GEW legt Gutachten vor: Lehrkräfte und Erzieherinnen verzweifelt gesucht

Die Zahlen haben es in sich: Schleswig-Holstein droht wie allen norddeutschen Bundesländern in den kommenden Jahren ein dramatischer Mangel an Lehrkräften und Erzieherinnen. 26735 Lehrerinnen und Lehrer befanden sich im Schuljahr 2006/2007 im Dienst. Im Schuljahr 2015/16 werden es nur noch 17082 sein. Ein Minus von 9653! Legt man die Zahl der Studienanfänger in Schleswig-Holstein zugrunde, wird in den Jahren 2013/2014 gerade noch jede zweite Stelle im Schuldienst zu besetzen sein, und zwar nur um die heutige unzureichende Personalversorgung zu gewährleisten. Bei den Erzieherinnen sieht es nicht besser aus. Damit 2015 kleine Kinder von ausgebildeten Erzieherinnen betreut werden können, müssen bis dahin jährlich mehr als 770 junge Erzieherinnen eingestellt werden. Wo die herkommen sollen, weiß auch niemand.

17.06.2009 Pressemeldung GEW Schleswig-Holstein

Die alarmierenden Befunde stammen aus einem Gutachten des renommierten Essener Bildungsforschers Professor Klaus Klemm für die fünf norddeutschen GEW-Landesverbände. Am Mittwoch, 17.6.09, stellte er es in Kiel gemeinsam mit dem GEW-Landesvorsitzenden Matthias Heidn vor. "Die Landesregierungen haben das Thema jahrelang verschlafen. Um endlich Klarheit für Lehrkräfte, Erzieherinnen, Eltern, Kinder und Jugendliche zu schaffen, haben wir daher dieses Gutachten in Auftrag gegeben", sagte der GEW-Landesvorsitzende Matthias Heidn.

"Machen Sie die Bildungsberufe endlich attraktiver! Setzen Sie sich für bessere Bedingungen in Kitas und Schulen ein, damit wieder mehr junge Menschen in die Bildungsberufe gehen!", appellierte er an die Bildungsministerin. Heidn sprach sich konkret für bessere Bezahlung, kleinere Gruppen und Klassen sowie niedrigere Unterrichtsverpflichtungen aus. Für die Erzieherinnen forderte er daneben eine generelle Aufwertung ihres Berufes durch eine Ausbildung an Fachhochschulen. Kurzfristig sollten die Zahl der Ausbildungs- und Studienplätze sowie der Stellen für Lehramtsanwärterinnen und Lehramtsanwärter angehoben werden, so Heidn. "Viele Hochschulabsolventen müssen unnötig lange warten, bis sie mit dem Referendariat beginnen könnten. Mehr Stellen wären hier die Lösung."

Professor Klemm verwies darauf, dass sich in den vergangenen Jahren viel zu wenige Abiturienten für ein Lehramtsstudium entschie­den hätten. Hinzu komme die hohe Abbrecherquote von 40 Prozent im Studium und von 10 Prozent im Referendariat. Um dem Lehrermangel zu begegnen, plädierte er dafür, die Studienbedingungen an den Universitäten und die Personal­situation in der Lehrerbildung und nachdrücklich zu verbessern.

Der Essener Bildungsforscher stellte zwei Varianten für die Bedarfsabschätzung vor. Bei der ersten geht er davon aus, dass die gegenwärtige Schüler/Lehrer-Relation erhalten bleibt. Sinkende Schülerzahlen ziehen also entsprechend weniger Lehrerstellen nach sich. Diese Variante geht in den Jahren 2010 bis 2015 von einem jährlichen Ersatzbedarf an Lehrkräften von etwa 819 Personen aus. Dem stehen dann aber nur 418 Absolventen von schleswig-holsteinischen Universitäten gegenüber.

Die zweite Bedarfsabschätzung sieht vor, dass die durch die demographisch bedingte Reduktion der Schülerzahlen frei werdenden Mittel (´Demographierendite´) weiter dem Schul­system zur Verfügung stehen werden. Damit könnten beispielsweise Ganztagsschulen ausgebaut und Klassenfrequenzen verkleinert werden. Diese Variante ist durch die Erklärung der Ministerpräsidenten auf dem Dresdener ´Bildungsgipfel´ im Herbst 2008 weitgehend gedeckt. In dieser Erklärung heißt es: "So weit sich aus der demografischen Entwicklung Ressourcenspielräume ergeben, werden die Länder sie insbesondere zur Verbesserung der Bildungsqualität nutzen." Bei dieser Variante muss sogar von einem jährlichen Bedarf von 1205 Stellen ausgegangen werden, für die wiederum pro Jahr nur 418 junge Lehrkräfte aus Schleswig-Holstein zur Verfügung stehen. Verschärft werden die Probleme in den Schulen bei beiden Varianten noch dadurch, dass die zur Verfügung stehenden Absolventen mit ihren studierten Lehrämtern und Fächern erfahrungsgemäß die Schulformen und die Fachnachfrage nicht ab­bilden werden.

Im Erzieherinnenbereich führen der Ersatzbedarf und die für 2013 vereinbarte Versorgungsquote in Krippen von 35 Prozent zu einem Gesamtbedarf von 6184 Erzieherinnen bis 2015. Um ihn zu decken, müssten jährlich durchschnittlich 773 Erzieherinnen und Erzieher eingestellt werden. Wegen der komplexen Datenlage ließen sich Aussagen über die konkrete Bedarfsdeckung nicht treffen. Bundesweite Untersuchungen gingen aber allein für den Krippenbereich von einem Personalmangel von 27000 Personen aus.

Ansprechpartner

GEW Schleswig-Holstein

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