Die Hochschulreform und ihre schreckliche Wirklichkeit

Jürgen Habermas wird 80. Festakt in der (jetzt privatisierten Stiftungs-Universität) Frankfurt am Main. "Und dann – so berichtet Franziska Augstein in der SZ am 21./22. Juni 2009 – sagte Habermas ein paar Sätze, die das Publikum bewegten: ´In jedem Seminar kann ein neues Gesicht auftauchen´, ein Student, der ´einen unerwarteten Stein ins Wasser´ wirft. ´Das ist das Außerordentliche des universitären Lebens und Lernens.´ Er [Habermas] glaubt, dass es im Seminar ´nur so lange mit rechten Dingen zugeht, wie auch der Professor von seinen Studenten etwas lernen kann´." Das ist – im Jahre 10 von "Bologna" – "Humboldt pur". Und zwar deshalb:

02.07.2009 Artikel
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Eine "neue" Universität wird gegründet

Vor genau 200 Jahren, im Mai und Juli 1809, verfasste der Chef der Sektion für Kultus und öffentlichen Unterricht in der preußischen Staatsverwaltung, Wilhelm von Humboldt, zwei Schreiben im Zusammenhang mit der Errichtung einer neuen Universität in Berlin. Die Angelegenheit war seit Jahren anhängig, der König hatte im Herbst 1807 die Gründung bereits genehmigt, jetzt ging es um die konkreten Modalitäten und ihre Begründung. Darüber, über die "Humboldt´sche Universität", wird 200 Jahre später im Zusammenhang mit dem derzeitigen "Bologna-Prozess" viel Unsinn geschrieben. Worum ging und geht es?

Die Gründung einer Universität in der preußischen Hauptstadt Berlin war unstreitig. Jedoch: Sollte es eine "höhere Lehranstalt" nach dem Muster der herkömmlichen Universitäten mit ihren Berufsfakultäten sein, die die Beamten bzw. Akademiker (Geistliche, Ärzte, Juristen, Verwaltungsbeamte) ausbildeten? Diesem ursprünglichen Plan folgte Humboldt nicht. Oder eine Ausbildungsstätte nach Art einer Fachhochschule wie der kürzlich gegründeten École polytechnique in Paris? Auch nicht. Was dann? Humboldt behielt die Bezeichnung "Universität" aus Verlegenheit bei, weil ihm keine passende Bezeichnung einfiel für seine "neue" Universität, die keine "höhere Lehranstalt", sondern eine "höhere wissenschaftliche Anstalt" sein sollte: nicht die Ausbildung künftiger Staatsdiener bzw. Akademiker sollte das sie organisierende Prinzip sein (wiewohl die Ausbildungsfunktion natürlich nicht aufgegeben werden sollte und konnte), sondern die Entwicklung von Wissenschaft und durch sie die Verbreitung von "ächt wissenschaftlicher Bildung".

Wie Humboldt sich das praktisch vorstellte, skizzierte er in einem gleichzeitigen Hintergrundtext "Über die innere und äußere Organisation der höheren wissenschaftlichen Anstalten zu Berlin" (zu denen auch die Akademien der Wissenschaften und der Künste, die wissenschaftlichen Institute usw. gehörten). Enthielten die beiden ersten Schreiben vor allem Hinweise auf Sachstand und Beschlusslage sowie Finanzierungsvorschläge, so formulierte Humboldt in dem anderen Text seine "Idee" der Universität.

Die "Idee der Universität" – die "Idee des Wissens"

  • (1) Die Universität müsse zunächst den "vollendeten Schulunterricht mit dem beginnenden Studium unter eigener Leitung" verbinden bzw. den Übergang bewerkstelligen, bezogen auf die Einführung in Wissenschaft. "Wissenschaft" verstand Humboldt nicht als das Insgesamt von Wissensbeständen, sondern als die Form des Wissens: als Methode wissenschaftlichen Denkens, als kritische Erörterung. "Schule hat es nur mit fertigen und abgemachten Kenntnissen zu tun und lernt", die neue Universität jedoch soll kein Ort des Lernens, sondern des Forschens (und Denkens) sein. Wissenschaft sollte nicht verstanden werden als Korpus geordneten Lehrbuchwissens wie in der alten Universität vor 1800 (und jetzt der allerneuesten nach "Bologna"), sondern als lebendiger Prozess der Hervorbringung neuen Wissens: Die neue Universität soll "die Wissenschaft immer als ein noch nicht ganz aufgelöstes Problem behandeln und dabei immer im Forschen bleiben". Die Grundlage der "Idee" dieser "neuen" Universität (mit altem Namen) ist die neue "Idee des Wissens": nicht Überlieferung und Tradition, sondern Forschung und Innovation. Dadurch wurde die "Humboldt´sche Universität" ein internationaler Exportschlager, dadurch schuf sie den internationalen "Wissenschaftsraum", den der "Bologna-Prozess" in Deutschland wieder verrammelt.

  • (2) Für Humboldt ist ein Universitätslehrer nicht als Lehrender für Lernende da; denn Lehre soll Anleitung zum Selbststudium sein und nicht Vermittlung von Wissen (was ohnehin bekanntlich besser durch eigenes Lesen geschieht!). Außerdem werden wache Studierende benötigt, um mit ihren Fragen die Professoren munter und innovativ zu halten. Eine Vorlesung solle "Wissenschaft als solche" vortragen: Fragestellungen und Methoden, Entdeckungen und Kontroversen, Zusammenhänge von Theorie und Praxis, kurz die Theoretik, Logik, Systematik und Pragmatik eines Faches. Dafür gab es bereits Vorbilder in der Theologie an der Universität Halle (die Preußen verloren hatte) und in der Philosophie an der Universität Jena; auch Schillers Jenenser Antrittsvorlesung vom Mai 1794 "Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?" ist dafür ein Beleg: Er fordert fürs Studium den "philosophischen Kopf" im Gegensatz zum "Brotstudenten", dessen Ausbildungsziel lediglich employability und der von Wissenschaft innerlich unberührt sei. Diese "neue" akademische Lehre, so Humboldt, solle das Medium sein, um "eine bedeutende Zahl selbst mitdenkender Köpfe" anzufeuern, so dass die Wissenschaft, "wo sie immerfort in einer großen Menge und zwar kräftiger, rüstiger und jugendlicher Köpfe herumgewälzt wird, rascher und lebendiger" sich entwickeln wird. Der Vortrag von Wissenschaft, vom Professor selbsttätig angeeignet und nicht von einem "Hochschullehrer" aus Lehrbüchern zusammengestoppelt, führt nach Humboldts Überzeugung unvermeidlich zu neuen wissenschaftlichen Fragestellungen und Einsichten – bei beiden, Professor und Student, durch gegenseitige Anregungen, und dies ist der Sinn der Formel der Einheit (Verbindung) von Forschung und Lehre: Sie meint eine Verbindung von Personen, erst sekundär die Institution. Die Standardisierung der Lehre durch Pflicht-Module hingegen, sofern sie diese Einheit aufhebt, begünstigt die zyklische Wiederholung geistiger Bedürfnislosigkeit durch "Lehrkörper", denen die abfrage- und testorientierte Lehre folgerichtig nur noch lästig ist.

  • (3) "Die Universität … steht immer in engerer Beziehung auf das praktische Leben und die Bedürfnisse des Staates, da sie sich immer praktischen Geschäften für ihn, der Leitung der Jugend, unterzieht". Die "moderne" Universität bearbeitet nicht unmittelbar die praktischen Geschäfte der Gesellschaft selbst – wie sollte sie auch? –, sondern mittelbar dadurch, dass sie Kopf und Charakter "der Jugend" zu bilden bzw. deren Selbstbildung zu fördern bestrebt ist für die spätere Wahrnehmung dieser Geschäfte aus dem Geiste der Wissenschaft, d.h. aus dem Geiste der kritischen Distanz und dem Ethos der Verantwortung. Das ist der Sinn der Formel von Einsamkeit und Freiheit als Bedingungen der Hervorbringung von neuer Wissenschaft und der Selbstbildung durch sie. Und das ist der Grund dafür, dass sich Wissenschaft und Forschung nicht an die unmittelbaren herrschenden gesellschaftlichen Bedürfnisse anschließen und sich von deren Interessen vereinnahmen lassen dürfen, weil sie dann ihr Ziel verfehlen würden, alternative Theorien und Praxen zu denken und zu begründen. Der "Elfenbeinturm" ist nicht die Fehlform, sondern die Hochform der modernen Universität als "höherer wissenschaftlicher Anstalt".

  • (4) Wer die "Anhäufung toter Sammlungen [von Wissen] für die Hauptsache" hält, verkennt die Gefahr, dadurch "den Geist abzustumpfen und herabzuziehen". Vielmehr gehe es darum, "unablässig sie (die Wissenschaft) als solche zu suchen. Sobald man aufhört… oder sich einbildet, sie brauche nicht aus der Tiefe des Geistes heraus geschaffen, sondern könne durch Sammeln extensiv aneinandergereiht werden, so ist Alles unwiederbringlich und auf ewig verloren… Denn nur die Wissenschaft, die aus dem Innern stammt und ins Innere gepflanzt werden kann, bildet auch den Charakter um, und dem Staat ist es ebenso wenig als der Menschheit um Wissen und Reden, sondern um Charakter und Handeln zu tun." Das ist der Sinn der Formel "Bildung durch Wissenschaft", und dies ist der Grund dafür, warum die Freiheit der Wissenschaft ein durch die Verfassung geschütztes Gut ist, weil sie einem Staatszweck dient, den der Staat selber nicht realisieren kann: der wissenschaftlich vorgebildete Akademiker, der befähigt sein muss, situativ-pragmatisch sein Handeln z. B. als Arzt, Richter und Lehrer insbesondere in unvorhergesehenen Situationen selbstverantwortlich (Charakter) an Prinzipien einer Praxis ausrichten zu können und nicht nur vorgegebene Regeln einer Arbeitstechnik auszuführen.

"Humboldt" oder "Bologna"?

Humboldt verknüpfte "Prinzip und Ideal" der "neuen" Universität und der "neuen" Wissenschaft zu "Einer Idee". Eine Idee ist nicht schon ihre Realität, die – das ist ihre Stärke! – mancherlei Gestalt annehmen kann: der Verfassungsstaat, die Gleichberechtigung usw. Ob ein Prinzip befolgt werden kann, hängt von Umständen ab, die seine Geltung begrenzen mögen, aber nicht aussetzen können: eine schlechte Gewaltenteilung ruft nicht nach ihrer Abschaffung, sondern fordert zu ihrer Verbesserung heraus! Und "das Ideal" ist nicht "das Leben", aber kann ihm Licht und Leitstern sein.

Humboldts "Idee der Universität" war damals wie heute Realität lediglich in jenen Bereichen bzw. Nischen des forschenden Lehrens und lernenden Forschens, die damals wie heute als "im Kern gesund" dastehen: in den Arbeitsgemeinschaften der Lehrenden/Forschenden und Studierenden. Dass eine Universität, die vor 150 Jahren grade mal so viele Studenten hatte wie heute ein mittleres Fach und heute in Tausendern insgesamt 20 oder gar 40 mal so viele Studierende umfasst, unvermeidlich auch andere Wege in Forschung, Lehre und Studium einschlagen muss, bezweifelt kein vernünftiger Mensch, und die Diskussion darüber beherrscht die deutsche Universitäts-Reformdiskussion seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs: Die von Humboldt geforderte und heute weitgehend verloren gegangene "Passung" von Gymnasium und Studium muss in Ordnung gebracht werden (College-Jahr), ein von Tutoren betreutes Einführungsstudium, ein vertiefendes Projektstudium (forschendes Lernen) – und nicht das Gegenteil von 32 Semester-Wochen-Pflichtstunden mit real 50 Stunden Zeitaufwand, so dass in diesem Studium keine Zeit mehr bleibt – fürs Studieren!

Auch die viel beschworene "Humboldt´sche Universität" hatte mehr "Brotstudenten" als "philosophische Köpfe", aber sie überließ es der Eigenverantwortung des Einzelnen, welcher Gruppe er sich schlussendlich zurechnen wollte – was ihm niemand verübelte. Studieren war, wie die Wissenschaft selbst, ein Experiment mit offenem Ausgang. Den damit verbundenen individuellen Risiken ist die "Humboldt´sche Universität" mindestens seit dem Zweiten Weltkrieg institutionell nicht hinreichend entgegen gekommen, und der Öffnungsbeschluss der Ministerpräsidenten Anfang der 1970er Jahre und die fortschreitende Unterfinanzierung verschärften die Situation bis heute. Ihre defizitäre Betriebsförmigkeit rechtfertigt jedoch auf gar keine Weise, sie ihrer "Idee" zu berauben. Die defizitäre Realität, gemessen am regulativen Prinzip einer Idee, als gewollte Normalität durchzusetzen, kam hierzulande seit Humboldt nur den Akteuren des Bologna-Prozesses in den Sinn (übrigens gegen den ausdrücklich formulierten Geist und Buchstaben der ursprünglichen Bologna-Erklärung!). Das Studieren als befreiende und freie Geistestätigkeit – was auch zu Humboldts Zeiten längst nicht für alle Studenten in allen Fächern und Fachrichtungen galt – durch das Absitzen von Modulen und Ausspucken von Lernleistungen für Leistungsnachweise zu ersetzen, ignoriert und beleidigt den mitdenkenden, "feurigen", rüstigen jugendlichen Kopf und zwingt ihn herab zum abstumpfenden Anhäufen für ihn toten Wissens. Die Behauptung, dass das auch im Bachelor-Master-System vermieden werden könne, ist ohne das nötige Personal, ohne die erforderliche materielle Ausstattung und ohne die Vollfinanzierung des Studiums schlicht Lug und Trug. Einstweilen regiert ein verschärfter Numerus clausus.

Humboldt dachte seine Universität gemäß seiner Idee von innen heraus, vom Wissenschaftsprozess, vom Forschen und Studieren her; die äußere Organisation war eher nebensächlich, wenn denn der Staat sich raushalten würde. Die "Bologna-Universität" ist von außen her oktroyiert, von imaginären Ausbildungszielen in lokale Studiengänge gepresst, die in nicht minder imaginäre Arbeitsmärkte einmünden sollen, die sich bekanntlich rascher wandeln als es sich die akademische Lehre träumen lässt; eine "Idee des Wissens" oder eine Idee ihrer selbst jenseits der Module hat sie nicht. Sie ist wieder die vormoderne berufsvorbereitende "Hohe Schule" bzw. nach heutigen Maßstäben vielfach nur noch Fachhochschule minderer Qualität – eine Situation, die durch die "Exzellenz-Initiativen" gewollt und verschärft wird.

Seit Humboldt hat es in Deutschland kein politisches Regime und keine Wissenschaftsbürokratie zuwege gebracht, die innere Organisation der Universität als "höherer wissenschaftlicher Anstalt" tatsächlich so zu verändern, dass (Humboldts) Idee und Prinzip der "neuen" Universität keine Rolle mehr spielen (sollen). Dieser Fall tritt mit der "Bologna-Universität" ein. Ihr Skandal wäre ja nicht die Optimierung des Studiums, jeweils für "Brotstudenten" und für "philosophische Köpfe" (was man zu Recht von jeder besseren gymnasialen Oberstufe erwartet und was der "Humboldt´schen Universität" infolge Unterausstattung nicht ermöglicht wurde). Der tatsächliche Skandal ist die bürokratisch-systemische Unterstellung der "Bologna-Universität", studentische Kreativität sei im Prozess der Einarbeitung in und der Aneignung von Wissenschaft bloß Zeitverschwendung, das Verlassen ausgetretener Pfade eher hinderlich, eigene Schwerpunkte und Profile (auch die Fachgrenzen überschreitend) Luxus für einige wenige in den Graduate-Schools sei. Das ist "Verschulung", das Verhindern geistiger Entfaltung zugunsten stupiden Lernens, kurz: die Nötigung des Sich-Anbequemens an vordefinierte Mittelmäßigkeit für alle.

Schrecklicher konnte die in den 60er Jahren bekämpfte "technokratische Hochschulreform" gar nicht Wirklichkeit werden. Das ist der Grund und das Recht der Rückbesinnung auf Humboldt und seine "Idee der Universität". Das ist der Grund, warum Gymnasiasten (!) und Studierende zu Zehntausenden auf die Straße gehen – unterstützt von immer noch zu wenig Professorinnen und Professoren –, um die Öffentlichkeit darauf aufmerksam zu machen, dass die Universitäten sowohl in einem aufgezwungenen "Bologna-Prozess" als auch in einem willfährigen Prozess der Selbstzerstörung im Begriff sind, die junge Generation um ihre geistige Zukunft und damit die Gesellschaft um die Hervorbringung eines breiten geistigen Zukunftspotenzials zu betrügen.

Zur Person

Dr. Ulrich Herrmann war Professor für Allgemeine und Historische Pädagogik an der Universität Tübingen und Leiter des Seminars für Pädagogik an der Universität Ulm. Der im Jahr 2004 emeritierte Wissenschaftler leitet das Forum Kritische Pädagogik und das Pädagogische Journal


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