Erst kommt die Positive Peerkultur – dann der Matheunterricht

Peergroups, das sind Gruppen von gleichaltrigen Kindern oder Jugendlichen, werden von Erwachsenen gern unter negativen Vorzeichen gesehen, geht es ihrer Meinung nach in diesen Zirkeln allzu häufig nur um Gewalt, Verweigerung oder Drogen. Prof. Dr. Günther Opp von der Uni Halle verfolgt einen ganz anderen Ansatz: Mit der Positiven Peerkultur setzt er auf die Fähigkeiten der Kinder und Jugendlichen, ihre Probleme selbst zu klären und Aufgaben gemeinsam bewältigen zu können. Im Gespräch mit bildungsklick berichtet der Wissenschaftler über dieses Konzept und über eine etwas ungewöhnliche Institutsgründung.

28.05.2009 Artikel

Eine falsche Bezugsgruppe sei natürlich immer eine Gefahr, räumt Opp ein. Mit der Positiven Peerkultur hingegen lasse sich ein Kontrapunkt setzen: "Wir versuchen die Positive Peerkultur als einen Pol zu entwickeln, wo die Kinder etwas finden, was sie ganz dringend brauchen", erläutert der Wissenschaftler. Kinder bräuchten aber nicht nur Peers, stellt er vorbeugend richtig. "Nein, Kinder brauchen Erwachsene. Aber Kinder brauchen auch Kinder, Jugendliche brauchen Jugendliche, Peers brauchen Peers. Und Kinder, die wenig Erwachsenenunterstützung bekommen, brauchen, wenn sie schon keine Erwachsenen finden, mindestens Peers, die sie halten und stützen."

In den USA, wo Positive Peerkultur vor allem in Heimen für straffällige Jugendliche angewandt wurde, hat Opp das Konzept vor einigen Jahren kennen gelernt. "Wir haben diesen Gedanken noch ein Stück weiter entwickelt - universeller, nämlich als Erziehungsgedanken", erklärt der Pädagoge, der vor fünf Jahren kurzerhand das Projekt mit viel Enthusiasmus und Begeisterung in Halle startete.

Der Start

"Ich bin an Schulen gegangen, in denen ich wenigstens einen Lehrer kannte, der mir gesonnen war und fragte ihn, welche Kinder von einem solchen Gruppenangebot profitieren könnten. Wir haben keine Jugendlichen aufgenommen, die von ihren Aggressionen profitierten. Wir hatten Kinder, die auch mit Aggressionen auffielen, aber es waren nicht die Kinder, die mit ihren Aggressionen Erfolg hatten, sondern eher Kinder, die auf dem Schulhof nicht akzeptiert waren, die in ihren Klassenverbänden nicht aufgenommen waren, die am Rande standen - Außenseiter." Trotz Enthusiasmus waren die Bedenken anfangs groß, ob das Konzept überhaupt aufgehen würde und ob die Kinder und Jugendlichen positiv auf das Angebot reagieren würden. Die Praxiserfahrungen nahmen jedoch auch den größten Bedenkenträgern den Wind aus den Segeln.

"Wir waren erstaunt, wie schnell das Konzept von den Jugendlichen wirklich angenommen wurde. Mein Eindruck ist, dass Kinder sehr schnell spüren, wenn sie ernst genommen werden, wenn ihre Probleme, ihre inneren Themen ernst genommen werden", berichtet Opp und belegt dies mit einem Beispiel. "Wir hatten eine Regel aufgestellt, die besagte, alles was im Raum besprochen wird, bleibt hier. Das ist ja hoch riskant. Aber wie haben nie erlebt, dass Kinder das ausgenutzt haben. Dahinter steckt ein einfaches Prinzip, wirklich ein moralisches Prinzip: ´Den Schutz, den ich selber verlange, gewähre ich auch den anderen, denn nur das schützt mich."

Die Erwachsenen sind nur Moderatoren

Und so funktioniert Positive Peerkultur: Die Gruppen aus sechs bis zehn Kindern und Jugendlichen treffen sich wöchentlich. Sie haben ein festes Rahmenprogramm – gemeinsam wird der Raum vorbereitet, der Tisch gedeckt, Tee gekocht und auch aufgeräumt und abgewaschen. Während die Erwachsenen lediglich als Moderatoren agieren, unterstützen sich die Peers in den Gesprächen gegenseitig und helfen sich bei problematischen Situationen. Sie erleben, dass andere Jugendliche ähnliche Probleme wie sie selbst haben und dass sie damit nicht allein sind. Sie genießen also ein Gemeinschaftsgefühl, erläutert Opp. "Immer dann, wenn wir den Kindern ein Forum geben, das es ihnen ermöglicht, Probleme, die ihnen wichtig sind, untereinander zu besprechen, haben wir ihnen einen guten Raum gegeben. Sie können dann die Themen in Formen diskutieren, wie wir sie uns vorstellen, nämlich: ´Du redest. Wenn du ausgeredet hast, spreche ich. Dein Thema. Mein Thema. Eins nach dem anderen.´ Wir ziehen die Alltagskonflikte ein Stück aus den üblichen Peerformen heraus, die ja in der Regel die sind ´du musst cool sein, du darfst keine emotionale Betroffenheit zeigen´. Diese Peerkultur wollen wir den Kindern nicht vorenthalten, die sollen sie durchaus auch haben, aber diese Peerkultur allein hilft ihnen nicht, Herr ihrer Probleme zu werden."

"Die Kinder sind belastet"

Und diese Probleme, weiß Opp, sind oft erdrückend. Er berichtet von einer fünfzehnjährigen Schülerin. "Ihr Vater hatte sich noch nie um sie gekümmert, sie kannte ihn gar nicht. Und plötzlich versuchte der Vater, über das Jugendamt Kontakt mit seiner Tochter aufzunehmen. In dieser Situation kommt das Mädchen in die Schule - aufgelöst von zwei konträren Wünschen: ´Ich will meinen Vater, der mich so vernachlässigt hat, bestrafen´, und der andere Wunsch, der gleichzeitig stark ist: ´Ich will meinen Vater endlich kennen lernen´. Zerrissen zwischen solchen Gefühlen kommen Kinder in die Schule und wir sagen zu ihnen: ´Schlagt das Buch auf, Seite 50.´ Das funktioniert nicht. Die Kinder, die wir sehen, sind so belastet von häuslichen und sozialen Problemen, dass man nicht mehr davon ausgehen kann, Unterricht einfach so zu halten. Man muss zunächst die sozialen Voraussetzungen schaffen, um Unterricht überhaupt halten zu können."

Oder anders ausgedrückt: Vor dem Matheunterricht kommt die Positive Peerkultur. Aber "die Schulen definieren sich immer mehr über Lernvermittlung und Stoffvermittlung und gehen weg von ihren Erziehungsaufgaben", kritisiert Opp und plädiert für ein Umdenken. "Ich glaube, dass wir den falschen Fokus haben. Wir kümmern uns eher darum, ob wir noch ein Fach einrichten sollen: Ethik, Physik, Erdkunde, Geschichte, Englisch, Deutsch, Religion, Kunst – jedes Fach ist unglaublich bedeutsam. Für die Kinder bildet das keine Einheit mehr, sondern fragmentiert Weltwissen in Einheiten, die die Kinder nicht mehr zusammenbringen und verstehen können. Und dazu erhöhen wir die Angst vor dem Bildungsscheitern - ganz besonders in den Gymnasien. Das Ganze konzentriert sich schließlich auf die Familien, die ihren Kindern entweder helfen können oder nicht. Das heißt, dass viele Kinder – sofern sie nicht wirklich Überflieger sind – in den Schulen scheitern. Und das trifft vor allem Jungs und Kinder mit Migrationshintergrund. Das ist gesellschaftlich hoch problematisch. Ich glaube, dass der Fokus, der in den Schulen gegenwärtig auf Leistung liegt, ein sehr problematischer ist. Hier kann die Positive Peerkultur eine Scharnierstelle sein. Und es ist absolut sinnvoll, dafür eine oder auch zwei Schulstunden in der Woche einzusetzen."

"Die Pädagogik muss sich mehr um Intervention kümmern"

Doch nicht nur in den Schulen sollte sich nach Meinung des Wissenschaftlers etwas ändern. Opp blickt auch in die Universitäten. "Natürlich ist Forschung wichtig. Aber ich glaube, wir wissen wahnsinnig viel über Kindheit und kindliche Entwicklung. Angesichts der Probleme, mit denen wir konfrontiert sind, muss sich die Pädagogik mehr um Intervention kümmern - durchaus forschungsgestützte Interventionsansätze. Wir können uns nicht vor den realen Problemen hinter der Forschung verstecken. Wir müssen viel konsequenter die Frage stellen, wie wir die scharfe Exklusion angehen können, die wir in den Schulen erleben, und die offensichtlich die Kinder sehr tief verletzt. Wir dürfen nicht nur fragen, wie wir am Ende eine Elite kriegen, sondern wir müssen nach den vielen anderen Kindern fragen, die nicht gut rauskommen, die die Schule abbrechen, die keinen Abschluss machen. Wir können es uns als Gesellschaft gar nicht erlauben, so viele Schulmisserfolge erfahrende Kinder zu produzieren, die davon unter Umständen wirklich auch ein Leben lang gezeichnet sind - Kinder, die schon in der zweiten Klasse wissen, ´ich werde mal nicht zu denen gehören, die in dieser Gesellschaft an den großen Töpfen sitzen werden.´ Wir nehmen den Kindern die Motivation."

Individualisierungsstrategien - der falsche Weg

Dabei ist dieses pädagogische Konzept Positiver Peerkultur keinesfalls etwas grundsätzlich Neues, betont Opp. Denn wie so vieles in der Pädagogik ist auch dieser Ansatz längst bekannt. "Da ist ein alter pädagogischer Gedanke, den man zurückverfolgen kann bis in Schülerrepubliken der Reformationszeit und der immer wieder in den großen pädagogischen Entwürfen auftaucht: Makarenko, Summerhill oder Korczak. Ich glaube, er ist uns im Rahmen moderner Individualisierungstheorien und -prozesse ein Stück weit abhanden gekommen. Auch gerade im Umgang mit schwierigen Kindern, mit problembelasteten Kindern hat die Pädagogik ganz starke Modelle im Sinne von individueller Förderdiagnostik und individuellem Erziehungsplan verfolgt. Es mag vielleicht ein bisschen zynisch klingen, aber ich glaube, dass wir die Folgen der Individualisierung mit Individualisierungsstrategien beheben wollen. Das klappt nicht. Das Problem ist, Gemeinschaften zu finden, die ein Stück weit tragen, die nicht nur verführen, sondern die auch schützen, die Solidarität geben, Austauschmöglichkeiten. Gemeinschaften, bei denen man sich auf einer positiven Basis nahe fühlen kann. Genau das ist der Gedanke, den wir mit der Positiven Peerkultur verfolgen."

2004 wurde das Projekt von Günther Opp im Transatlantischen Ideenwettbewerb USable von der Körber Stiftung ausgezeichnet. Eine wichtige Anfangsförderung - danach mussten die Wissenschaftler über den Fortgang des Projekts entscheiden. Opps Vision: Ein von der Universität unabhängiges Institut, das sich auf Dauer – unter anderem durch Fortbildungsangebote – selbst tragen soll. "Eine Universität hat Ehren zu vergeben, aber kein Geld. Also kann man eine solche Einrichtung schlecht an eine Universität anbinden, vor allem, wenn man nicht primär Forschungsinteressen verfolgt und das tun wir mit diesem Institut nicht."

Opp wandte sich mit der Institutsidee an den Julius Klinkhardt Verlag in Bad Heilbrunn. Dort hatte er gerade ein Buch zur Positiven Peerkultur veröffentlicht. "Bei einer sehr netten Gelegenheit – wir waren nämlich auf der Isar mit dem Kajak unterwegs - habe ich Andreas Klinkhardt gefragt: ´Sag mal, kann sich ein Verlag vorstellen, sich in einem solchen Praxisbereich zu engagieren?´ Und das war wunderbar, die Sonne schien und wir rauschten die Isar entlang und er sagte, ´ich habe mir eigentlich schon immer gewünscht, so etwas zu machen´. Das war der Beginn eines sehr fruchtbaren Gedankens, dass man nämlich auf andere Weise die wirtschaftlichen Kompetenzen und Ressourcen eines Verlages verknüpft mit den innovativen Ideen einer Universität und das dann auf eine wirtschaftlich praktikable Basis stellt. Da hat uns der Verlag auf tolle Weise unterstützt. Und ich hoffe, dass wir das in den nächsten Jahren auch wieder einspielen können."


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