Interview

„Wir verlieren 4,4 Billionen Euro“

Deutschland steht oft in der Kritik, gemessen am Bruttoinlandsprodukt zu wenig in Bildung zu investieren. Das stimme so nicht, sagt Bildungsökonom Prof. Ludger Wößmann, Leiter des ifo Zentrums für Bildungsökonomik. Das Interview führte Tina Sprung

19.11.2018 Bundesweit Artikel didacta Infodienst
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Herr Prof. Wößmann, investiert die Bundesrepublik im Vergleich zu anderen Ländern zu wenig Geld in Bildung?
Deutschland gibt nicht zu wenig für Bildung aus. Für mich ist es oft nicht nachvollziehbar, warum das Argument aufgegriffen wird, dass Deutschland im internationalen Vergleich schlecht da stünde. Vergleicht man die Ausgaben pro Schüler mit anderen Ländern, liegen wir hier deutlich über dem EU- und OECD-Durchschnitt. 

Trotzdem schneiden wir im internationalen Vergleich bei den Leistungsvergleichen der Schüler nicht überdurchschnittlich gut ab. 
Länder, die mehr in Bildung investieren, haben nicht automatisch bessere Schülerleistungen. Finnland, einer der PISA-Spitzenreiter, gibt nicht mehr pro Schüler aus als Spanien oder Italien. Wir sollten nicht über die Investitionshöhe sprechen, sondern über die Verteilung. 

Wie sollte diese aussehen?
Wir müssen früh ansetzen, um jedem Kind die gleichen Chancen zu ermöglichen. Im internationalen Vergleich sind die privaten Ausgaben für frühe Bildung in Deutschland zu niedrig. Hier muss die Bundesrepublik mehr investieren. Auf der anderen Seite könnte man die Finanzierung im tertiären Sektor anders gestalten. Wenn die jungen Menschen nach dem Schulabschluss auf eine Universität gehen, wäre es sinnvoll, sie in die Finanzierung einzubeziehen, indem sie einen Teil der Studienkosten selbst tragen. Sie könnten die Kosten für ihr Studium zurückzahlen, wenn sie genug verdienen. 

Was muss die Politik tun, um langfristig den Wohlstand für die nachfolgenden Generationen zu sichern? 
Die Politik muss dafür sorgen, dass die Schüler bessere Lernergebnisse erzielen. Es ist egal, wie lange Schüler die Schulbank gedrückt haben. Wichtiger ist, was sie gelernt haben, beispielsweise ob sie die Basiskompetenzen in Mathe und den Naturwissenschaften beherrschen. Hier bedarf es Bildungsreformen. 

Welcher? 
Wir brauchen klare, einheitliche Standards bei den Abschlussprüfungen. Statistiken belegen, dass Länder, in denen klare Anforderungen vorliegen, wie in den asiatischen Ländern, besser bei PISA abschneiden. Die Schulen benötigen außerdem mehr Autonomie. Als Beispiel dienen hier die Niederlande: Die Schulen werden zwar durch die öffentliche Hand finanziert, aber die Schulleiter können sich ihre Lehrkräfte selbst aussuchen und selbst festlegen, wie lange Schulstunden dauern. Es ist nachgewiesen, dass das Leistungsniveau der Schüler steigt, wenn es mehr autonome Schulen gibt. 

Sie sagen, dass durch Chancenungerechtigkeit der Bundesrepublik 4,4  Billionen Euro verloren gehen. Wie kommen Sie auf diese Zahl? 
In Deutschland gibt es einen relativ großen Anteil an Kindern, die noch nicht einmal die Grundkompetenzen erreichen. Das heißt, 15-Jährige können nicht auf Grundschulniveau rechnen und lesen. Diese Menschen haben später Probleme auf dem Arbeitsmarkt und sind nicht produktiv. Wir haben für die OECD ausgerechnet, wie viel uns das kostet und kamen zu dem Ergebnis, dass es ein Zugewinn für die deutsche Wirtschaft um 4,4 Billionen Euro wäre, wenn alle Schüler die Kompetenzstufe 1 erreichen. 

In einem Land, das gut bei PISA abschneidet, wachse die Wirtschaft schneller. Können Sie das anhand eines Beispiels konkretisieren? 
50 zusätzliche PISA-Punkte, das ist grob der Abstand zwischen Deutschland und den PISA-Spitzenreitern Finnland, Korea oder Hongkong, gehen mit einem zusätzlichen jährlichen Wachstum von gut 0,6 Prozentpunkten einher. Das hätte unser Wachstum über das vergangene Jahrzehnt etwa um die Hälfte erhöht. Über vierzig Jahre gerechnet könnte unser Pro-Kopf-Einkommen heute also um 30 Prozent höher sein. Bildung rechnet sich also auf lange Sicht.

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in: didacta Infodienst – Das Bildungsdossier für Politik und Bildungsverwaltung, Ausgabe 1/2018, S. 2, www.didacta-digital.de


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