Studie

Tageseltern verdienen nicht mal die Hälfte des Mindestlohns

Baden-Württemberg: „Zum ersten Mal haben wir wissenschaftlich belastbare Zahlen, die die schlechte Einkommenssituation verdeutlichen“, so die 1. Vorsitzende des Landesverbandes Kindertagespflege, Christina Metke.

13.07.2018 Bundesweit Pressemeldung Landesverband Kindertagespflege Baden-Württemberg
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Metke: „Eine selbständige Tagesmutter oder ein Tagesvater verdient im Vergleich mit einer Angestellten 4,08€ pro Stunde und das mit allen Risiken der Selbständigkeit.“

Die vom Landesverband Kindertagespflege Baden-Württemberg e.V. in Auftrag gegebene Studie wurde durch Crowd Funding von fast 150 Unterstützerinnen und Unterstützern finanziert und von Februar bis April 2018 von der STASA Steinbeis Angewandte Systemanalyse GmbH umgesetzt. Dabei wurde auf Basis einer repräsentativen Erhebung der tatsächliche durchschnittliche Verdienst von selbstständigen Tagespflegepersonen in Baden-Württemberg berechnet, zum Mindestlohn ins Verhältnis gesetzt und anhand der Ergebnisse Optimierungsmöglichkeiten aufgezeigt. Tageseltern in ganz Baden-Württemberg führten im Rahmen der Erhebung auf, wie viele Stunden sie für die direkte Betreuung sowie verwandte Tätigkeiten aufbringen und wann.

Besonders alarmierend: je flexibler eine Tagesmutter ist - z.B. in dem sie schon sehr früh ihre Türen öffnet oder bis spät in die Nacht betreut – desto geringer fällt unterm Strich die Entlohnung dafür aus. Gerade diese Flexibilität, ein wichtiges Merkmal der Tagespflege, wird den Tageseltern zum finanziellen Verhängnis.

Ebenfalls ernüchternd: etwa ein Viertel der geleisteten Arbeitszeit von Tageseltern wird gar nicht honoriert! Tagespflegepersonen werden durch eine laufende Geldleistung für die Zeiten entlohnt, in denen sie Kinder in ihrer Obhut haben. Die Studie belegt, dass die ‚kinderfreien‘ aber unumgänglichen Tätigkeiten wie z.B. Aufräumen und Putzen, aber auch pädagogische Tätigkeiten wie Bildungsdokumentation, die Vorbereitung von Ausflügen und Elterngesprächen, ein Viertel der geleisteten Arbeitszeit ausmachen – und zwar gänzlich unbezahlt.

Sehr oft zahlen Tagesmütter und Tagesväter sogar drauf: die empfohlene Sachkostenpauschale von 1,74€ pro Kind und Stunde deckt lediglich etwa 75% der tatsächlich anfallenden Ausgaben für Versicherungen, Fortbildungen und insbesondere die Raummiete - vor allem in den teuren Ballungsgebieten des Landes ein echtes Problem.

Tageseltern leisten einen wichtigen Beitrag in der Kinderbetreuung. Genau wie in Kindertageseinrichtungen, haben auch Tagespersonen den staatlichen Auftrag zu Bildung, Betreuung und Erziehung der ihnen anvertrauten Kinder. Mit über 22.000 betreuten Kindern in Baden-Württemberg, trägt die Tagespflege erheblich zur Erfüllung des Rechtsanspruchs auf einen Betreuungsplatz bei. Tageselternvereine klagen schon länger darüber, dass es immer schwieriger wird, neue Tagesmütter zu akquirieren bzw. diese langfristig zu halten. „Solange die Kindertagespflege als Randerscheinung der Kinderbetreuung behandelt wird, und auf den guten Willen der Tageseltern gesetzt wird, tun wir uns bald schwer, diesen eigentlich tollen Beruf mit gutem Gewissen zu empfehlen,“ so Christina Metke weiter.

Seit sechs Jahren wurde die Vergütung von Tagespflegepersonen in Baden-Württemberg (von derzeit 4,50€ pro Kind und Stunde für Über-Dreijährige bzw. 5,50€ für Kinder unter drei Jahren) nicht erhöht. „Auch wenn nun 1,00€ pro Stunde mehr kommt, wie es derzeit im Pakt für Gute Bildung und Betreuung verhandelt wird, sind wir noch weit entfernt vom Mindestlohn und einer leistungsgerechten Vergütung“, erläutert Metke.

„In unserem 4 Punkte Plan fordern wir eine faire Bezahlung von mindestens dem Mindestlohn, eine bessere Vergütung in außergewöhnlichen Betreuungszeiten - also früh am Morgen oder am Wochenende, einen angemessenen Basisbetrag für Sachkosten und mehr Geld für die Miete in Ballungsräumen,“ so Metke abschließend.


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