Was haben Qualitätsentwicklung in Kitas und begabungsgerechte Bildung gemein?

Christine Koop, Ressortleiterin Frühe Förderung und Beratung der Karg-Stiftung, sieht mit dem Deutschen Kita-Preis und seinem Eintreten für Qualität in der frühen Bildung auch eine gute Chance für ein begabungsgerechteres Bildungssystem.

03.05.2018 Bundesweit Pressemeldung Karg-Stiftung
  • © DKJS - Alexander Janetzko

Der Deutsche Kita-Preis wurde gestern in Berlin zum ersten Mal verliehen. Zur „Kita des Jahres“ wurde das Familienzentrum Ludwig-Uhland-Straße aus Maintal bei Frankfurt am Main gekürt.

Der Deutsche Kita-Preis ist eine Initiative des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) und der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, in Partnerschaft mit der Heinz und Heide Dürr Stiftung, der Karg-Stiftung, Porsche und dem Didacta-Verband. Darüber hinaus wird der Preis von einem breiten gesellschaftlichen Bündnis unterstützt.

Christine Koop beantwortet hier Grundfragen des Zusammenhangs von Kita-Qualität und Begabtenförderung – Fragen, mit denen sich die Karg-Stiftung seit langem beschäftigt und die sich über den Deutschen Kita Preis hinaus in der Kita-Arbeit der Stiftung immer wieder stellen. 

Warum engagiert sich die Karg-Stiftung als Partnerin des Deutschen Kita-Preises?

Die Karg-Stiftung befasst sich seit vielen Jahren mit der Frage, wie Kitas dazu beitragen können, dass alle Kinder, auch hochbegabte, ihre Begabungen entwickeln und ihre besonderen Talente entfalten können. Als Partnerin des Deutschen Kita-Preises möchte die Karg-Stiftung das hinter dem Preis stehende Anliegen sichtbar unterstützen: Qualitätsentwicklung in der frühen Bildung ist ein Prozess, in den kontinuierlich und mit Blick auf die Bedürfnisse jedes einzelnen Kindes investiert werden muss. Und Qualitätsentwicklung und Begabtenförderung sind zwei Seiten einer Medaille. Hier wie dort stehen das Kind und seine Potenziale im Mittelpunkt.

Was hat das mit einem gerechteren Bildungssystem oder wie die Karg-Stiftung es nennt, Begabungsgerechtigkeit zu tun? Was genau ist denn ungerecht?

Die Wahrnehmung kindlicher Begabungen ist sowohl auf Seiten der pädagogischen Fachkräfte als auch der Eltern stark von sozioökonomischen und kulturellen Variablen, ja sogar vom Geschlecht des Kindes beeinflusst. So wird bei Jungen bei gleichen Fähigkeiten häufiger eine besondere Begabung vermutet als bei Mädchen. Und die soziale wie kulturelle Herkunft wiederum hat großen Einfluss darauf, welche zukünftige Fähigkeitsentwicklung einem Kind zugetraut wird. Es ist wichtig, schon in den Kitas für diese Zusammenhänge zu sensibilisieren und darauf zu reagieren, damit Kinder eine Chance bekommen, ihre Stärken und Potenziale zu entdecken und zu entfalten.

Und wie kann frühe Bildung gerechter werden?

Die frühe Bildung ist weniger selektiv und an Leistungsnormen orientiert als das  Schulsystem. Darin liegt eine große Chance für mehr Bildungsgerechtigkeit. In Kitas kann der Fokus stärker auf das Anregen, das Ermöglichen, das Identifizieren und die Entwicklung von individuellen Begabungen in ganz unterschiedlichen Fähigkeitsbereichen gerichtet werden. Die Etikettierung von Kindern als begabt oder nicht begabt, besonders leistungsfähig oder leistungsbeeinträchtigt kann in den Hintergrund rücken. Ein kind- und ressourcenorientierter Blick ermöglicht den Fachkräften, für jedes Kind individuell Stärken und Potenziale zu identifizieren und ihre pädagogischen Interventionen darauf auszurichten. Auf diese Weise können Herkunftseffekte abgeschwächt und fehlende Vorerfahrungen kompensiert werden. Es werden Lernerfahrungen ermöglicht, die wichtige Weichen für die weitere Bildungsbiografie stellen.

Was hat sie an der „Kita des Jahres“, dem Familienzentrum Ludwig-Uhland-Straße, besonders beeindruckt?

Die Konsequenz, mit der sich das Familienzentrum genau diesen Fragen stellt: die Fachkräfte arbeiten täglich daran herauszufinden, welche Begabungen in „ihren“ Kindern stecken und was sie ihnen zu deren Entfaltung anbieten können. Die Erzieherinnen und Erzieher sind hier in stetem Dialog mit den Kindern und ihren Familien über deren individuelle Bedürfnisse und Potenziale und machen diese zum Ausgangs- und Mittelpunkt ihrer Arbeit. Sie reflektieren permanent, wie sie den Kindern weitest mögliche Selbstbestimmung in ihren Lernprozessen ermöglichen können und sind bereit, von und mit den Kindern sowie deren Eltern zu lernen. Im Ergebnis können sich die Kinder mit ihren Interessen und Talenten ausprobieren und Vertrauen in sich und ihre Stärken entwickeln.

Sie sind auch Jury-Mitglied. Was hat Sie bei der Sichtung der Unterlagen zu den Finalisten besonders beeindruckt?

Mich hat beeindruckt, wie vielfältig die Wege sind, mit denen die Kitas eine individuelle Entwicklung jedes Kindes unterstützen. Noch vor wenigen Jahren haben wir im Feld diskutiert, ob offene, teiloffene oder geschlossene Gruppen die richtige Betreuungsform für die Kinder darstellen, ob Montessori, situativer Ansatz oder Reggio das bessere Konzept bieten. Bei der Sichtung der Unterlagen ist mir nochmals klar geworden, dass das Nebenschauplätze sind.

Worum geht es Ihrer Meinung nach dann?

Es geht um die fortlaufende Reflexion von Fragen der professionellen Beziehungsgestaltung zu dem einzelnen Kind, die konsequente Umsetzung einer dialogischen Grundhaltung, um echtes Interesse an den individuellen Stärken, Potenzialen und Ressourcen jedes Kindes sowie an seinen jeweils aktuellen Motivationslagen sowie deren Einbindung in das alltägliche pädagogische Handeln. Die Finalisten haben mir gezeigt: Wenn diese Aspekte im Mittelpunkt des Bestrebens der Fachkräfte liegen, können Kinder – unabhängig von ihrer sozialen und kulturellen Herkunft – über sich hinauswachsen und Erwachsene sehen, was in ihnen steckt. Das Familienzentrum Ludwig-Uhland-Straße und die anderen Preisträger zeigen dies beispielhaft.  

Und was hat das mit Qualitätsentwicklung in Kitas zu tun?

Eine beständige Qualitätsentwicklung dient der Beantwortung spezifischer pädagogischer Herausforderungen in einem spezifischen Kontext, der sich wiederum fortlaufend verändert. Gelten in diesem Prozess die Suche und Förderung von Begabungen, von Stärken und von Fähigkeiten als unumstößliche Prämissen, verändert das den Kita-Alltag und die Zusammenarbeit in der Kita. Das gilt für die Kinder wie für die pädagogischen Fachkräfte und nützt damit allen.

Welche Schlüsse ziehen Sie für die Arbeit der Karg-Stiftung aus diesen Erkenntnissen?

Ich sehe darin eine Bestätigung dafür, dass wir auch weiterhin Fragen professioneller Haltung und Interaktionsgestaltung in der Aus- und Weiterbildung von frühpädagogischen Fachkräften fokussieren sollten. Wir werden von Erzieherinnen und Erziehern oft gefragt, wie sie Kinder mit besonderen Begabungen in ihren Einrichtungen fördern können und der Wunsch nach fertigen Rezepten ist groß. Doch einmal mehr fühlen wir uns darin bestätigt, dass eine gute, begabungsförderliche Qualität in Kitas eine Haltungsfrage ist.

Ansprechpartner

Karg-Stiftung
Sabine Wedemeyer
Ressortleiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Lyoner Straße 15
60528 Frankfurt am Main
Telefon: +49 69 665 62-113
Fax: +49 69 665 62-119
E-Mail: sabine.wedemeyer@karg-stiftung.de
Web: www.karg-stiftung.de


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