Gastbeitrag

Einkommensschwache zu stark belastet

Ökonomin Prof. Christa Katharina Spieß fordert mehr Ausgaben im frühkindlichen Bereich.

21.11.2018 Bundesweit Artikel didacta Infodienst
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Inzwischen setzt sich zumindest in vielen Sonntagsreden die Erkenntnis durch, dass die frühe Bildung und Betreuung zentral ist. Bildungsökonomische Studien verdeutlichen das bereits seit Jahren und auch neuere Studien zeigen, wie bedeutend Investitionen in eine qualitativ hochwertige frühkindliche Bildung und Betreuung sind, insbesondere für benachteiligte Kinder. 

In Deutschland hat sich in den vergangenen Jahren in diesem Bereich viel getan. Das belegt auch die neue Ausgabe der OECD-Studie „Bildung auf einen Blick 2017“. Demnach schneidet Deutschland bei der frühkindlichen Bildung und Betreuung inzwischen teilweise besser ab als der Durchschnitt. So liegen die Ausgaben pro Kind und Jahr mit umgerechnet 9.332 Euro über dem OECD-Durchschnitt von knapp 7.500 Euro. Allerdings verteilen sich diese Ausgaben sehr unterschiedlich auf einzelne Bundesländer und Regionen. So gesehen werden die Potenziale unterschiedlich gefördert. 

Darüber hinaus hebt die OECD hervor, dass in Deutschland fast zwei Drittel der zwei Jahre alten Kinder Angebote der frühkindlichen Bildung und Betreuung nutzen. Unter den drei bis fünf Jahre alten Kindern besuchen fast alle eine Einrichtung. Damit liegen die Nutzungsquoten für das Jahr 2015 über dem OECD-Durchschnitt.

Christa Katharina Spieß, Professorin für Bildungs- und Familienökonomie an der Freien Universität Berlin.

Allerdings wird dabei vergessen, dass in Deutschland mit dem Ausbau der Angebote für Kinder unter drei Jahren die Nutzungsunterschiede zwischen grundsätzlich bildungsbenachteiligten Kindern und anderen Kindern zugenommen haben. So nutzen Kinder von Eltern mit niedriger Bildung diese Angebote weniger als andere Kinder. Kinder mit Fluchthintergrund, für die eine frühzeitige Integration in die Kindertagesbetreuung von zentraler Bedeutung ist, sind ebenfalls im Bereich der unter Dreijährigen unterrepräsentiert. 

In einem weiteren Bereich stellt die OECD mit Blick auf die frühe Bildung und Betreuung Deutschland ein unterdurchschnittliches Zeugnis aus: Hierzulande decken die öffentlichen Ausgaben nur 78 Prozent der Kosten für frühkindliche Bildung und Betreuung. Die privaten Haushalte schießen also nahezu ein Viertel der Ausgaben zu. Nur wenige Länder, darunter Portugal, Spanien und das Vereinigte Königreich, weisen einen höheren Anteil der privaten Finanzierung für Einrichtungen der frühkindlichen Bildung und Betreuung auf. Analysen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Berlin zeigen, dass insbesondere Haushalte im unteren Einkommensbereich relativ stark belastet sind, während Haushalte mit höheren Einkommen oft bereit sind, mehr zu bezahlen. Auch in diesem Punkt sollte man ansetzen und progressivere, also sozial gestaffelte Elternbeiträge einführen.

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in: didacta Infodienst – Das Bildungsdossier für Politik und Bildungsverwaltung, Ausgabe 1/2018, S. 3, www.didacta-digital.de


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