Menschliches Gehirn konkurriert mit Milchstraße

"Bildungskarrieren beginnen nicht in der Sekundarstufe II", betonte der Bundesvorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) Ludwig Eckinger auf der 5. Fachtagung des Tutzinger Netzwerks für Schule und Lehrer. "Das Geheimnis des Erfolgs liegt im Anfang, in der frühkindlichen und vorschulischen Bildung und Erziehung."

18.11.2004 Pressemeldung Verband Bildung und Erziehung e.V. (VBE)

Eckinger sprach sich dafür aus, die Erkenntnisse der Hirnforschung stärker als bisher für die pädagogische Arbeit im Kindergarten und bei der Neugestaltung des Schulanfangs zu nutzen. "In Deutschland ist immer noch das Gymnasium der Mittelpunkt allen Entscheidens. Der bildungspolitische Fokus muss mehr auf das frühkindliche Lernen und die Nahtstelle von Kindergarten und Grundschule gelegt werden, wenn der schulische Erfolg das Scheitern überwiegen soll", so Eckinger vor Erzieherinnen, Sozialpädagogen, Lehrkräften, Eltern und Erziehungswissenschaftlern des Tutzinger Netzwerks.

"Die Umgestaltung der Schuleingangsphase zu jahrgangsübergreifendem Lernen bietet eine Chance zur Minderung von Leistungsdruck und der Stärkung des sozialen Miteinanders", unterstrich Roswitha Terlinden, Studienleiterin der Evangelischen Akademie Tutzing. Zugleich warnte sie vor Überspitzungen der Debatte. Grundlage pädagogischer Konzepte müssten die individuellen kindlichen 'Entwicklungsfenster' sein und nicht die ehrgeizigen Vorstellungen von Leistungsabforderung.

Der Schweizer Kinderarzt und Hirnforscher Norbert Herschkowitz stellte auf der Fachtagung neueste Erkenntnisse der Hirnforschung dar. "Der alte Spruch", so Herschkowitz, "'was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr' stimmt nicht. Entwicklungsfenster werden heute als sensitive Perioden des optimalen Erwerbs und Erlernens definiert. Nachholen ist zwar schwer, aber möglich." Diese optimistische Erkenntnis müsse mehr in der Debatte über frühes Lernen wahrgenommen werden, empfahl der Hirnforscher. "Entscheidend ist, dass der Mensch ein soziales Gehirn hat. Mehr als die Hälfte unseres Handelns ist soziale Aktivität", hob Herschkowitz hervor. Und Aktivität führe zur Entwicklung des Gehirns. Für die Sichtbarmachung dieses Hirnwachstums durch Aktivität war ein Nobelpreis vergeben worden. "Neues Lernen findet nicht statt, wenn eine erwartete Antwort gegeben wird", sagte Herschkowitz, "neue Schaltkreise im Gehirn entstehen aber, wenn die Antwort einen Fehler oder eine Überraschung enthält."

Aus Sicht der Hirnforschung empfehle sich auch ganz klar das Lernen einer zweiten Sprache im frühem Alter In diesem Alter sei ein regelrechter Erwerb der Sprache möglich, nach sieben Jahren ist das Lernen der Zweitsprache möglich, aber schwieriger. Herschkowitz sagte, "bei Spracherwerb vor dem 5.Lebensjahr nimmt die Dicke der Hirnrinde deutlich zu. Je älter man beim Sprachenlernen ist, desto geringer fällt der Zuwachs der Hirnrinde aus."

Eckinger, Terlinden und Herschkowitz betonten die Notwendigkeit von interdisziplinärer Zusammenarbeit zwischen Hirnforschern, Pädagogen, Neurobiologen, Psychologen und Soziologen. "Die Hirnforschung kann wichtige Impulse geben, aber keine pädagogischen Rezepte", sagte Norbert Herschkowitz.

Einige Fakten zur Hirnentwicklung: Das menschliche Gehirn hat 100 Milliarden Nervenzellen, mehr als die Hälfte der Sterne in der Milchstraße. In der 8. bis 25. Schwangerschaftswoche werden pro Minute 500 000 Nervenzellen im Embryo gebildet. Jede Nervenzelle hat mehr als 20 000 Verbindungen (Synapsen). Die Gesamtlänge dieser Synapsen reicht mehrfach um den Äquator.

Das Tutzinger Netzwerk für Schule und Lehrer ist eine Kooperation von VBE, Bayerischem Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV), Evangelischer Akademie Tutzing sowie Erziehungswissenschaftlern. Es wurde vor vier Jahren ins Leben gerufen und setzt seitdem Impulse für die Debatte über das Wohin schulischer Entwicklung und zur Stärkung des Selbstverständnisses von Lehrerinnen und Lehrern.


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