Interview

„Jetzt liegt der Ball bei den Ländern.“

Elke Alsago (ver.di) und Niels Espenhorst (DPWV) im Gespräch mit Karsten Herrmann über das Gute KiTa-Gesetz, Qualitätsentwicklung und Strategien gegen den Fachkräftemangel.

19.02.2019 Bundesweit Artikel nifbe - Niedersächsisches Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung
  • © shift/studio für ver.di

Karsten Hermann (nifbe): Das Gute KiTa-Gesetz ist mit viel Kritik von ExpertIinnen aus dem Feld der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung auf den Weg gebracht. Jetzt sollen die Mittel in Höhe von 5,5 Milliarden Euro in den Kitas ankommen. Wird das gelingen?

Niels Espenhorst (Referent DPWV): Das Gesetz wurde leider auf das falsche Gleis gesetzt. Es ist zu einem Selbstbedienungsladen der Länder geworden, mit unverbindlichen Rahmenbedingungen, mit der Hintertür der Elternbeitragsbefreiung und der Befristung bis 2022. Letzteres sollte den Ländern signalisieren, dass sie nur bei sinnvoller Verwendung der Mittel damit rechnen können, dass die Mittel verstetigt werden, aber dieses Drohszenario verfehlt seine Wirkung. Niemand wird sich in drei Jahren dafür stark machen, den Ländern die Mittel wieder zu streichen.

Elke Alsago (ver.di): Auch wir haben im Gesetzgebungsprozess sehr vehement darauf aufmerksam gemacht, dass es für uns in erster Linie um gute Bedingungen in den Kitas geht. Die unterschiedlichen und teils dramatisch schlechten Stellenschlüssel für die pädagogischen Fachkräfte und auch für die LeiterInnen führen in der Kita-Praxis zur dauerhaften Überforderung unserer KollegInnen. Nicht umsonst verlassen so viele die Kita, gehen in andere Bereiche der Sozialen Arbeit oder in ganz andere Branchen. Die KollegInnen sind hochqualifiziert und hoch motiviert und die Bedingungen hindern sie daran gute Arbeit zu machen. Das frustriert auf Dauer und macht krank. Daher war unsere Forderung sich auf diesen Bereich im Gesetz zu fokussieren und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass über die Mittel des Gesetzes in die Ausbildung von Fachkräften investiert wird.

Karsten Hermann: Der Gesetzgebungsprozess ist jetzt beendet und aktuell laufen die Verhandlungen zwischen und Bund und Ländern, um die Verträge abzuschließen. Sehen Sie trotz der Kritikpunkte noch Chancen für nachhaltige Qualitätsentwicklungsprozesse und für die Realisierung gleichwertiger Verhältnisse in deutschen KiTas?

Elke Alsago: Die Chance über den Bund perspektivisch zu einheitlichen Standards zu kommen, ist vertan. Das ist jetzt so und damit müssen wir umgehen. Jetzt liegt der Ball bei den Ländern. Hier sieht das Gesetz vor, dass die AkteurInnen in den Ländern einen gemeinsamen Aushandlungsprozess anstrengen, um für das System der Bildung, Erziehung und Betreuung die beste Lösung zu entwickeln.

Niels Espenhorst: Wir sollten nicht sagen: Alles ist schlecht. Letztlich kann auch das Gute-KiTa-Gesetz nicht alleine den Karren aus dem Dreck ziehen, egal, wie die Mittel verwendet werden. Eines sollte allen Beteiligten klar sein: Der Prozess der Qualitätsentwicklung wird durch das Gute KiTa-Gesetz erst eröffnet! Die Länder können sich jetzt nicht mehr mit Verweis auf fehlende Mittel der Qualitätsentwicklung verweigern. Wenn ein Land jetzt die Elternbeiträge senkt, dann kann es nicht mehr heißen, für Qualitätsentwicklung fehlt uns das Geld. Das ist so offensichtlich falsch, dass damit niemand durchkommen kann.

Karsten Hermann: Was erwarten Sie konkret?

Niels Espenhorst: Alle Akteure in diesem Arbeitsfeld haben seit 2014 auf das Qualitätsentwicklungsgesetz des Bundes gewartet. Man ist ja lange Zeit davon ausgegangen, dass der Bund beabsichtigt, 5 Milliarden Euro jährlich an die Länder zu geben. Das hätte ganz andere Spielräume eröffnet als das beschlossene Gesetz. Jetzt aber haben die Länder erstmal Planungssicherheit und jedes Land kann sich daran machen, seine Aufgaben zu erledigen. Die Zeit des Stillstands bei der Qualitätsentwicklung sollte jetzt vorbei sein. Auf Landesebene müssen jetzt Gespräche geführt werden, was notwendig ist, damit sich die angespannte Situation verbessert.

Elke Alsago: Wir als Sozialpartner und als Vertretung der Beschäftigten fordern die Länder auf die angekündigten partizipativen Aushandlungsprozesse mit den relevanten AkteurIinnen, also den Eltern, Verbänden und Gewerkschaften zu führen. Die aktuellen Prozesse zeigen jedoch, dass dies meist vor Ort nicht geschieht. Wir fordern daher unsere Mitglieder und Verantwortlichen auf sich aktiv einzumischen und unsere Forderungen deutlich zu machen.

Karsten Hermann: Eine Verbesserung des Personalschlüssels gilt als zentrale Stellschraube für die Qualitätsentwicklung in den KiTas. Angesichts des akuten Fachkräftemangels scheint dies im Moment aber illusionär und es gibt sogar schon erste KiTa-Schließungen aufgrund des Personalmangels. Wie ist dem zu begegnen?

Elke Alsago: Zurzeit haben wir jährlich ca. 35.000 FachschulabsolventInnen. Wir brauchen aber um die durch Berentung ausscheidenden KollegInnen zu ersetzen, die Bedarfe der Eltern zu erfüllen und die Qualität in Bezug auf die Personalschlüssel zu erhöhen jährlich ca. 85.000 AbsolventInnen. Da sind die Personalbedarfe der Hilfen zur Erziehung, Eingliederungshilfe und der anderen Bereiche in der Sozialen Arbeit noch gar nicht miteingerechnet. Außerdem brauchen wir eine Fachkräfteoffensive für den Ausbildungsbereich, denn irgendjemand muss ja in den Berufs- und Fachschulen unterrichten. LehrerInnen für Sozialpädagogik fallen nicht von den Bäumen. D.h. diese Studiengänge müssen ausgeweitet werden und auch für diese brauchen wir professorales Lehrpersonal. Wir hätten jetzt die Chance mit den Mitteln aus dem „Gute-KiTa-Gesetz“ diese Infrastruktur zu entwickeln und das Personal auf einem guten qualitativen Niveau auszubilden, was wir heute und in der Zukunft brauchen.

Niels Espenhorst: Gleichzeitig muss es gelingen, die vorhandenen Fachkräfte umfangreich zu entlasten. In den meisten Kindertageseinrichtungen machen pädagogische Fachkräfte alles mit, z.B. Materialbeschaffung, Verwaltung, Gestaltung der Homepage, Hauswirtschaft und Küche, Leitung und Elternarbeit. Auch wenn es schön ist, dass ErzieherInnen so vielseitig einsetzbar sind – Fachkräfte brauchen mehr Zeit für ihre pädagogischen Aufgaben. Die administrativen und organisatorischen Aufgaben können zudem nicht in einer hohen Qualität nebenbei von pädagogischen Fachkräften miterledigt werden – hierfür braucht es nicht-pädagogische Fachkräfte. Eine Aufwertung des Arbeitsbereichs bedeutet auch, professionelle Verwaltungen und andere Dienstleistungen in jeder Einrichtung zu ermöglichen

Karsten Hermann: Was versprechen Sie sich in dieser Hinsicht von der Fachkräfteoffensive des Familienministeriums?

Niels Espenhorst: Die Fachkräfteoffensive ist nicht der große Wurf, den es gebraucht hätte, um den Fachkräftemangel zu beseitigen. Es sind befristete Mittel, die nichts an den strukturellen Defiziten ändern. Es irritiert zudem, dass der Bund mit mehreren Milliarden die Beitragsbefreiung von Eltern subventioniert, aber für die Fachkräfte nur verhältnismäßig wenig Mittel zur Verfügung stellt. Hier stimmen die Proportionen und die Prioritäten nicht.

Elke Alsago: Die Fachkräfteoffensive des Familienministeriums provoziert eine Diskussion um die Ausbildung in den Ländern und das ist gut so! Vergütung, geregelt durch einen Tarifvertrag, Anleitung durch AusbilderInnen in der Praxis, ein Curriculum für das Lernen am Praxisort und Schutzrechte für die Auszubildenden müssen endlich auch für die Erziehungsberufe Standard werden. Es kann doch nicht sein, dass zukünftige ErzieherInnen immer noch, wie seit über hundert Jahren für die Frauenberufe typisch, ihre Ausbildung selbst finanzieren müssen. Früher war das die Investition der Eltern in die Bildung ihrer Töchter, um diese dann gut verheiraten zu können. Das sollten wir endlich hinter uns lassen.

Karsten Herrmann: Inwieweit kann der Quereinstieg so attraktiv gemacht werden, dass er zeitnah und effektiv zur Minderung des Fachkräftemangels beiträgt und zugleich nicht zu einer Absenkung der Ausbildungsniveaus und zu einer Dequalifizierung des Feldes führt? Ein mahnendes Beispiel ist hier Hamburg, wo AkademikerInnen gleich welcher Coleur sich schon in 160 Stunden zur anerkannten ErzieherIn fortbilden lassen können.

Niels Espenhorst: Wenn die oben genannten Bedingungen stimmen, ist der Quereinstieg eine Chance. Dann können wir vielfältige Lebenserfahrungen und unterrepräsentierte Personengruppen für die pädagogische Arbeit gewinnen. Wenn die Bedingungen aber nicht erfüllt sind, wird der Quereinstieg zu einer untragbaren Belastung für die vorhandenen Fachkräfte und zieht die Qualität der Arbeit nach unten.

Elke Alsago: Quereinstieg müsste eigentlich heißen Umschulung. Wir stehen vor einer gewaltigen gesellschaftlichen Transformation. Die sozialen Dienstleistungen wie Kita und Pflege brauchen zukünftig mehr sehr gut ausgebildetes Personal. In vielen anderen Branchen ist es genau anders herum, wie z.B. bei Banken und Versicherungen. Dort werden 100.000 Arbeitsplätze durch die Digitalisierung wegrationalisiert. Wir müssen diesen Menschen neue beruflich Perspektiven bieten. Daher ist es notwendig gute Umschulungsangebote zu stricken, in den die Bildung, Erziehung und Betreuung von Kindern gelernt werden kann. Dabei müssen die bestehenden Ausbildungsniveaus mindestens erhalten, wenn nicht sogar verbessert werden. Schulen und die Lernorte Praxis, sprich die Kita, sind so auszustatten, dass Auszubildende und UmschülerInnen den Beruf geschützt erlernen können. Dabei sind sie fachlich zu begleiten. Eine Anrechnung von Auszubildenden oder UmschülerInnen auf den Fachkräfteschlüssel ist aus der Perspektive von ver.di unzulässig.

Karsten Hermann: Inwieweit steht für Sie unter dem enormen Handlungsdruck eine zumindest vorübergehende Absenkung des Qualifizierungsniveaus von ErzieherInnen? Könnte eine gleichzeitige Verpflichtung zur Weiterqualifizierung „on the job“ eine Option sein?

Niels Espenhorst: Die Weiterqualifizierung on the job haben wir ja bereits in einigen Bundesländern. Und da wo wir es haben, gehen viele Fachkräfte auf dem Zahnfleisch. Das ist nicht nebenbei zu schaffen, dafür müssen die Kitas zu echten Ausbildungsorten werden, wo auch Raum für Lernprozesse ist. Wenn Auszubildende, die keine Vorerfahrung haben, vom ersten Tag an zu 100% auf den Personalschlüssel angerechnet werden, kann das nicht die Lösung sein.

Elke Alsago: Uns ist es wichtig, dass die Ausbildung auf- und nicht abgewertet wird. Die KollegInnen in der Praxis müssen Anleitungsstunden bekommen, um Auszubildende gut anzuleiten. Eine Absenkung ist mit uns nicht zu machen. Mit der ErzieherInnenausbildung haben wir einen Standard, der mit der Meisterausbildung oder dem Bachelor gleichwertig ist. Andere Kräfte sind keine Fachkräfte im Sinne des Fachkräftegebots der Kinder – und Jugendhilfe. Diesen Standard gilt es zu erhalten.

Karsten Herrmann: Die frühkindliche Bildung steht jetzt seit Jahren im Fokus der Öffentlichkeit und es gibt unzählige Initiativen und Programme auf Bundes- Länder- und kommunaler Ebene. Wie schätzen sie die Fortschritte im Hinblick auf die Arbeitsbedingungen und die Anerkennung der ErzieherInnen ein?

Elke Alsago: Ich sage nur: „Wir kümmern uns um die Kümmerer“! Wenn sogar das Familienministerium mit einem solchen Slogans wirbt, müssen wir uns nicht wundern, wenn für viele Menschen die Kita als Arbeitsplatz keine Option ist. Die Aussage heißt doch, diese Arbeit könnte jede machen. Ein ähnliches Postulat ist „es kommt auf die richtige Haltung an“. Die Bedeutung von Ausbildung, Wissen, Kompetenzen und Berufserfahrung werden nivelliert. Und da sind wir dann wieder bei der Mütterlichkeit. Eine Mutter kostet nicht! Die bekommt man so und das wird eben auch mit den Frauen so versucht. Daher ist die Bezahlung, trotz der Aufwertungskampagnen 2009 und 2015 verbunden mit wochenlangen Streiks, immer noch nicht der Tätigkeit angemessen. Größere, sichtbare Fachlichkeit und Bezahlung hängen zusammen.

Niels Espenhorst: Die massive Aufwertung, die das Arbeitsfeld seit einigen Jahren erfahren hat, hat sich weder im öffentlichen Gedächtnis verankert, noch im Selbstverständnis der pädagogischen Fachkräfte. Dabei ist die Arbeit unglaublich wichtig und prägend für die Kinder, die täglich in den Kindertageseinrichtungen betreut werden.

Karsten Herrmann: Was muss jetzt getan werden?

Niels Espenhorst: Aktuell steht die Zukunft des Arbeitsfeldes auf der Kippe. Entweder es gelingt, die Kindertagesbetreuung ihrer Bedeutung entsprechend zu finanzieren und in der internen und externen Wahrnehmung aufzuwerten oder es werden durch provisorische Maßnahmen Personallücken aufgefüllt und die etablierten Standards wieder zurückgefahren. Beides nehmen wir aktuell wahr. Die Maßnahmen, die derzeit von Bund und von den Ländern getroffen werden, lassen nicht eindeutig erkennen, in welche Richtung die Entwicklung geht. Das kann bedeuten, dass die Entscheidung noch nicht gefallen ist und wir auf unsere Bedürfnisse stärker aufmerksam machen müssen als bisher. Wir wissen, warum wir eine weitere Qualitätsentwicklung in der Kindertagesbetreuung brauchen – aber diese Botschaft scheinen noch nicht alle verstanden zu haben. Wir müssen das immer wieder betonen und deutlich machen. Wir müssen viel mehr als bisher die unzähligen Probleme aufzeigen, die dazu führen, dass pädagogische Fachkräfte mehrere Stunden am Tag Geschirr spülen oder Einrichtungen seit einem Jahr darauf warten, dass ein Computer angeschafft wird oder dass in manchen Einrichtungen zu viele Kinder in zu kleinen Räumen sich aufhalten müssen, weil zu wenige Fachkräfte im Dienst sind.

Elke Alsago: Es gab zwei Versprechen der Bundesregierung: Chancengerechtigkeit und Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Zurzeit steht die Vereinbarkeit an erster Stelle und damit wird die Kita ausschließlich zu einem arbeitsmarktpolitischen Instrument. Die Kitas sollen die Eltern entlasten –egal wie-, damit sie dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Das Versprechen der Chancengerechtigkeit, also der guten Bildung für alle Kinder scheint keine Rolle mehr zu spielen, sonst wäre die Qualitätsentwicklung, und damit die Ausstattung der Kitas mit gut gebildeten Fachkräften, vorrangig. Die Tendenz geht zu Kinderbewahranstalten! Daher werden wir den Ländern genau auf die Finger schauen, was sie mit den Mitteln des Bundes machen. Und wir werden sie in die Pflicht nehmen, die Qualitätsentwicklung ernsthaft zu betreiben. Wer Eltern entlastet und ausschließlich den aktuellen Arbeitsmarkt im Blick hat, aber die Fachkräfte und Kinder im Regen stehen lässt, handelt unverantwortlich.

Das Interview führte nifbe-Presseprecher Dr. Karsten Herrmann für www.nifbe.de


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