Interview

"Stillstand ist Rückschritt!"

Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne nimmt im Interview Stellung zu den aktuellen Reformen und Herausforderungen in der frühkindlichen Bildung. Er unterstreicht dabei: "Für mich steht an oberster Stelle eine Verbesserung im Fachkraft-Kind-Schlüssel."

27.04.2018 Niedersachsen Artikel nifbe - Niedersächsisches Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung
  • © Presse- und Informationsstelle der Niedersächsischen Landesregierung / Fotograf: Philipp von Ditfurth

Sehr geehrter Herr Minister Tonne, Sie sind zwar erst seit wenigen Monaten im Amt, haben aber in der frühkindlichen Bildung schon losgelegt wie die Feuerwehr – von der Beitragsfreiheit für den Kindergarten über die Verlagerung der vorschulischen Sprachförderung in die KiTas bis hin zur Reform der Erzieherinnen-Ausbildung. Drückt sich in diesen ambitionierten Reformen auch die große Bedeutung aus, die Sie der frühkindlichen Bildung zusprechen?

Ja, absolut. Stillstand ist Rückschritt! Das gilt vor allem, wenn sich Themen so rasant entwickeln wie die frühkindliche Bildung und Betreuung. Da gilt es weiterhin, auf- und nachzuholen. Gesellschafts- und bildungspolitisch stand dieser Bereich viel zu lange im Schatten anderer Diskussionen um Schule, Schulformen und Schulabschlüsse oder die Frage Ausbildung oder Studium. In Deutschland hat sich erst langsam die Erkenntnis durchgesetzt, dass im frühkindlichen Bereich die entscheidende Basis dafür gelegt wird, ob die Kinder und Jugendlichen später erfolgreich die eine oder andere Richtung einschlagen. Ich freue mich umso mehr, dass endlich allgemein anerkannt wird, wie entscheidend eine kompetente, kindgerechte Förderung in den ersten Lebensjahren für die spätere Entwicklung ist. Damit einher gehen meinem Empfinden nach ein hoher Respekt und eine gestiegene Anerkennung für die Arbeit der Fachkräfte in den Kindertageseinrichtungen. Das ist ebenso überfällig wie angemessen.

Lassen Sie uns einen näheren Blick auf die Beitragsfreiheit werfen. Laut einer Bertelsmann-Studie würden mehr als die Hälfte der Eltern auf ihre Beitragsfreiheit für Kitas verzichten, wenn sie so die Kita-Qualität steigern könnten. Warum ist für Sie und die Landesregierung die Beitragsfreiheit so wichtig?

Die Kita hat einen wichtigen Bildungsauftrag. Bildung muss gebührenfrei sein, weil Teilhabe für jedes einzelne Kind gewährleistet sein muss. Nicht nur für viele, sondern für alle. Das geht nur mit einer Gebührenfreiheit. Der beitragsfreie Kindergarten ist ein klares Zeichen für die Anerkennung der guten Arbeit, die in den Kitas geleistet wird: Immer mehr Eltern nutzen die Angebote, immer mehr Personal wird benötigt, um den Bedarf zu decken. Der Wunsch nach Aus- und Weiterbildung ist enorm, das wissen Sie aus Ihrer täglichen Arbeit im nifbe nur allzu gut. Das hat ganz entscheidend damit zu tun, dass die Kindertagesstätten Bildungsorte sind, in denen Kinder früh individuell gefördert werden. Kinder werden hier nicht nur in der sprachlichen Bildung und ihren motorischen Fähigkeiten gefördert, sondern in der gesamten Persönlichkeit gestärkt und in sozialverantwortliches Handeln eingeführt. Auch der Übergang in die Grundschule spielt dabei eine besondere Rolle, damit kein Kind verloren geht und eine durchgängige Bildungsbegleitung gesichert wird. Nicht zuletzt der IQB-Bildungstrend 2016 hat eindringlich verdeutlicht, dass wir der frühkindlichen Bildung und dem Übergang in die Grundschule eine höhere Priorität beimessen müssen. Kein Mensch kritisiert, dass der Schulbesuch die Eltern nichts kostet. Die Studiengebühren sind abgeschafft worden. Das ist alles sehr richtig, denn Bildung darf kein Luxusgut sein! Es gibt für mich also absolut keinen guten Grund, warum Eltern durch das Bildungs- und Betreuungsangebot in den drei Jahren, bevor die Schule startet, finanziell belastet werden sollten.

Drohen die hohen Kosten für die Beitragsfreiheit nicht zu Lasten einer konsequenten Qualitätsentwicklung zu gehen, z.B. der weiteren Verbesserung des Personalschlüssels in Krippe und Kindergarten?

Ich halte nichts davon, zwei wichtige Säulen bei der Stärkung der frühkindlichen Bildung gegeneinander auszuspielen. Wir haben es nicht mit einem „Entweder-oder“ zu tun, sondern mit einem „Sowohl-als-auch“! Beides ist notwendig, Gebührenfreiheit und Qualitätsverbesserungen. Da werden wir im Verlauf der Legislatur auch noch einige Akzente setzen. Klar ist aber: Es geht nicht alles auf einmal und wahrscheinlich lassen sich nicht alle Wünsche erfüllen. Zu Recht weisen Sie ja auch darauf hin, dass sich in den letzten Jahren schon einiges getan hat. Ich nenne nur die Einführung der dritten Fachkraft in den Krippengruppen.

Die Verlagerung der vorschulischen Sprachförderung in die Verantwortung der KiTas wird aus fachlicher Sicht fast durchgehend befürwortet. Wie kann aber angesichts des akuten Fachkräftemangels eine weitere Mehrbelastung der ErzieherInnen in den KiTas vermieden werden?

Ich verstehe natürlich die Sorgen der Erzieherinnen und Erzieher, dass sich die Belastung erhöhen könnte. Wenn Änderungen anstehen, dann gibt es immer eine gewisse Skepsis. Insbesondere, wenn die Belastung eh groß ist, finde ich das auch sehr nachvollziehbar. Ich kann aber beruhigen: Erstens sind die Fachkräfte kompetent und qualifiziert, um alltagsintegrierte Sprachförderung umzusetzen. Das ist ja schon lange Teil des Orientierungsplans und der praktischen Arbeit in Kindergärten. Hieran wollen wir anknüpfen und erfinden keine neue Aufgabe. Zudem haben wir für die Entlastung des vorhandenen Fachpersonals personelle Verstärkungen vorgesehen im Umfang von mehr als 32 Millionen jährlich. Damit können die Träger weiteres Personal einstellen oder auch qualifizieren. Ich weiß, dass das Fachpersonal derzeit sehr gefragt ist und es Schwierigkeiten gibt, kurzfristig qualifizierte Männer und Frauen einzustellen. Die Umsetzung der QuiK-Richtlinie hat aber auch gezeigt, dass es vor Ort derzeit auch noch durchaus gute Einstellungsmöglichkeiten gibt. Und außerdem werden wir den Trägern und dem Personal keinen Druck machen. In Übergangszeiträumen muss sich alles immer erst einmal zurechtruckeln. Diese Erfahrung aus dem Arbeitsleben dürfte den meisten bekannt sein. Darüber hinaus werden wir alle Kräfte bündeln, um so schneller zu mehr Fachkräften zu kommen.

Wäre es vielleicht auch sinnvoll, in den KiTas Verwaltungsstellen einzurichten, um Leitungen und ErzieherInnen von den zunehmenden Verwaltungstätigkeiten zu entlasten und Ressourcen für die pädagogische Arbeit freizusetzen?

Es ist Angelegenheit der Träger von Kindertageseinrichtungen, die Tätigkeiten ihrer Leitungskräfte und ggf. damit verbundenen Verwaltungsaufgaben festzulegen. Wir haben eine große Trägervielfalt und damit verbunden auch einen bunten Strauß an Leitungsprofilen. Der Träger wird diesbezüglich nicht eingeschränkt. Selbstverständlich kann er Verwaltungstätigkeiten auch durch Verwaltungskräfte ausführen lassen, um Einrichtungsleitungen zu entlasten. Ich setze mich sehr dafür ein, dass wir – ähnlich wie im Schulbereich – zu einem regelmäßigen Austausch über die Qualität in unseren Kindertagesstätten kommen. Eine solche Dialogplattform bietet ein gutes Forum, um auch diese Frage offen zu diskutieren. Hierzu werde ich zeitnah einladen.

Kommen wir nun auf die inhaltliche Ebene. Welche Themen sehen Sie in den nächsten Jahren als die größten Herausforderungen für die Arbeit in den KiTas?

Ich setze mich für eine bedarfsgerechte und qualitativ hochwertige Kindertagesbetreuung ein. Die hierfür zu bewältigenden Herausforderungen sind derzeit allen Beteiligten klar. Dies sind insbesondere die Themen des Fachkräftebedarfs, der Integration und Sprachförderung sowie des Ausbaus der Kindertagesbetreuung. Der größer werdenden Heterogenität muss qualitativ begegnet werden.

Wie schätzen Sie den Stand der Inklusion im KiTa-Bereich ein, zu deren Umsetzung sich Deutschland ja mit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention verbindlich verpflichtet hat? Noch stoßen beispielsweise Eltern, die Kinder mit Handicaps in einer wohnortnahen KiTa ohne Integrationsplätze anmelden wollen, auf fast unüberwindliche Hindernisse.

Niedersachsen ist für die gemeinsame Bildung, Erziehung und Betreuung von Kindern mit und ohne eine Behinderung gut aufgestellt. Der bedarfsgerechte Ausbau für die Förderung von Kindern mit Handicaps ist Teil der örtlichen Bedarfsplanung, die trägerübergreifend in Form regionaler Konzepte erarbeitet und nachgehalten werden muss. Das Land unterstützt die Schaffung zusätzlicher Integrationsplätze in jedem Fall. Mir ist sehr bewusst, dass wir auch hier noch gemeinsame Anstrengungen vor uns haben. Wir stellen uns dieser Herausforderung überzeugt und gerne.

Was versprechen Sie sich von dem von Bundesfamilienministerin Giffey noch für das Frühjahr angekündigten Qualitätsgesetz für KiTas?

Dass sich der Bund finanziell und auch bei Qualitätsfragen konstruktiv einbringen möchte, begrüße ich ausdrücklich! Es kann nicht sein, dass Länder, Kommunen und freie Träger ihren Job machen und der Bund daneben steht und staunt. Insofern waren die Förderprogramme aus den letzten Jahren vor allem im Krippenbereich richtig und wichtig. Wenn dieser Weg weitergegangen werden soll, dann finde ich das gut. Wir benötigen allerdings langfristige und nachhaltige Finanzierungszusagen statt befristeter Projekte. Was das Qualitätsgesetz angeht, lasse ich mich gerne positiv überraschen. Grundsätzlich aber ist mir tatsächlich Umsetzbares lieber als schöne Wolkenkuckucksheime.

Wir haben das immer drängendere Problem des Fachkräftemangels bereits kurz angerissen. Wie wollen Sie in Niedersachsen konkret die Attraktivität des ErzieherInnen-Berufs steigern?

Diese ebenso wichtige wie anspruchsvolle Aufgabe gehen wir konsequent an mit dem Niedersachsen-Plan für mehr Fachpersonal in den Kindertagesstätten. Mit einem ganzen Bündel an Maßnahmen wollen wir dafür sorgen, dass sich noch mehr junge Menschen dafür entscheiden, Erzieherin oder Erzieher zu werden. Dazu gehört natürlich, das Schulgeld abzuschaffen. Es ist ein großer Fehler, dass wir uns diesen Anachronismus noch immer leisten. Ich werde mich bei meinem Kollegen, dem Herrn Finanzminister Hilbers, sehr dafür einsetzen, dass ab 2019 5 Millionen Euro bereitstehen, damit das gelingt. Außerdem werden wir mehr Schulplätze einrichten und den Quereinstieg für qualifizierte Menschen erleichtern. Und ganz wichtig: Wir werden die Ausbildung auch als Teilzeitvariante, in der ein Teil der Ausbildung praxisintegriert in einer Einrichtung stattfindet, anbieten. Dann ist es den Auszubildenden auch möglich, eine Vergütung von den Trägern zu erhalten. Mir ist ganz wichtig, dass das nicht zu Lasten der Qualität gehen wird! Ein ambitioniertes Vorhaben also, von dem ich mir aber sehr positive Effekte verspreche.

Zum Abschluss noch die Frage, wann Niedersachsen ein neues KiTaG bekommt und was für Sie hier die entscheidenden inhaltlichen Leitplanken sein werden?

Das KiTaG wird ja derzeit novelliert. Ein Entwurf wurde in das April-Plenum eingebracht. Auf die Debatten zu den hier vorgesehenen neuen Regelungen bin ich sehr gespannt. Ich bin mir aber sehr bewusst, dass weitere Schritte folgen müssen. Dass das auch passiert, dafür setze ich mich ein. Mir ist aber auch wichtig, nicht alles Mögliche zu versprechen. Wir brauchen echte Qualitätsverbesserungen, aber wir sollten uns auch Ziele setzen, die wir realistischer Weise auch erreichen können. Für mich steht dabei an oberster Stelle eine Verbesserung im Fachkraft-Kind-Schlüssel.

Das Interview führte nifbe-Presseprecher Dr. Karsten Herrmann für www.nifbe.de


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