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„Muss eigentlich jeder immer alles können?“

Inklusion beginnt im Alltag und kann von Schulen nicht detailliert geplant werden, weiß Rainer Schmidt aus eigener Erfahrung. Der Kabarettist und mehrfache Goldmedaillengewinner im Tischtennis bei den Paralympics kam ohne Hände zur Welt und nahm sein Leben in der Mitte der Gesellschaft dennoch selbst in die Hand.

29.01.2019 Bundesweit Artikel Martin Stengel
  • © Rainer Schmidt Kabarettist Rainer Schmidt. Foto: Johannes Hahn

    Dieses Bild kann unter Angabe der Bildquelle für die redaktionelle Berichterstattung verwendet werden.

Herr Schmidt, welche Rolle spielt Sport in Ihrem Leben? 
Sport hat mein Leben wahnsinnig beeinflusst und geprägt. Ich habe als 12-Jähriger angefangen, Tischtennis zu spielen und damals erkannt, dass ich ein Talent habe. Entwicklungspsychologisch habe ich dadurch viele Erfahrungen gesammelt, die mich fürs Leben stark gemacht haben. Außerdem bin ich über den Sport auch bekannt geworden. Ich arbeite als Freiberufler und bekomme viele Anfragen, die so beginnen: „Ich erinnere mich noch an Ihren Auftritt im aktuellen Sportstudio“. Inzwischen spielt Sport leider nur noch eine relativ kleine Rolle in meinem Leben, weil ich wenig Zeit dafür habe. 

Sie haben als Kind für Ihre eigene Inklusion gesorgt. Wie haben Sie Ihre Schulzeit erlebt?
Ich wurde Anfang der 70er Jahre zuerst in eine Sonderschule eingeschult. Das war ein großer Schock für mich. Dort habe ich das erste Mal ein behindertes Kind gesehen, weil ich mich bis dahin als völlig normal wahrgenommen habe. Ich habe nicht verstanden, warum ich nicht in die Grundschule durfte, in die meine Freunde gingen. Erst nach der Realschulzeit kam ich auf die Idee, aufs Gymnasium zu gehen. Da hatte ich glücklicherweise einen wunderbaren Rektor. Er hat mich angesehen und gesagt: „Was müssen wir tun, damit Du bei uns Abitur machen kannst?“ Er hat damit die gesetzliche Sonderschulpflicht einfach ausgehebelt. Und er hatte begriffen, dass sich Schulen verändern können. Als Sonderschüler ein Gymnasiast zu werden, fühlte sich großartig an.

Sie haben Chancen genutzt, die im damaligen Schulsystem gar nicht vorgesehen waren. Was macht für Sie heute eine moderne inklusive Schule aus?
Eigentlich ist das Thema nicht Inklusion, sondern Vielfalt. Ich habe Inklusion mal als die Kunst des gemeinsamen Lernens von sehr verschiedenen Menschen beschrieben. Diese sehr verschiedenen Menschen haben wir jetzt schon an deutschen Schulen: Wir haben Jungen und Mädchen, Linkshänder und Rechtshänder, eine bunte sexuelle Orientierung, „Hoch- und Tiefbegabte“. Ich träume daher von einer Schule, in der Lehrende ein Grundgerüst für den Unterricht konzipieren, in dem viele Entfaltungsmöglichkeiten für die Schülerinnen und Schüler bestehen und sie eigenverantwortlich lernen können. Ein Schüler kann am besten empfinden, ob er gerade über- oder unterfordert ist. Wir müssen zu einer schülerorientierten Didaktik kommen.

Wie würde denn ein offener und toleranter Schulalltag aussehen?
Wenn wir die Schüler permanent in Regel- und Förderschüler aufteilen, dann ist diese Kategorie im Kopf drin und das ist schädlich. Ich bin nicht immer in erster Linie behindert. Im Musikunterricht bin ich beim Klavierspielen „tiefbegabt“, ich kann aber ziemlich gut singen. In Mathe habe ich überhaupt keine Behinderung, da war ich im Leistungskurs. Deswegen sind Leistungsbewertungen auch so hochproblematisch, weil sie eigentlich immer Äpfel und Birnen miteinander vergleichen. Die Frage ist: „Muss eigentlich jeder immer alles können?“ 

Worauf legen Sie bei Ihren Auftritten Wert, wenn es um das Thema Inklusion geht?
Inklusion ist für mich eine Herzensangelegenheit. Ich möchte die Menschen mit ihren Sorgen und Nöten ernst nehmen und dennoch das verkrampfte Thema auflockern. Deswegen benutze ich oft Humor. Wenn wir das alles zu sehr dramatisieren, werden wir mutlos, weil wir Angst haben, irgendetwas falsch zu machen. Und Mutlosigkeit ist der Tod jeder Veränderung. Auch Lehrerinnen und Lehrer sind oft verunsichert oder haben Angst beim Thema Inklusion: „Wie soll ich das schaffen? Ich bin doch da gar nicht dafür ausgebildet.“ Dabei ist Inklusion eine Schulentwicklung, bei der wir uns gegenseitig unterstützen müssen, wo wir auch Fehler machen dürfen. Das gilt natürlich auch für Lehrerinnen und Lehrer. Inklusion ist ein wunderbarer Anlass, Schule neu zu denken.

Wie könnte man unverkrampfter an Inklusion herangehen?
Nehmen Sie mich als Beispiel. Wenn Sie mir das erste Mal begegnen, können Sie darüber nachdenken, wie Sie jemandem die Hand geben, der keine hat. Natürlich können Sie jetzt einen Arbeitskreis bilden oder andere Leute dazu befragen. Sie können aber auch einfach sagen: „Entschuldigen Sie, Herr Schmidt, wie begrüße ich Sie eigentlich?“ Wenn eine Schule erst mal ein perfektes Inklusionskonzept entwickeln will, um es danach irgendwie umzusetzen, dann halte ich das für keinen gangbaren Weg. Wir müssen erste Schritte machen, um mutiger zu werden.

Vom 19. bis 23. Februar 2019 führt die didacta als weltweit größte und Deutschlands wichtigste Bildungsmesse wieder Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher, Ausbilderinnen und Ausbilder sowie Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft in Köln zusammen. 

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Nähere Informationen zu den Veranstaltungen der didacta 2019 finden Sie unter www.didacta-messe.de und www.facebook.com/didacta.bildungsmesse.

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Der Themendienst im Überblick: Weitere Artikel und Interviews zur didacta 2019 finden Sie im Dossier auf www.bildungsklick.de.


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