Gastbeitrag

Die kommerzielle Kita

Bisher gibt es in Deutschland verhältnismäßig wenig privat finanzierte Kitas. Hier umzudenken kann auch die pädagogische Arbeit voranbringen. Ein Blick nach Norwegen. Von Tina Sprung

19.09.2017 Bundesweit Artikel Meine Kita
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Luise sitzt mit ihrer blauen Hose und gelbem T-Shirt im Sandkasten einer Krippe in München. Sie schaufelt Sand mit dem Spielzeugbagger. Wem die Spielsachen gehören, ist der Zweieinhalbjährigen egal. Die Kita wird nicht von einer Kommune oder einem Verband getragen, sondern von einem privaten Träger.

Solche Kitas sind in Deutschland selten. Laut Statistischem Bundesamt werden von den knapp 55.000 Kitas nur 7.000 von Unternehmen und Privatpersonen getragen. 350.000 zusätzliche Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren bis zum Einschulungsalter werden bis 2020 benötigt. Trotzdem gibt es wenige Investoren, die ihr Geld in neue Kitas investieren. In den skandinavischen Ländern sieht es anders aus. Gewerbliche Träger sind dort Normalität. Jedes zweite Kind besucht dort eine private Kita. Die Modelle laufen so gut, dass die ersten norwegischen Träger bereits expandieren – und Kitas in Deutschland eröffnen wollen. Der skandinavische Träger AcadeMedia übernahm im vergangenen Jahr die Kita-Kette Joki und will weitere Kitas eröffnen. Auch Norlandia aus Norwegen will sich im deutschen Markt etablieren. „Unser skandinavisches Modell ist auch für andere Länder wie Deutschland interessant“, sagt Rasmus Heim, Mitarbeiter in der Unternehmensentwicklung von Norlandia.

Modell der gewerblichen Träger

In Norwegen sind die privaten und öffentlichen Kitas gleichgestellt. Beide erhalten die gleichen Zuschüsse vom Staat. „Wir als Unternehmen wirtschaften ökonomisch.“ Norlandia hat bei Kita-Größen ab 70 Kindern einen eigenen Koch. Dadurch spart sich das Unternehmen hohe Kosten beim Verpflegungsaufwand. Zudem zahlen die Eltern Kitagebühren, die aber nicht wesentlich höher sind als bei kommunalen Kitas. Die Verwaltung, die zentral erfolgt, spart ebenfalls Kosten ein. Norlandia unterhält bisher 88 Kitas in Norwegen, 50 in Schweden, 50 in Finnland und 37 in den Niederlanden. Vor acht Jahren übernahm das damals noch norwegische Unternehmen die schwedische Kita-Kette ett tu tre, seitdem wächst es. Den Bildungsauftrag, der in den Gesetzen verankert ist, haben sie in ihren Konzepten übernommen. „Die Kindheit hat ihren eigenen Wert und der Kindergarten sollte einen ganzheitlichen Ansatz für die Entwicklung eines Kindes haben“, sagt Heim. Pädagogische Schwerpunkte in den Kitas sind in jedem Standort verschieden. „Es gibt einen Kindergarten, der direkt an einem Skilift liegt. Der Fokus liegt hier vor allem auf den sportlichen Aktivitäten.“ Auch gibt es Kitas, die Natur oder das pädagogische Konzept von Reggio Emilia, das vor allem auf die Kunsterziehung und den Wissensdurst der Kinder Wert legt, als Hauptaufgabe verstehen. „Nicht überall wurden die pädagogischen Schwerpunkte wie Sport oder Natur integriert. Für uns ist es wichtig, die lokale Identität und den Fokus eines Kindergartens zu erhalten, auch wenn er mit den Konzepten von Norlandia übernommen wird. Ziel ist es, die Vielfalt zu fördern.“

Personalschlüssel – bessere Bedingungen

In Deutschland war 2015 bundesweit eine vollzeitbeschäftigte Fachkraft für durchschnittlich 4,3 ganztags betreute Krippen- oder 9,3 Kindergartenkinder zuständig. Das berechnete der „Ländermonitor Frühkindliche Bildungssysteme“ der Bertelsmann Stiftung. Bei Norlandia ist eine Erzieherin mit einer vierjährigen Ausbildung für sechs Kinder zuständig, im U3-Bereich sind es drei Kinder. Im Durchschnitt verdienen sie mehr als in Deutschland.

Zudem gibt es eine pädagogische Fachkraft, die drei Jahre an einer Universität studiert haben muss. Sie betreut 18 Kinder. Sie ist für den Lehrplan, das konkrete Angebot und die Qualität verantwortlich. In unseren Kindergärten ist das Lesen und das Zählen beispielsweise ein fester Bestandteil des Curriculums“, erklärt Heim. Zusätzlich sind sie für die Planung, Dokumentation und Bewertung in der Abteilung verantwortlich. Das heißt auch, dass die pädagogischen Fachkräfte für die Ausbildung der nicht akademischen Mitarbeiter verantwortlich sind. „Es wird derzeit eine Diskussion über den potenziellen Bedarf von 50 Prozent Kindergartenlehrern pro Kindergarten, die für öffentliche und private Kindergärten erforderlich sein wird, durchgeführt“, sagt Heim. In Schweden kann jede Gemeinde ihre eigene Mitarbeiterquote bilden. Im Durchschnitt sind es fünf bis sechs Kinder pro Kita-Mitarbeiter.

Digitale Praxis im Kindergarten

Schon früh fingen die Kitas in Skandinavien an, neue Medien bereits in der Kita zu nutzen – so auch Norlandia. Begonnen haben sie in den Gärtnereien der Kitas, mit iPad Minis wurden die Kleinen ausgestattet. Sie untersuchten und fotografierten Pflanzen und Tiere, besprachen ihre Ergebnisse in der Kita. „Wir nutzen digitale Werkzeuge mit den Kindern zusammen, damit die Kinder kreativ arbeiten und selbst die Welt entdecken“, erklärt Heim. Bevor die Kitas mit den Tablets ausgestattet wurden, wurden die Mitarbeiter geschult. 

Angesichts der positiven Bedingungen, den kommerzielle Kitas haben, stellt sich die Frage, warum nicht mehr Unternehmen in Kita-Standorte investieren. Sie wollen auch – was sie aber bisher in Deutschland abhält, sind die bürokratischen Hürden. Selbst die Rutschklasse von Fliesen ist festgelegt. In den Bundesländern gibt es zudem verschiedene Fördermöglichkeiten für Kitas – manche privatwirtschaftlichen werden hiervon ausgeschlossen. Hier könnten wir uns die skandinavischen Länder zum Vorbild nehmen.

Der Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in:
Meine Kita – Das didacta Magazin für den Elementarbereich, Ausgabe 3/2017, S. 33-36, www.meinekitaclub.de


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