Interview

Die KITA - ein sicherer Ort für geflüchtete Kinder

Petra Wagner leitet in Berlin die Fachstelle Kinderwelten. Gemeinsam mit ihrem Team hat sie vor mehr als zehn Jahren den Anti-Bias-Ansatz aus Kalifornien nach Deutschland gebracht, den deutschen Verhältnissen angepasst und weiterentwickelt zu einem inklusiven pädagogischen Ansatz mit dem Namen Vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung. Die Fachstelle Kinderwelten ist wie die Integrationsagentur der AWO Mittelrhein intensiv mit Fragen rund um geflüchtete Kinder, ihre Lebensbedingungen in Heimen und ihre Aufnahme in das Bildungssystem befasst. Ein Gespräch zwischen Mercedes Pascual Iglesias und Petra Wagner.

29.10.2015 Artikel
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Mercedes Pascual Iglesias: Geflüchtete Kinder haben in der Regel eine lange und strapaziöse Reise hinter sich, wenn sie in Deutschland ankommen. Kann die Kindertagesstätte dabei helfen, dass sie auch im übertragenen Sinne hier ankommen?
Petra Wagner: Klar, die Kitas können die Kinder aufnehmen und sie tun es ja bereits. Wir sehen überall Anstrengungen, auch diejenigen Kinder aufzunehmen, die formal noch kein Anrecht darauf haben, nämlich solange sie in den Ersteinrichtungen der Länder sind. Mit etwas Hilfe bei den Formalitäten haben die Kinder eine Chance, in die Kita zu kommen.

Du sprichst direkt zwei Stolpersteine auf dem Weg an, den geflüchteten Kindern einen Kitabesuch rasch zu ermöglichen: die asylrechtliche Zuweisung der Familie zu einer Kommune und die nicht ganz einfachen Formalitäten. Sollten die Kinder dann doch erst einmal in den Flüchtlingseinrichtungen betreut werden?
Prinzipiell gilt für geflüchtete Kinder das gleiche wie für alle Kinder, nämlich das Recht auf Bildung und auf Teilhabe. Diese Rechte gelten vom ersten Tag an, wenn sie in Deutschland sind, auch in den Sammelunterkünften. Allerdings wird dort zu wenig darüber nachgedacht, was mit den Kindern passiert. Wir haben mehrfach beobachtet, dass die Mittel, die für ein Spielzimmer und für Kinderbetreuungspersonal vorgesehen sind, nicht dafür eingesetzt werden und Kinder drei, vier, sechs Monate lang einfach nur die Flure in den Heimen entlangrennen. Das geht nicht, denn die Kinder brauchen tatsächlich vom ersten Tag an den Zugang zu den Leistungen der Jugendhilfe, zu Betreuung, Bildung und Erziehung, dazu gehört eine ruhige Lernsituation und personelle Kontinuität.

Nach meinem Eindruck bieten Sammelunterkünfte Kindern weder einen sicheren noch einen guten Ort an. Zum einen leben die Menschen dort beengt und gibt es kaum Aufenthaltsräume, die in irgendeiner Weise einladend sind. Da sind Kindertagesstätten völlig anders aufgestellt und gestaltet. Zum anderen wird die Kinderbetreuung in den Flüchtlingswohnheimen oftmals nur stundenweise, und auch nicht täglich, von Honorarkräften geleistet. Da ist personelle Kontinuität nur schwer zu gewährleisten.
Was auch Einsätze von Ehrenamtlichen in diesem Bereich nicht ausgleichen können. Es muss in den Unterkünften eine räumliche und pädagogische Verbesserung geben, eine Kinderbetreuung, mit der anerkannte Träger von Kindertageseinrichtungen beauftragt werden.

ZIEL 1 DER VORURTEILSBEWUSSTEN BILDUNG UND ERZIEHUNG: KINDER IN IHRER ICH-IDENTITÄT UND IHRER BEZUGSGRUPPENIDENTITÄT STÄRKEN.

In der "Vorurteilsbewussten Bildung und Erziehung" orientiert sich die pädagogische Arbeit in der Kindertagesstätte an vier Zielen, die aufeinander aufbauen. Im ersten Ziel geht es darum, "alle Kinder in ihrer Identität zu stärken. Dafür müssen sowohl ihre individuellen wie auch ihre familiären Erfahrungen und Lebenssituationen anerkannt werden. Wenn sich Kinder mit sich selbst, ihrer Hautfarbe, ihrer Religion, ihren Sprachen und gemeinsam mit ihren Familien wohl fühlen in der Einrichtung, können sie leicht Neues lernen.

Was ist für die Kinder von Geflüchteten dafür nötig?
Eine Normalität in einem Alltag, der ihnen Anregungen gibt, an die sie anknüpfen können. Wenn alles zu fremd ist, kann es lange dauern, bis sich Kinder zugehörig fühlen. Sie brauchen Anker, um von da aus das Neue zu erforschen. Als Anker dient alles, was sie direkt anspricht: es kann ihr Name sein, ein Büchlein mit ihrem Foto für die ersten Worte, ein Foto der Familie, aufgenommen beim Bringen oder Abholen, ein Wort oder Lied in ihrer Erstsprache, ein Kinderbuch, indem sie sich wieder erkennen. Solche Verbindungen unterstützen eine freundliche Aufnahme, die ihnen und ihrer Familie Interesse entgegenbringt, außerdem Geduld für das Kennenlernen der Strukturen und Abläufe in der Kita.

Es wird aber auch geschildert, dass manche geflüchteten Eltern Angst haben, ihr Kind wegzugeben und es aus der Sicht zu verlieren. Da ist die Vorstellung, das Kind an der Tür einer Einrichtung abzugeben, bestimmt unerträglich.
Es ist nötig, die Kitatüren auch für die Eltern zu öffnen, damit sie Vertrauen gewinnen können. Manche Kitas bieten ein regelmäßiges Café für geflüchtete Eltern an oder ermöglichen Eltern, im Kitaalltag einfach dabei zu sein. Den Eltern und Kindern muss signalisiert werden: Das ist ein guter Ort, eure Kinder sind hier willkommen! Für den Fall, dass Eltern ihre Kinder lieber nicht in eine Einrichtung außerhalb der Unterkunft bringen wollen, wäre eine gute Kindereinrichtung in der Unterkunft wichtig. Die Eltern würden ihre Kinder in der Nähe wissen und könnten sich dennoch sortieren.

Was müssen Kitas im Umgang mit geflüchteten Kindern beachten?
Wenn Einrichtungen es gewohnt sind, nach der Vorurteilsbewussten Bildung und Erziehung zu arbeiten und Kinder in ihrer Identität zu stärken, gelingt ihnen die Anwendung auch auf geflüchtete Kinder. Wichtig sind konkrete Überlegungen, wie dem Kind hier an diesem neuen Ort Zugehörigkeit signalisiert werden kann. Dafür ist wichtig, die Kinder nicht nur als Leidenserfahrene zu sehen, sondern mit ihren Fähigkeiten und Stärken: Ah, du bist ein Kind, das ist dein Name. Okay, hier ist dein Platz, du gehörst dazu, hier hast du das Angebot, mit zu machen, du bist kompetent und uns liegt daran, etwas mit dir zusammen zu machen und dich kennen zu lernen. Eine solche positive Aufnahme hilft auch den Kindern, die durch die Flucht sehr belastet sind und seelisch leiden.

Das weitere Gespräch können Sie in der aktuellen Ausgabe Herbst 2015 der Vielfalt - Das Bildungsmagazin ab Seite 5 lesen.

Zum Weiterlesen: Wagner, Petra (2009): Vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung. In: M. Textor (Hrsg.), Kindergartenpädagogik, www.kindergartenpaedagogik.de/


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