Bildungsgerechtigkeit

Kita-Ausbau reicht nicht

Anette Stein, Direktorin des Programms „Wirksame Bildungsinvestitionen“ der Bertelsmann Stiftung, ist sich sicher: Die Kitas in Deutschland brauchen Standards, und eine Sozialstaffelung der Kita-Gebühren ist notwendig. Warum das zu mehr Bildungsgerechtigkeit führt, erklärt sie im Interview mit Vincent Hochhausen.

20.03.2018 Bundesweit Artikel didacta Infodienst
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Die Bertelsmann-Stiftung kritisiert die Kita-Qualität. Warum?
Wir haben in Deutschland keine Qualitätsstandards. In den 16 Bundesländern gibt es unterschiedliche oder gar keine Regulierung. Es macht zwar keinen Sinn, alles einheitlich zu regeln, da die Situation der Kitas vor Ort überall anders ist. Aber wir brauchen einheitliche Standards für den Personalschlüssel, Zeit für Leitungsaufgaben, Fachberatung, Fort- und Weiterbildung sowie eine gesunde Verpfl egung. Das müssen alle Politiker auf ihre Agenda nehmen.

Mangelt es in allen Bundesländern an der Kita-Qualität?
Es gibt kein Bundesland, wo alles gut funktioniert. In Bezug auf den Personalschlüssel ist Baden-Württemberg das einzige Bundesland, das einen kindgerechten Betreuungsschlüssel erfüllt: Idealerweise sollte eine Fachkraft rechnerisch für 3 Krippenkinder oder 7,5 Kindergartenkinder verantwortlich sein. Bundesweite Schlusslichter sind Mecklenburg-Vorpommern mit 13,7 Kindergartenkindern und Sachsen mit 6,5 Krippenkindern pro Fachkraft. Das ist nicht kindgerecht. 

Sie bemängeln in Ihren Studien auch die fehlende Zeit für Leitungsaufgaben.
Bundesweit muss jede zehnte Kita komplett ohne Leitungszeit auskommen. Wenn Leitungen keine Zeit für ihre Arbeiten eingeräumt wird, leidet entweder die Qualität der Kita oder sie selbst als Person. Es müssen in der täglichen Arbeitszeit Gespräche mit Eltern geführt, administrative Büroarbeiten erledigt und vor allem auch die Qualitätsentwicklung im Kita-Team gesteuert werden. Notfalls müssen die Leitungen das in ihrer Freizeit machen, was zu Burn-out führen kann. Eine andere Möglichkeit ist, dass sie sich aus der Gruppe zurücknehmen, worunter die Kinder leiden.

In Ihrer neuesten Untersuchung konnten sie feststellen, dass sich die Kita-Qualität sogar von Landkreis zu Landkreis unterscheidet.
Wir sind sehr überrascht über das Ergebnis. Es darf nicht sein, dass ein Wohnort über die Bildungschancen von Kindern entscheidet. Wir wissen selbst noch nicht, warum es solche Unterschiede gibt. Auch die Kommunen und Landkreise nicht. Möglicherweise ist es ein unerwünschter Nebeneffekt aufgrund landesrechtlicher Regulierungen zur Personalausstattung der einzelnen Länder.

Inwiefern?
Die Finanzierung des Kita-Personals führt zu unterschiedlichen Betreuungssituationen vor Ort. In Brandenburg werden beispielsweise Pauschalen an die Träger für ihr Kita-Personal bezahlt. Unterschieden wird nur zwischen den Betreuungszeiten bis zu sechs Stunden oder mehr als sechs Stunden. In der Realität sieht das anders aus. In vielen Regionen werden die Kinder länger betreut. Das führt dann zu ungünstigeren Personalschlüsseln.

Aber es gibt doch die Möglichkeit, fehlende Gelder beim Land zu beantragen?
Es gibt unterschiedliche Verfahren. In Bayern können Kommunen Ausgaben geltend machen, wenn die Kitas mit ihren finanziellen Mitteln nicht auskommen. Aber selbst hier gibt es Unterschiede in Nieder- und Oberbayern. Die Akteure auf Landesebene sind gefragt, einheitliche Vorgaben zu machen und die Unterschiede auszugleichen.

In den vergangenen Jahren haben sich überall die Ausgaben für die frühe Bildung stark erhöht. Warum gibt es dennoch so hohe Defizite?
Es wird immer noch nicht genügend investiert, um Kitas qualitativ zu verbessern. In den vergangenen Jahren wurde vor allem in den quantitativen Ausbau der Kita-Plätze investiert. Positiv ist zwar, dass die Qualität nicht schlechter geworden, sondern bundesweit leicht gestiegen ist. Das ist eine große Leistung. Aber es muss jedem Politiker klar werden: Ohne Qualitätsausbau kommen wir nicht weiter. 

Wie viel würde den Bund der Qualitätsausbau kosten?
Ein kindgerechter Personalschlüssel kostet 4,9 Milliarden zusätzlich pro Jahr. Ausreichend Zeit für Kita-Leitungen 1,3 Milliarden Euro und qualitatives Essen 750 Millionen Euro. Zwei Sachen haben wir noch nicht kalkuliert: Fort- und Weiterbildung der pädagogischen Fachkräfte und steigender Bedarf an Kindertagesbetreuung seitens der Eltern. Bei der Bund-Länder-Konferenz berechneten die Minister, dass die Qualitätssteigerung in allen Bereichen zwischen zehn und elf Milliarden Euro kosten würde. Das sind realistische Zahlen.

Die OECD-Studie „Bildung auf einen Blick 2016“ zeigt, dass Deutschland viel mehr in den tertiären Sektor investiert als in den frühkindlichen Bereich. Investieren wir also falsch?
Wir müssen Ausgaben erhöhen, aber dürfen nicht bei der Hochschule kürzen. Auch in diesem Bereich fehlt Geld. Wir brauchen grundsätzlich mehr Investitionen in die Bildung.

Können dann auch Kita-Gebühren abgeschafft werden? Ihre Stiftung sieht das Versprechen der SPD, den Kita-Besuch in jedem Bundesland kostenlos anzubieten, kritisch.
Langfristig ist die beitragsfreie Kita eine gute Idee und richtig. Aber wir müssen vorerst in bessere Qualität investieren. Eine kostenlose Kita für alle würde zusätzlich rund 4,4 Milliarden Euro kosten. Die Gelder sollten erst einmal in die Kita-Qualität fl ießen. Dringend notwendig sind aber einheitliche soziale Staffelungen und Gebührenfreiheit für Familien mit niedrigen Einkommen.

Wie könnte diese Sozialstaffelung aussehen?
In Saarland und Mecklenburg-Vorpommern zahlen alle die gleichen Kita-Gebühren, unabhängig vom Einkommen. Das ist ungerecht. Vielmehr sollten die Gebühren je nach Einkommen gestaffelt werden. Denn frühkindliche Bildung darf für Geringverdiener nicht zu teuer werden – sonst erreichen wir keine Bildungsgerechtigkeit.

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in:
didacta Infodienst – Das Bildungsdossier für Politik und Bildungsverwaltung, Ausgabe 4/2017, S. 2-3, www.didacta.de


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