Gastbeitrag

Jetzt komme ich!

Was verstehen Kinder unter Kita-Qualität? Ein Forscher-Team hat Kinder dazu befragt. Von Vincent Hochhausen

26.11.2018 Bundesweit Artikel Meine Kita
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Die Frage, was eine Kita zu einer guten Kita macht, darüber machen sich Wissenschaftler schon seit langem Gedanken. Die Perspektive der Kinder selbst wird dabei wenig eingenommen. Ein Forscherteam des Institutes für Demokratische Entwicklung und Soziale Integration unter Leitung von Professorin Iris Nentwig-Gesemann hat das nun gemacht: Im Auftrag der deutschen Kinder-und Jugendstiftung besuchten sie neun Kitas in ganz Deutschland, um zu erfahren, wie die Kinder ihren Kita-Alltag selbst empfinden und bewerten. Die Forscher ließen sich von den Kindern alle Bereiche ihrer Einrichtung zeigen und erklären, nahmen an ihrem Tagesablaufteil, spielten und führten Gespräche mit ihnen. Die Fachkräfte blieben dabei außen vor – dass die Kinder die Wissenschaftler dennoch mit „einem großen Vertrauensvorschuss, einem Höchstmaß an Unterstützung und Interesse“ begegneten, und die Kinder für sich selbst sprechen ließen, bewerten die Studienautoren bereits als Zeichen guter Qualität.

Die Forscher identifizierten aufgrund ihrer Untersuchungen drei Qualitätsdimensionen, die aus Sicht der Kinder eine gute Kita ausmachen:

  • Individualität und Zugehörigkeit
  • Kompetenzerleben
  • Autonomie und Partizipation

Beispiele für die Qualitätsdimensionen

(Auszüge aus der Studie „Kita-Qualität aus Kindersicht“ von Iris Nentwig-Gesemann, Bastian Walther und Minste Thedinga)

Beispiel für die Dimension Kompetenzerleben: Die Kletterschlucht (Videobeobachtung)

„Nach der Waldführung durch einige Kinder versammeln sich nun alle bei der sogenannten „Drachenschlucht“, einem steilen Abhang in zehn Minuten Entfernung von den Gebäuden. Einige Kinder spielen oberhalb des Abhanges, wo es vergleichsweise flach ist. Dort stehen auch zwei pä¬dagogische Fachkräfte und die Forscher, die den Abhang nach unten im Blick haben. Alle anderen spielen an dem sandigen, wurzeldurchdrungenen Hang. Nachdem ein Mädchen den Abhang müh¬sam hinaufgeklettert ist, legt sie sich seitlich zum Hang und hält sich an einer Wurzel fest. Sie grinst, ruft laut den Namen des Pädagogen, lässt erst das Seil mit rechts los, dann die Wurzel mit links und rollt – sich um die eigene Körperachse drehend – mit hoher Geschwindigkeit den Abhang hinunter. Unten rutscht sie ein Stück auf dem Bauch, macht noch eine Umdrehung und endet dann auf der rechten Seite liegend. Sie schaut lachend hoch zu den anderen. Kurz danach rollt sich auch ein Junge, der ihr gefolgt ist, auf dem Rücken zu der Wurzel in der Mitte des Hanges, hält sich fest und setzt sich hin. Er wendet sich zum Pädagogen, ruft laut: „Jetzt komm ich!“, lässt die Wurzel los, drückt sich mit beiden Händen von unten ab und rollt mit drei schrauben¬artigen Umdrehungen um die eigene Achse den Abhang hinunter. Seine Beine streckt er dabei voraus und hebte den Kopf an. Unten angekommen wendet auch er sich auf dem Bauch liegend nach oben und lacht “.

Die Kinder erproben am Hang der „Kletterschlucht “ eine Vielzahl von Bewegungsaktivitäten: Klettern, Krabbeln, Hochziehe und -steigen, Rutschen, Rollen, Festhalten und Loslassen. Sie schulen ihre Körperkraft und -koordination, sammeln verschieden kinästhetische, akustische und visuelle Raum- und Körpererfahrung n. Im sozialen Miteinander sind sie Vorbild, beobac ten und ahme einander nach nehmen Rücksicht aufeinander. In der Konzentration und Intensität ihre Tuns dokumentiert sich der Charakter einer ‚Flow-Erfahrung‘: Sie nehmen die Herausforderung nehmen die Herausforderungen der Kletterschlucht an und bewältigen sie scheinbar ‚spielend. In der Freude über die anstrengende Arbeit des Hinaufsteigens, die durch das abenteuerliche und lustvolle Hin-abrollen und die Bestätigung durch den Pädagogen ‚belohnt‘ wird, dokumentiert sich, wie wichtig den Kindern auch ‚riskante‘ Bewegungsmöglichkeiten sind, die ihren Mut und ihr Können herausfordern.

Beispiel für die Dimension „Individualität und Zugehörigkeit“: Die Geburtstagswand

Während der Kitaführung zeigen vier Mädchen dem Forschungsteam den Gruppenraum, in welchem der Morgenkreis stattfindet und auch die Mahl¬zeiten eingenommen werden. An einer Wand des Raumes hängen gerahmte Bilder der Kinder und Erwachsenen, die mit dem jeweiligen Geburtsdatum versehen sind – die Mädchen bezeichnen dies als die ‚Geburtstagswand‘. Angehende Geburtstagskinder werden hier mit kleinen Schlossgeistern an den Bildern markiert und zudem können rote Krönchen als besondere Dekoration verwendet werden.

Die Kinder vertiefen sich ausgiebig in die Geburtstagswand, zu der sie durch eine davorstehende Bank jederzeit einen unmittelbaren Zugang haben, und lassen sich sehr bereitwillig auf ein Gespräch mit den Forschern beziehungsweise untereinander ein:

„Interviewer: Ok. Was ... Gibt’s an diesem Raum noch was Besonderes?
Alle: Jaaaa.
Iris: Na dann erzähl mal.
Mia/Marie/Anna: Da.
Elisa: Geburtstagswand.
Mia/Marie/Anna: Geburtstagswand.
Interviewer: Geburtstagswand?
Mia: Da steht alles drauf, wann wir Geburtstag haben.
Elisa: Bei mir ist noch kein Foto drauf, weil ich noch neu bin.
Interviewer: Ok.
Marie: Elisa. Elisa Elisa Elisa.
Mia: Marie.
Anna: Warte mal. Ich als Erstes.
Interviewer: Als Erste hast du Geburtstag?
Mia: Und da, da ist meine.
Marie: Und hier bin ich.“

Die Kinder erleben sich selbst und andere hier als Persönlichkeit wertgeschätzt und darüber hinaus als Teil einer Gemeinschaft. Die Anordnung der Bilder an der Geburtstagswand bietet den Kindern zudem eine Orientierung über die zeitliche Abfolge der Geburtstage, Geburtstagskinder werden mit einem roten Krönchen besonders ausgezeichnet. Da bei dem neuen Kind Elisa das Foto noch fehlt, wird ihr Name mehrmals genannt und damit auf diese Weise ihre Präsenz Zugehörigkeit unterstrichen. Die Fotos und die durch eine Bank ermöglicht Zugänglichkeit der Geburtstagswand ermöglicht den Kindern die eigenständige Beschäftigung mit der Thematik.

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in: Meine Kita – Das didacta Magazin für die frühe Bildung, Ausgabe 1/2018, S. 4-7, www.fruehe-bildung.online


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