Österreich

Schlechte Bildungschancen für Migranten

(red/pm) Für Nachkommen von türkischen Migrantinnen und Migranten aus niedrigen Bildungsschichten ist es in Österreich besonders schwer, eine höhere Bildung zu erlangen. Das zeigt ein sozialwissenschaftlicher Ländervergleich mit Frankreich und Schweden, dessen Ergebnisse jetzt als [Buch](http://www.oapen.org/search?identifier=496955;keyword=Educational%20Mobility%20of%20Second-Generation%20Turks) veröffentlicht wurden.

26.05.2015 Artikel
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"Innerhalb vieler europäischer Länder ist die Benachteiligung der Nachkommen türkischer Migranten im Bildungsbereich bekannt", sagt Philipp Schnell. "Doch dass diese Nachteile in einigen Ländern stärker ausgeprägt sind als in anderen, war bisher nicht bekannt, und damit blieben auch die Gründe für diese Unterschiede im Dunkeln." Dank der Doktorarbeit des wissenschaftlichen Mitarbeiters am Institut für Stadt- und Regionalforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften ist das nun anders.

Negativ: Später Eintritt in vorschulische Bildung

Tatsächlich sind die Ergebnisse des sozialwissenschaftlichen Vergleichs der Situationen in Frankreich, Schweden und Österreich überraschend eindeutig: Wenn es um die Benachteiligung der Nachkommen von türkischen Migrantinnen und Migranten im Bildungssystem geht, führt Österreich den Ländervergleich eindeutig an. Doch Schnell identifizierte nicht allein diese Tatsache, sondern konnte auch handfeste Gründe für dieses Ungleichgewicht finden: "Wesentlich ist die Intensität der Wechselwirkung zwischen den Strukturen des Schulsystems und familiären Ressourcen sowie der Zeitpunkt, zu dem diese Interaktion beginnt. Im österreichischen Bildungssystem wird sie früher als in anderen Ländern notwendig", erläutert Schnell. Gerade aber türkische Familien können oftmals die Ressourcen nicht zur Verfügung stellen, die solche Wechselwirkungen erfordern.

Als Beispiel für Rahmenbedingungen nationaler Bildungssysteme, die zu einer Wechselwirkung mit familiären Ressourcen führen, nennt Schnell das gesetzliche Eintrittsalter in vorschulische Einrichtungen – und damit den Zeitraum, in dem Eltern das Lernen des Kindes alleinverantwortlich beeinflussen. Hier schlägt der in Österreich vergleichsweise späte Eintritt der Kinder negativ für deren spätere Bildung zu Buche. In eine ähnliche Kerbe schlägt ein zweiter Punkt, den Schnell als maßgeblich identifizierte: der zeitliche Umfang der schulischen Betreuung. Auch hier verliert Österreich den Ländervergleich mit Frankreich und Schweden aufgrund des hier vorherrschenden Halbtagssystems. Dies macht eine nachmittägliche Betreuung weiterer schulischer Leistungen der Kinder durch die Familie notwendig. Aufgrund des oftmals niedrigen Bildungsniveaus der Eltern kann die erwartete Betreuung in türkischen Familien aber oftmals nicht ausreichend beziehungsweise optimal geleistet werden. Doch damit nicht genug, wie Schnell ergänzt: "Auch der Zeitpunkt, zu dem über den weiteren Bildungsweg entschieden wird, hat großen Einfluss auf den Bildungserfolg der Kinder. In Österreich ist dieser sehr früh. – Der Einfluss der Eltern und ihrer Bildungsgeschichte ist zu diesem Zeitpunkt noch sehr groß."

Dass Philipp Schnell Zusammenhänge zwischen familiären Situationen und Rahmenbedingungen des Bildungssystems identifizieren konnte, ist mit seinem Zugang zu Daten der sogenannten TIES-Studie (The Integration of the European Second Generation) zu erklären. Mittels dieser umfassenden Studie wurde in 15 Städten aus acht europäischen Ländern (inklusive Frankreich, Schweden und Österreich) eine Erhebung über die Lebenswelten von Jugendlichen mit türkischem Migrationshintergrund durchgeführt, die sich auf die Jahre 2007 und 2008 stützte. So standen ihm Informationen zu einer Vielzahl von inner- und außerfamiliären Faktoren zur Verfügung. Diese reichten von der Migrationsgeschichte der Eltern und ihrer sozio-ökonomischen Stellung bis zu Freundschaftsnetzwerken der Kinder und Betreuung in den Schulen.

Schnell ergänzte diese Daten für die nun veröffentlichte Studie mit detailreichen Analysen über die nationalen Bildungssysteme. Dabei gelang es ihm, die familiären Daten sowie Besonderheiten der jeweiligen Bildungssysteme in den Zusammenhang mit den Bildungserfolgen der Jugendlichen zu stellen. Und obwohl er betont, dass der Bildungsstand der Kinder noch immer am stärksten von dem der Eltern sowie deren beruflicher Position beeinflusst wird, zeigen die von ihm nun veröffentlichten Daten auch einen deutlichen Einfluss bildungspolitischer Rahmenbedingungen.


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