen Jugendinstitut unter der Schirmherrschaft von Dr. Christine Bergmann vom 3. - 5. Oktober in Potsdam die Qualität pädagogischer Beziehungen vor dem Hintergrund der Kinderrechte der UN-Kinderrechtskonvention.

Zum Projekthintergrund

Das Projekt verdankt sich der anerkennungstheoretisch fundierten und empirisch gesicherten Erkenntnis, dass Bildung und Erziehung immer in Beziehungen entstehen. Die Wirkungen der intersubjektiven Prozesse in den Lehrer-Schüler-Interaktionen sind vielfältig und werden qualitativ davon bestimmt, ob die Interaktion von Anerkennung oder Verletzung geprägt wird. Das Lehrerhandeln kann auf der individuellen Beziehungsebene als förderlich oder einschränkend, schützend oder schädigend, hilfreich oder belastend von den Lernenden erlebt werden. Während die Anerkennung des Schülers durch den Lehrer das Lernen eher fördert, blockieren Verletzungen oder Missachtung des Schülers durch den Lehrer tendenziell das Lernen. Auf der gesellschaftlichen Ebene entscheidet die Qualität pädagogischer Beziehungserfahrungen darüber, ob die Heranwachsenden in späteren Lebensphasen zu Selbstachtung und Anerkennung der Anderen befähigt sind und sich aktiv für die Verwirklichung der Menschenrechte einsetzen.

Angesichts der Relevanz pädagogischer Interaktionen muss erstaunen, dass dieser Aspekt wenig erforscht ist. Das Projektnetzwerk INTAKT hat sich zum Ziel gesetzt, soziale Interaktionen in pädagogischen Arbeitsfeldern zu erkunden unter der Fragestellung: "Wie und wie oft werden Kinder in pädagogischen Interaktionen anerkannt oder verletzt." Darüber hinaus streben die im Projektnetz kooperierenden Vorhaben an, die erhobenen sozialen Interaktionen "im Hinblick auf ihre Relevanz für die Menschenrechtsbildung und die demokratisch-inklusive Erziehung zu analysieren und Innovationskonzepte zu entwickeln."

Das Projektteam besteht aus einer interdisziplinär zusammengesetzten Gruppe aus Erziehungswissenschaftlern, Sozialwissenschaftlern und Fachdidaktikern. Es ist an der Universität Potsdam angesiedelt und bundesweit und international vernetzt. Um Belastungen für die teilnehmenden Schulen und Lehrer zu vermeiden, beschränken sich die Erhebungen der pädagogischen Interaktionen auf protokollierte Unterrichtsbeobachtungen von geschulten Mitarbeitern. Die inhaltsanalytische Auswertung erfolgt mehrstufig und wird durch "introspektive Selbstberichte der Beobachter als wichtige Indikatoren für die Qualität der pädagogischen Beziehung angereichert". Es handelt sich bei der Introspektion um kurz gehaltene persönliche Äußerungen der Beobachter zu den beobachteten Interaktionen, wie z.B.: "Ich bin schockiert" oder "Ich bin verwirrt" oder "Mich freut das konstruktive Lob der Lehrerin".

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt umfasst der Datensatz 15 000 protokollierte Beobachtungen, die an mehr als 300 Beobachtungstagen in 120 Schulen aller Schulstufen im Unterricht von 350 Lehrern bundesweit notiert wurden. Derzeit ist die Primarstufe mit dem Anfangsunterricht in den Klassen 1 und 2 am stärksten vertreten. Die Sonderschule ist unterrepräsentiert, weil sich die Zulassung zu Sonderschulen als besonders schwierig erwiesen hat. Die Datenbank soll fortlaufend ergänzt und erweitert werden.

Ergebnisse aus den Intakt-Studien

Die bisherige Auswertung legt nahe, dass Erzieherinnen und Sozialpädagogen in außerschulischen Einrichtungen "etwas anerkennender handeln, aber dennoch insgesamt durchschnittlich relativ ähnliche Ergebnisse aufweisen wie Lehrerinnen und Lehrer". Beobachtet wurden in den bislang ausgewerteten Schulen 10 Prozent sehr anerkennende, 28 Prozent leicht anerkennende, 34 Prozent neutrale, 16 Prozent leicht verletzende, 6 Prozent sehr verletzende und 5 Prozent schwer einzuordnende Interaktionen. Für fast drei Viertel der Interaktionen ist die Anerkennungsbilanz positiv, während bei einem Viertel der beobachteten Interaktionen die Beziehungsqualität negativ ausfällt.

Im Schulstufenvergleich schneidet die Sekundarstufe I am schlechtesten ab mit der höchsten Anzahl verletzender Interaktionen, gefolgt von der Primarstufe und der Sekundarstufe II. "Erstaunlich ist", so Annedore Prengel, "dass der Anteil an verletzenden Handlungsweisen den kleinen Erst- und Zweitklässlern gegenüber mit durchschnittlich 25 Prozent dem Durchschnittswert aller Schulformen entspricht. Denn in all den Szenen bemühen sich viele Kinder immer wieder, als Schülerinnen und Schüler anerkannt zu werden." Prengels Hypothese, dass "möglicherweise gerade die kindliche Ohnmacht zum Ausagieren aversiver Dominanz verleiten könnte", lässt sich aber aus ihrer Sicht im Rahmen des Projektes und seiner selbst gesteckten Ziele nicht aufklären.

Die INTAKT-Studien weisen nach, dass die an der einzelnen Schule gepflegte Schulkultur zwar die Interaktionen der Lehrpersonen beeinflusst, aber sie kann nicht sicherstellen, dass alle Lehrkräfte unter den gleichen institutionellen Rahmenbedingungen sich gleich verhalten. "Auch an Schulen, die über langjährige reformpädagogische Erfahrungen, auch integrative Erfahrungen verfügen, können trotz vieler anerkennend handelnder Teammitglieder einzelne Lehrpersonen arbeiten, die überdurchschnittlich häufig verletzen." Ihr verletzendes Verhalten unter den Augen der Beobachter lässt den Rückschluss zu, dass sie von der Richtigkeit ihres professionellen Handelns überzeugt sind.

Schulkulturelle Spaltung - ein deutsches Phänomen?

In ihrer Ursachenanalyse beschäftigt sich Prengel nachdrücklich mit dem Befund der Spaltung zwischen anerkennenden und verletzenden Handlungsweisen in einem Kollegium und vermutet, dass dies ein typisch deutsches Phänomen sein könnte, das weiter untersucht werden müsse.

Aus der Analyse der Beobachtungssituationen leitet sie ab, dass die verletzenden kinderfeindlichen Interaktionen in den Normen und kulturellen Mustern der pädagogischen Akteure als feste Überzeugungen verankert sind. Diese würden auch von "Akteuren anderer Systemebenen" gestützt, die noch dem Bild vom "schlechten Schüler" verhaftet und von destruktiven pädagogischen Praktiken überzeugt seien. Damit würde die "kulturelle Normativität von verletzenden Handlungsmustern" gefestigt. Prengels Schlussfolgerung lautet: "Wenn destruktive Normen bei einem Teil der Akteure ungebrochen lebendig bleiben können, mangelt es im pädagogischen Mainstream an menschenrechtlich fundierten Normen für die Ethik pädagogischen Handelns."

Forderungen

Prengels Forderungen aus den Ergebnissen der INTAKT-Studien sind darauf gerichtet, den betroffenen Kindern und deren Eltern Beschwerdemöglichkeiten durch die Institutionalisierung einrichtungsinterner Beschwerdestellen und externer unabhängiger Ombudsstellen einzuräumen.

Innerhalb der Kollegien müssen aus ihrer Sicht geregelte konstruktive Verfahren festgelegt und Haltungen kultiviert werden, die dazu führen, dass niemand mehr wegschaut, wenn ein Kollege Kinder verletzend behandelt. Dies führt zu einer Entlastung, weil Lehrpersonen mit verletzendem Verhalten "weit von beruflichem Wohlergehen entfernt sind, so dass auch sie selbst dabei emotional verelenden". Qualifikationen auf der Beziehungsebene müssen systematischer Bestandteil von Aus- und Fortbildung werden. "Darüber hinaus geht es darum, die Fähigkeit zur Empathie zu stärken. Lang erprobte und in Schulen viel zu wenig praktizierte Unterstützungsformen sind regelmäßige Teambesprechungen und Supervision."

Die bundesweite Bildungspolitik, Landesinstitute und Stiftungen sind aufgefordert, einen öffentlichen Diskurs über angemessene Normen pädagogischen Handelns in Gang zu bringen und dazu beizutragen, dass "minimale normative Standards zur Qualitätssicherung auf der Beziehungsebene überhaupt diskutiert werden".

Starke Resonanz der Konferenz

Die Teilnehmer der Kinderrechtekonferenz in Potsdam waren sich darin einig, dass das Thema der Konferenz ins Schwarze trifft. Als geradezu befreiend wurde empfunden, dass die Konferenz mit ihren Inhalten einen kritischen Kontrapunkt zu den empirischen Leistungsstudien und Leistungsvergleichen setzt, mit denen seit mehr als einem Jahrzehnt die Schulqualität angeblich entwickelt und gesichert werden solle, ohne dass auch nur ein einziges Problem des deutschen Schulsystems gelöst worden wäre. Stattdessen sähen sich Lehrer unter Druck, fühlten sich von der Schulbürokratie drangsaliert und belastet.

Die Forderungen von Prengel fanden in der Abschlussdiskussion eine breite Zustimmung und wurden in ihrer kinderrechtlichen Bedeutung stark hervorgehoben. In mehreren Beiträgen, unter anderem von Marianne Demmer als Vertreterin der GEW, wurde mit Nachdruck gefordert, dass in der Analyse der kinderfeindlichen Interaktionen die verletzenden kinderfeindlichen Schulstrukturen schärfer in das Blickfeld der Kritik gerückt und kinderrechtlich angeprangert werden müssten. Sie lieferten den Grund für institutionelle Ausgrenzung und Diskriminierung und beeinflussten damit auch das professionelle Selbstverständnis der Pädagogen.

Literatur:

Annedore Prengel: Pädagogische Beziehungen zwischen Anerkennung, Verletzung und Ambivalenz. Verlag Barbara Budrich 2013

Zur Person

Dr. Brigitte Schumann war 16 Jahre Lehrerin an einem Gymnasium, zehn Jahre Bildungspolitikerin und Mitglied des Landtags von NRW. Der Titel ihrer Dissertation lautete: "Ich schäme mich ja so!" - Die Sonderschule für Lernbehinderte als "Schonraumfalle" (Bad Heilbrunn 2007). Derzeit ist Brigitte Schumann als Bildungsjournalistin tätig.


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