Kita oder Tagesmutter?

"Kindertagespflege hat viele gute Argumente"

Ab August 2013 hat jedes Kind, das sein erstes Lebensjahres vollendet hat, einen Rechtsanspruch auf einen Platz in einer Kita oder bei einer Tagesmutter. Die Tagesmutter oder die Kindertagespflege – wie es offiziell heißt – gilt dabei keineswegs als Notnagel, sondern ist neben der Kita eine zweite, gleichwertige Säule der Kinderbetreuung. Was zeichnet die Kindertagespflege aus? Welche Qualitätsstandards gibt es? Und was sollten Eltern und potenzielle Pflegepersonen zum Thema Kindertagespflege wissen? Gabriel Schoyerer vom Deutschen Jugendinstitut hat auf unsere Fragen geantwortet.

15.05.2013 Artikel
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Herr Schoyerer, früher sprach man von Tagesmüttern, jetzt von Tagespflegepersonen und Kindertagespflege. Ist dies dasselbe?

Gabriel Schoyerer: Kindertagespflege ist ein Rechtsbegriff, der als Sammelbegriff für eine Vielzahl unterschiedlicher Betreuungsformen gilt: für die klassische Form der Kindertagespflege, wo eine Tagespflegeperson in ihrem Haushalt Kinder betreut, für die Kinderfrau, die in den Haushalt der Eltern geht oder für die Großtagespflegestellen, wo sich mehrere Tagespflegepersonen zusammentun und dafür gegebenenfalls auch Räume anmieten. Faktisch fällt ein Großteil in der Kindertagespflege tatsächlich auf die klassische Kindertagespflege, die wir häufig auch unter dem Begriff Tagesmutter kennen.

"600 kleine Fürstentümer"


Wenn es einen Rechtsbegriff gibt, dann gibt es doch sicher auch eine bundesweit einheitliche rechtliche Regelung für die Qualität der Tagesbetreuung und für die Qualifizierung der Betreuerinnen?

Gabriel Schoyerer: Der bundesgesetzliche Rahmen ist sehr breit gefasst. Dort ist zum Beispiel davon die Rede, dass Kinder bei einer geeigneten Tagesmutter oder bei einem geeigneten Tagesvater in kindgerechten Räumlichkeiten betreut werden müssen. Das sind weite Rechtsbegriffe, die unterschiedlich ausgelegt werden können. Gegenwärtig ist es so, dass ein Drittel aller Tagesmütter und Tagesväter eine fachpädagogische Ausbildung hat, zwei Drittel haben keine. Ein Großteil dieser Gruppe hat kindertagespflegespezifische Qualifizierungskurse besucht, die allerdings sehr unterschiedlich sind, weil die Kindertagespflege Bestandteil der kommunalen Selbstverwaltung ist. Im Grunde genommen haben wir 600 kleine Fürstentümer in Deutschland: die Jugendämter. Und jeder dieser Jugendamtsbezirke gestaltet die Kindertagespflege mehr oder weniger so aus, wie er möchte. Das betrifft auch die Qualifikation. Es gibt wenig bundeseinheitliche Standards und sehr wenig an Verbindlichkeiten.

Ist denn zumindest das Aufgabengebiet der Kindertagespflegestellen geregelt?

Gabriel Schoyerer: Seit 2005 schreibt das Gesetz vor, dass die Tagespflege in gleicher Weise wie die Kitas ein Ort der Bildung, Erziehung und Betreuung sein müssen. Das heißt, sie müssen einen Förderauftrag erfüllen. Das ist neu und das setzt die Kindertagespflege vor Herausforderungen.

Das heißt?

Gabriel Schoyerer: Auch hier sind die Jugendämter in der Pflicht. Sie müssen Personen auswählen, denen sie zutrauen, sich auf den Prozess von Qualifizierung, Tätigkeit als Tagespflegeperson und einer fortwährenden tätigkeitsbegleitenden Fortbildung und Beratung einzulassen. Zudem müssen Räumlichkeiten und Sachausstattung überprüft sein.

Und das tun sie alle in ähnlicher Art und Weise?

Gabriel Schoyerer: Nein. Wir haben uns diese Strukturen in einer langjährigen Studie angeschaut und eine große Varianz gefunden. Es gibt Jugendämter, die sehr auf Qualität achten und sehr streng sind und es gibt Jugendämter, die schauen sich das alles gar nicht so richtig an. Das ist ein großes Problem.

"Eine Kindertagespflegestelle kann ein Glücksfall sein"


Ein großes Problem auch für die Eltern?

Gabriel Schoyerer: Genau. Eltern, die sich für Kindertagespflege interessieren, sollten gucken, inwieweit das Jugendamt sie berät, inwieweit sie sich dort aufgehoben fühlen und welche Informationen sie erhalten. Für Eltern kann eine Kindertagespflegestelle insofern auch ein Glücksfall sein. Allerdings werden Eltern und Tagespflegepersonen allein gelassen, wenn die Jugendämter sich dieses Thema nicht auf die Fahne schreiben und ihrem gesetzlichen Auftrag zur umfassenden Beratung von Eltern nicht nachkommen.

Und da ist keine Änderung in Sicht?

Gabriel Schoyerer: Es gibt Impulse, um das Feld zu standardisieren und zu professionalisieren. So hat der Bund 2008 ein Aktionsprogramm zur Standardisierung gestartet. Er hat Kommunen finanziell gefördert, wenn sie gewisse Qualitätsstandards erfüllt haben. Außerdem hat er zwei weitere wichtige Programme ins Leben gerufen: die Förderung von Festeinstellungsmodellen und die tätigkeitsbegleitende Ausbildungsförderung zur Erzieherin oder zur Sozialassistenz. Solche Impulse sind der richtige Weg, sollten aber mittelfristig auch in gesetzliche Regelungen münden.

"Wir werden auch in einigen Fällen Altersarmut produzieren"


Ist denn wenigstens die Vergütung der Tagespflegepersonen einheitlich?

Gabriel Schoyerer: Nein. Professor Sell von der Hochschule Koblenz hat im letzten Jahr dazu in einer Studie zeigen können, dass es erhebliche Varianzen gibt. Es gibt Jugendämter, die zahlen ordentlich, sodass Tagespflegepersonen, die vier Kinder betreuen, gut über die Runde kommen. Es gibt aber auch Beispiele, da reicht die Vergütung selbst bei fünf betreuten Kindern nicht zur Existenzsicherung. Die selbstständig tätigen Tagesmütter erwerben ja häufig keine hinreichenden Rentenansprüche und bei einer so schlechten Vergütung können sich die wenigsten leisten, privat etwas für ihre Alterssicherung zu tun. Das heißt, wir werden auch in einigen Fällen Altersarmut produzieren. Das hat mit öffentlicher Verantwortung dann wenig zu tun.

Gibt es Untersuchungen über die Erfahrungen von Eltern mit Kindertagespflege?

Gabriel Schoyerer: Ja. Viele Eltern, die ihre Kinder bei einer Tagesmutter oder einem Tagesvater betreuen lassen, sind sehr zufrieden. Das hat auch etwas mit Passung zu tun. Sie können sich die Tagesmutter zum Beispiel nach übereinstimmenden pädagogischen Vorstellungen und nach dem zeitlichen Bedarf aussuchen. Das kindliche Wohl hängt schließlich auch davon ab, ob das Erziehungsverhalten von Eltern und Betreuung korrespondiert. Zudem ist die Möglichkeit von individuellen Absprachen angesichts zunehmend veränderter und flexibler Betreuungsbedarfe für Eltern ein Plus. Es gibt also viele positive Aspekte der Kindertagespflege. Aber ich sage ganz deutlich: Immer unter der Prämisse, dass die Jugendämter ihren gesetzlichen Auftrag der fachlichen Beratung und Begleitung mit einer ordentlich ausgestatteten Infrastruktur ernst nehmen und umsetzen.

Studie: Die kognitive Entwicklung der Kinder ist höher


Weiß man auch, ob die Kinder sich in der Kindertagespflege wohl fühlen?

Gabriel Schoyerer: Obwohl die meisten Tagesmütter pädagogisch relativ gering qualifiziert sind, wurde dieser Form der Betreuung jüngst in zwei großen Studien ein vergleichsweise hohes Maß an pädagogischer Qualität mit guten Entwicklungschancen für Kinder bescheinigt. Wir gehen davon aus, dass die Strukturbedingungen - also kleine, altershomogene Gruppen - eine große Rolle spielen. Die Entwicklungspsychologin Lieselotte Ahnert von der Uni Wien konnte sogar zeigen, dass die Bindungsqualität und die kognitive Entwicklung bei Kindern, die bei Tagesmüttern betreut werden, signifikant höher ist als bei Kindern, die in einer Einrichtung betreut werden. Diese Befunde fordern uns heraus. Das heißt natürlich nicht, dass Tagesmütter perspektivisch keine fachpädagogische Ausbildung bräuchten – schließlich sind die Anforderungen an die Arbeit mit Kindern und Eltern komplex. Aber man muss sich die Strukturbedingungen und das Thema der Eignungsprüfung anschauen. Anders als in jedem anderen pädagogischen Bereich gibt es in der Kindertagespflege auch die Prüfung der persönlichen Eignung. Das Jugendamt kann also sagen: ´Du bist vielleicht fachlich in der Lage, aber wir halten dich aus persönlichen Gründen nicht für geeignet, kleine Kinder zu betreuen`. Wenn man sich dann klar macht, dass kleine Kinder für eine gute Entwicklung auf Geborgenheit bei fürsorglichen Beziehungspersonen angewiesen sind, ist die persönliche Eignungsprüfung ein wichtiges Instrument zur Sicherung von Qualität.

"Die Kindertagespflege muss standardisiert werden"


Bis zum August 2013 müssen in den Kommunen noch etliche Betreuungsplätze entstehen. Wäre dabei der Schritt zu mehr Kindertagespflegestellen richtig?

Gabriel Schoyerer: Die Kindertagespflege hat viele Antworten auf die Fragen und Ansprüche von Kindern und Eltern. Etwa, was die Qualität und den zeitlichen Bedarf angeht. Oder auf die Auswirkungen des demografischen Wandels: Wie geht man damit um, wenn Eltern 30 Kilometer bis zur nächsten Kita fahren müssen? Auch da kann Kindertagespflege sozialraumnahe Modelle anbieten. Nur: Das Grundproblem, nämlich die Kindertagespflege zu standardisieren, muss gelöst werden, sonst wird es weiterhin eine große Varianz geben. Wenn diese Standardisierung umgesetzt wird, dann hat Kindertagespflege viele gute Argumente.


Dr. des. Gabriel Schoyerer (Dipl. Päd.) ist wissenschaftlicher Referent am Deutschen Jugendinstitut in München und Lehrbeauftragter am Institut für Erziehungswissenschaft an der Universität Innsbruck. Gemeinsam mit Dr. Astrid Kerl-Wienecke und Lucia Schuegger hat er jetzt das Buch Kompetenzprofil Kindertagespflege im Cornelsen Verlag veröffentlicht. Es zeigt, wie individuelle Förderung und gute Betreuung in der Kindertagespflege gelingen kann und gibt Verantwortlichen in den Kommunen und bei den Bildungsträgern wertvolle Hinweise zur Qualitätssicherung. Auch für Tagespflegepersonen ist das Buch ein wichtiger Ratgeber.


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