Gastbeitrag

Die Situation von Geflüchteten auf dem Weg ins Studium

Erste Einsichten aus dem Projekt WeGe: Als in den Jahren 2014 bis 2016 verstärkt Menschen nach Deutschland kamen, um hier Asyl zu suchen, erlebten die Hochschulen einen starken Anstieg der Beratungs- und Studienvorbereitungsnachfrage.

31.08.2018 Bundesweit Artikel Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung
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Als in den Jahren 2014 bis 2016 verstärkt Menschen nach Deutschland kamen, um hier Asyl zu suchen, erlebten die Hochschulen einen starken Anstieg der Beratungs- und Studienvorbereitungsnachfrage. Nach den Erhebungen des Sozio-ökonomischen Panels verfügten etwa 32 % der Geflüchteten über weiterführende Schulabschlüsse und 19 % hatten sogar bereits ein Studium begonnen (Brücker et al. 2016). Die Hochschulen haben seither studienvorbereitende Maßnahmen deutlich ausgebaut oder neu aufgesetzt. Dabei werden sie durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), Landesministerien und den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) u. a. im Rahmen des Programms „Integration von Flüchtlingen ins Fachstudium“ (Integra) gefördert.

Mit dem Forschungsprojekt WeGe (Wege von Geflüchteten an deutsche Hochschulen) untersucht das DZHW erstmals in Deutschland die Bedingungen eines erfolgreichen Studienzugangs für Geflüchtete (vgl. Infobox 1). International liegen bisher wenige Studien vor, die sich auf diese Fragestellung beziehen lassen und in Deutschland fokussiert die Forschung stark auf Hochschul-Governance (Schammann und Younso 2016). Das Projekt WeGe richtet sich hingegen auf die Perspektive studieninteressierter Geflüchteter. Einsichten aus der ersten Projektphase, bestehend aus leitfadengestützten Interviews, einer umfangreichen Literaturstudie sowie der Auswertung von Teilnahmestatistiken des Integra-Programms, wurden für diesen DZHW-Brief aufbereitet.

Infobox 1

Projekt „Wege von Geflüchteten an deutsche Hochschulen – WeGe“
Das Projekt begleitet studieninteressierte Geflüchtete und internationale Studierende, die an deutschen Hochschulen und Studienkollegs einen studienvorbereitenden Sprachkurs oder einen fachlichen Schwerpunktkurs (Studienkolleg) besuchen, auf ihrem Weg ins Studium (Abb. 3). Einem Mixed-Methods-Ansatz folgend werden zunächst qualitativ-explorative Interviews geführt und anschließend eine qualitative und quantitative Längsschnittstudie aufgebaut.

Wie ist der Hochschulzugang für Geflüchtete in Deutschland geregelt?

Geflüchtete durchlaufen unabhängig vom Status ihres Asylverfahrens einen besonderen Bewerbungsprozess an deutschen Hochschulen, bei dem ihre Hochschulzugangsberechtigungen (HZB) und Deutschkenntnisse überprüft werden. Wichtige Stellen, mit denen die Hochschulen dabei häufig zusammenarbeiten, sind die Zentralstelle für ausländisches Bildungswesen (ZAB) und der Verein uni-assist. Die ZAB hat die Aufgabe, die Vergleichbarkeit der ausländischen HZB mit einer deutschen HZB zu bewerten. Uni-assist nimmt eine Vorprüfung der Bewerbungsunterlagen vor, auch im Hinblick auf mögliche hochschul- und studiengangsspezifische Anforderungen.

Zugangsweg 1: Direkter Hochschulzugang
Wird die Äquivalenz des Schulabschlusses aus dem Herkunftsland mit dem deutschen Abitur festgestellt oder besteht bereits ausreichend Studienerfahrung aus dem Ausland, kann ein Studium unter der Voraussetzung des Nachweises ausreichender Deutschkenntnisse (in der Regel auf dem Niveau C1 des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens für Sprachen) direkt begonnen werden.

Zugangsweg 2: Indirekter Hochschulzugang
Wird die Äquivalenz der HZB nicht bestätigt, ist ein indirekter Hochschulzugang über eine am lokalen Studienkolleg durchgeführte Feststellungsprüfung möglich. Zur Vorbereitung auf diese Prüfung werden die Bewerber*innen an den Studienkollegs nach bestandenem Aufnahmetest je nach fachlicher Ausrichtung ihres Studienwunsches zu sogenannten Schwerpunktkursen zusammengefasst. Schwerpunktkurse in den Studienkollegs umfassen M-Kurse für medizinische, biologische und pharmazeutische Studiengänge, T-Kurse für mathematisch-naturwissenschaftliche oder technische Studiengänge, W-Kurse für wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Studiengänge, G-Kurse für geisteswissenschaftliche Studiengänge oder Germanistik sowie S-Kurse für ein Sprachstudium (http://www.studienkollegs.de/Studienkollegsarten.html, Zugriff am 07.08.2018). Neben der fachlichen Vorbereitung sollen die Studierenden im Rahmen der zweisemestrigen Kurse das erforderliche Deutsch-Niveau C1 erreichen. Mit dem Ergebnis der Feststellungsprüfung liegen die Voraussetzungen für eine Bewerbung an einer deutschen Hochschule vor. Die Feststellungsprüfung kann auch als Externenprüfung abgelegt werden, ohne dass zuvor ein Studienkolleg besucht wurde.

Für Geflüchtete, die sich an einer deutschen Hochschule bewerben, gelten i.d.R. dieselben Zulassungsquoten wie für andere Bewerber*innen aus Nicht-EU-Ländern. Um Studienplätze in zulassungsbeschränkten Studiengängen müssen sie mit dieser Gruppe konkurrieren.

Welche Qualifikationen bringen studieninteressierte Geflüchtete mit?

Auswertungen der Teilnahmenachweise aus dem Förderprogramm Integra ermöglichen einen Eindruck von der Zusammensetzung der Zielgruppe (Fourier et al. 2017). Es zeigt sich, dass in 2016 von den insgesamt 6.806 Teilnehmer*innen 84 % studienvorbereitende Kurse an einer Universität, Fachhochschule oder Kunsthochschule besucht haben. Die restlichen 16 % absolvierten eine Studienvorbereitung an Studienkollegs (vgl. Abb. 1). Die Verteilung spiegelt die beschriebenen Zugangswege insofern wider, dass die Studienkollegs den indirekten Hochschulzugang organisieren, die Hochschulen in der Regel den direkten. Da im Jahr 2016 viele studieninteressierte Geflüchtete noch damit beschäftigt waren, die Voraussetzungen für den Zugang zum Studienkolleg zu erreichen (i.d.R. mindestens Deutsch Niveau B1 und bestandener Aufnahmetest), kann zukünftig mit einer Zunahme des Anteils von Kursteilnehmer*innen aus Studienkollegs ausgegangen werden. Betrachtet man die Herkunftsländer der Integra-Teilnehmer*innen, wird Syrien mit großem Abstand (75 %) am häufigsten genannt. Jeweils 6 % geben Afghanistan und Iran und weitere 3 % den Irak als Herkunftsland an (Fourier et al. 2017: 16). Damit liegt der Anteil syrischer Geflüchteter deutlich über den 42 % in der Befragung von Geflüchteten des Sozio-ökonomischen Panels (Brücker et al. 2016). Da ein syrisches Abitur mit mindestens 70 von 100 Punkten zum direkten Hochschulzugang berechtigt, ist daher auch weiterhin von einer hohen Bedeutung sprachlicher Vorbereitungskurse an Hochschulen auszugehen. Wie Abbildung 2 zeigt, verfügt rund die Hälfte der Integra-Teilnehmer*innen bereits über Studienerfahrungen oder Hochschulabschlüsse aus dem Ausland. Auch diese Zahlen deuten darauf hin, dass ein erheblicher Teil der studieninteressierten Geflüchteten über den direkten Zugangsweg ins Studium gehen kann.

Bezogen auf die Zugangswege zeigen Auswertungen der Bewerbungsdaten von uni-assist e.V. (Datenerhebung im Zeitraum von März 2016 bis Juni 2017), dass über 60 % der Bewerber*innen, die das kostenfreie Prüfverfahren für Geflüchtete in Anspruch nahmen, eine Berechtigung zum Erststudium an einer deutschen Hochschule haben. Dieser Anteilswert setzt sich aus 49 % mit direkter und 12 % mit indirekter HZB zusammen. Bewerber*innen aus Syrien verfügen sogar zu 56 % über eine direkte HZB. Fast einem Fünftel (19 %) aller Bewerber*innen wurde die Berechtigung für ein weiterführendes Studium anerkannt. Die restlichen ca. 20 % haben einen ungeklärten oder abgelehnten Berechtigungsstatus (Fourier et al. 2017: 25).

Welche Herausforderungen bestehen beim Hochschulzugang?

Auf Basis der Informationen aus leitfadengestützten Interviews mit Teilnehmer*innen studienvorbereitender Kurse und Expert*innen (vgl. Infobox 2) arbeiteten wir eine Reihe von Herausforderungen beim Hochschulzugang auf individueller, sozialer und institutioneller Ebene heraus.

Die wichtigste individuelle Herausforderung geht aus Sicht der Interviewten neben dem Spracherwerb auf höchstem Niveau aus unterbrochenen und fragmentierten Bildungsbiografien hervor. Fachliches Wissen muss wieder aufgefrischt oder Wissenslücken gefüllt werden. Gleichzeitig ringen studieninteressierte Geflüchtete in Sprachkursen und beim selbstorganisierten Lernen mit dem Erwerb der Sprache und erforderlichen Sprachzertifikate. Die Kursteilnehmer*innen sehen sich stark auf ihren eigenen Willen zu Lernanstrengungen angewiesen sowie auf ihre Offenheit gegenüber Einheimischen, um schnell Anschluss zu finden und Lerngelegenheiten zu haben. Umso enttäuschender ist es für sie, wenn diese Offenheit nicht auf entsprechendes Entgegenkommen trifft.

Damit wird auf Ebene der sozialen Herausforderungen zugleich das Problem sozialer Isolation berührt. Vorbereitungskurse ohne Personen der gleichen Herkunftssprache oder das Zusammenfallen von kulturellem und geschlechtlichem Minderheitenstatus bergen besondere Risiken. Zugleich berichten die Kursteilnehmer*innen aber auch von funktionierenden interkulturellen Lerngruppen und Freizeitaktivitäten, die ihren Ausgangspunkt in den Vorbereitungskursen nehmen. Entscheidend scheint die Kurszusammensetzung zu sein – starke Homogenität der Teilnehmer*innen erschwert in der Wahrnehmung unserer Interviewten das gemeinsame Sprachlernen. Ein kollaboratives Lernklima und gezieltes Bemühen von Lehrenden um die Entstehung von Lerngruppen oder die soziale Vernetzung werden positiv beurteilt.

Insbesondere außerhalb der Vorbereitungskurse berichten die Interviewteilnehmer*innen von erfahrener Respektlosigkeit und Diskriminierung und müssen sich mit fremdenfeindlichen Vorstellungen auseinandersetzen. Sorgen bezüglich der Situation von Angehörigen können die Konzentration auf das Lernen zusätzlich erschweren – ein Problem, das insbesondere für Studierende aus Syrien, die seit Ausbruch des Bürgerkriegs nach Deutschland gekommen sind, Folgen für die Studienvorbereitung hat.

Institutionelle Herausforderungen bestehen offenbar bereits im Vorfeld der Studienvorbereitung in Qualitätsmängeln und mangelnder Zielgruppenorientierung bei Integrationskursen und Deutschkursen einiger Bildungsträger außerhalb des Hochschulbereichs. Das private Kursangebot ist für Geflüchtete oft unübersichtlich. Beides bestätigen unsere interviewten Kursteilnehmer*innen und Expert*innen unabhängig voneinander. Auch fällt es Geflüchteten zunächst schwer, das deutsche Hochschul- und Berufsbildungssystem zu durchschauen. Für beide Probleme wird eine frühzeitige und zielgruppenorientierte Beratung als hilfreich eingeschätzt. Die Unterschiedlichkeit der Bewerbungsverfahren der vielen Hochschulen in Deutschland sowie Zulassungsbeschränkungen für ausländische Studierende verunsichern die studieninteressierten Geflüchteten zusätzlich. Am Übergang vom Asylleistungsoder Grundsicherungsbezug ins Studium können zudem empfindliche Finanzierungslücken entstehen. Nicht zuletzt erschweren Diskriminierung auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt und lange Pendelwege die Studienvorbereitung.

Die drei genannten Ebenen beeinflussen sich wechselseitig, sodass z. B. individuelle Herausforderungen durch soziale oder institutionelle Faktoren verstärkt werden.

von Michael Grüttner, Stefanie Schröder, Jana Berg und Carolin Otto

Erstveröffentlichung und vollständiger Beitrag: DZHW-Brief 05 2018 (hier finden sich zugehörige Quellen und Abbildungen)


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