Gastbeitrag

Dickes Fell

Florian Esser ist Leiter der Kindertagesstätte Kita Herz Jesu in Aachen. Im Magazin Meine Kita erzählt er von seinen Erfahrungen – und den täglichen Vorurteilen, da er ein Mann ist.

25.10.2018 Bundesweit Artikel Meine Kita
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Meine Anwesenheit hat eine magnetische Wirkung auf die Kinder. Es ist zu spüren, wie gerade die Jungen sich nach einer männlichen Bezugsperson sehnen, die mit ihnen Höhlen baut, Fußball spielt und der sie sich mit ihren Themen anvertrauen können. Kinder brauchen neben Frauen auch männliche Rollenvorbilder, die ihnen Orientierung geben, denn zum Leben eines Kindes gehören Mann und Frau gleichermaßen. Dennoch möchte ich betonen, dass die fachliche Qualifikation nicht alleine darin bestehen darf, ‚Mann‘ zu sein. Vielmehr sollte neben dem Geschlecht eine fundierte pädagogische Ausbildung vorausgesetzt sein, weshalb ich mich nicht gerne auf das ‚Mann sein‘ reduzieren lasse. 

Dennoch: Manche Eltern brauchen oft etwas Zeit, sich an einen männlichen Erzieher zu gewöhnen. Aber meist beginnen sie dann den Vorteil darin zu sehen, der sich für ihr Kind daraus ergibt. Deshalb muss man als männlicher Erzieher viel Vertrauensarbeit leisten, ein dickes Fell haben und durch leidenschaftliches Engagement zeigen, dass man diesen Beruf in erster Linie aus aufrichtiger Liebe zu den Kindern macht. Ich kann mich gut an mein Film- und Fotoprojekt erinnern. Kinder hatten in einer vorbereiteten Umgebung die Möglichkeit, ihren Alltag in Fotos und einem Film festzuhalten. Die Kinder waren begeistert – die Eltern sehr besorgt. Es gab die Befürchtung, ich würde die entstandenen Fotos und Filme im Internet auf unseriösen Seiten veröffentlichen. Ich führte viele Tür und Angel-Gespräche mit besorgten Müttern und konnte ihnen unter anderem mithilfe meiner Kollegin diese Sorge nehmen. Ich hätte nie erwartet, dass solch ein Projekt so viel Unruhe aufwirft. Umso wichtiger und unersetzlicher sind deshalb eine gute Kommunikation, Absprache und Vertrauensbasis innerhalb der Gruppe und des Kollegiums sowie eine qualitative Elternarbeit. Im privaten Umfeld muss man sich gegen den Vorwurf wehren, Erziehung sei reine Frauensache, das man(n) sowieso nur „spielen“ würde und warum man denn eigentlich keinen ‚vernünftigen‘ Beruf erlernt habe.

Neben der oben genannten Situation bin ich im Laufe meiner Berufsjahre durch Beschwerden und teils massive Forderungen von Eltern immer wieder gefordert. Bei meinem Werdegang konnte ich bei verschiedenen Trägern Eltern unterschiedlichster Kulturen sowie differenzierten sozialen Strukturen begegnen. Dabei habe ich erlebt, wie Eltern sich geweigert haben, ihre Tochter in unsere Kita zu bringen, solange ich als Mann dort arbeitete. Auch begegneten mir Mütter, die mit meiner Anwesenheit keinesfalls glücklich zu sein schienen, sondern in mir eine Bedrohung für das Wohl ihrer Kinder sahen. In einem ehemaligen Arbeitsverhältnis musste ich verständnislos hinnehmen, dass ich keines der Kinder wickeln durfte, da es sie in ihrer Gewohnheit ‚störe‘. Bei einem Vorstellungsgespräch dagegen widerfuhr mir etwas weitaus Skurrileres. Die Leiterin der Kita sagte mir, sie wolle meine Einstellung nicht alleine entscheiden, sondern in erster Instanz das Kollegium fragen, ob es mit einem männlichen Kollegen einverstanden wäre, da bis dato das Team ausschließlich aus weiblichem Personal bestand. Sie trafen die Entscheidung gegen mich. Ich fühlte mich in diesem Moment das erste Mal aufgrund meines Geschlechtes benachteiligt. Eine weitere Situation erlebte ich in einer anderen Kita, in der Eltern die Anmeldung ihrer Tochter zurückzogen, als sie erfuhren, dass ich als Mann dort arbeitete. In einem anderen Fall hat ein Kita-Vater akut vor meiner Einstellung innerhalb der Elternschaft völlig unverblümt verkündet, dass er nichts von Männern in dem Beruf halte und ein Mann in seinen Augen nicht in eine Kita gehöre. Das zeigt, dass Männer sich teilweise auch heute noch mit Ressentiments gegenüber ihrer Arbeit in Kindergärten konfrontiert sehen.

Dem Mann als Erzieher in einer Kita eilt mancherorts noch immer der Ruf voraus, sich Kindern nähern zu wollen, um finstere Wünsche zu befriedigen. Glücklicherweise mehrt sich jedoch die Zahl derer, die im 21. Jahrhundert angekommen sind und die Anwesenheit von Männern in Kitas sehr begrüßen. Ich wünsche mir jedoch, dass Männer in Kitas nicht nur einen notwendigen Akzent setzen, sondern eines Tages Normalität sind. Ich bin mir sicher, dass die Kinder und das Team gleichermaßen von einer heterogenen Teamkonstellation profitieren, sowohl was das Geschlecht als auch die Persönlichkeit betrifft. Ich halte es für sinnvoll und absolut wünschenswert, dass mehr Männer in den Kitas arbeiten. Ich liebe meine Beruf.“

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in: Meine Kita – Das didacta Magazin für die frühe Bildung, Ausgabe 3/2018, S. 50-52, www.fruehe-bildung.online


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