Gastbeitrag

Es regnet summa cum laude

Noten hängen nicht nur von der Leistung ab, sondern auch vom Beurteiler. Das gilt in der Schule und führt sich an den Hochschulen fort. Interview: Tina Sprung

16.04.2019 Bundesweit Artikel didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen
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didacta: Herr Prof. Klein, ich möchte ein summa cum laude – also die beste Auszeichnung – in meiner Doktorarbeit in Wirtschaftswissenschaften. Welche Uni können Sie mir empfehlen?
Hans-Peter Klein: Ich würde Ihnen raten, in Freiburg im Breisgau Ihre Doktorarbeit zu schreiben. Hier wurden für den Zeitraum 2014 bis 2016 74 Prozent der Doktorarbeiten mit der Bestnote vergeben. Abraten würde ich Ihnen von Stuttgart oder Ulm, denn dort liegt die Vergabequote der Bestnote nur bei 9 Prozent.

Das sind gravierende Unterschiede. Kann man trotzdem von einer Noteninflation sprechen?
Schaut man sich die aktuellen Statistiken an, erreichen viele Fachbereiche Vergabequoten der Bestnote von bis zu 80 Prozent. Es ist zweifelsfrei zu einer Noteninflation gekommen, die allerdings den gesamten Bildungsbereich betrifft. Vor dreißig oder vierzig Jahren wurde sehr viel restriktiver mit der Vergabe der Bestnote umgegangen.

Prof. Hans-Peter Klein lehrt Didaktik der Biowissenschaften an der Goethe Universität in Frankfurt am Main. Er kritisiert seit Jahren, dass die Anforderungen an die Studenten immer mehr sinken.

Warum hat sich das geändert?
Die Universitäten rühmen sich mit der Vergabe von Bestnoten genauso wie die Schulen mit deren Vergabe im Abitur. Die Politik feiert das als Bildungsexpansion mit ständig ansteigenden Leistungen.

Es kann also nicht sein, dass die Studierenden einfach besser geworden sind?
Das ist ausgeschlossen. In der Evolution hat die Entwicklung des menschlichen Großhirns mehr als zwei Millionen Jahre gedauert. Die Psychologie bestätigt, dass nur 20 Prozent der Bevölkerung einen überdurchschnittlichen Intelligenzquotienten haben. Und die Promovierenden der Uni Hamburg, die mit nur 11 Prozent quer durch alle Fachbereiche deutlich weniger Bestnoten erhalten, dürften auch nicht wesentlich dümmer sein als die an den Summa cum laude-Hochburgen.

Was ist dann der Grund? 
Es ist zu einer Nivellierung der Ansprüche gekommen. Man darf auch nicht vergessen, dass nahezu der gesamte Rest der Promovierenden die Note „magna cum laude“ erhält. „Cum laude“ oder gar „rite“ – also Doktorarbeiten mit gut oder befriedigend – gibt es nur noch in Ausnahmefällen.

Was sind die Summa cum laude-Hochburgen und wie groß sind die Unterschiede an den Universitäten?
Die Unterschiede zwischen den Fachbereichen der einzelnen Universitäten sind riesengroß. In Paderborn beispielsweise erreichen 75 Prozent der Doktoranden in Philosophie die Bestnote, an der Uni Düsseldorf nur 7 Prozent. Oldenburg vergibt in Musik / Musikwissenschaft an 80 Prozent der Doktoranden die Bestnote, während sie über alle Hochschulen verteilt nur bei 17 Prozent liegt und an der Uni Köln nur bei 8 Prozent. Es ist ähnlich wie mit dem Abitur: Es gibt weder eine Vergleichbarkeit von Abschlüssen unterschiedlicher Universitäten im gleichen Fachbereich noch eine zwischen den Fachbereichen einer Universität.

Beispiel Nordrhein-Westfalen: Dort haben in den vergangenen zehn Jahren 774 Prozent mehr Schüler ein 1,0-Abitur gemacht.
In Nordrhein-Westfalen, Berlin, Hamburg und Bremen erhält man das Abitur in den meisten Fächern auf einem ehemaligen fachlichen Mittelstufenniveau. Wir haben über einhundert Zentralabiturarbeiten im Fach Biologie aus verschiedenen Bundesländern auf ihren fachlichen Anspruch hin untersucht und werden 2019 mehrere Publikationen dazu vorlegen. Die Aufgaben entsprechen der bekannten Streifenhörnchen-Leistungskursaufgabe aus Nordrhein-Westfalen von 2009, die problemlos von aufgeweckten Neuntklässlern gelöst werden konnten, da alle Informationen in den Begleittexten vorgegeben waren. Die USA haben mit ihrem High School Abschluss das gleiche Problem. Bei der Bewerbung an angesehenen Colleges oder Universitäten werden zusätzliche Tests eingefordert. Würden wir in deutschen Universitäten bei Vergabe der Studienplätze so verfahren, dürfte ein großer Teil der Abiturienten beispielsweise aus Berlin, Hamburg, Bremen und Nordrhein-Westfalen kaum noch Studienplätze erhalten, oder diese Länder wären gezwungen, ihre Anforderungen deutlich zu erhöhen. Das ist aber politisch nicht gewollt. Stattdessen senken die anderen Bundesländer das Niveau ebenfalls ab und erhöhen ihre Abiturientenquoten.

Welche Auswirkungen wird die Noteninflation haben?
Die Noteninflation beschädigt alle: Diejenigen, die zertifi ziert bekommen, sie seien gut oder sehr gut, es aber nicht sind, und vor allem die, die tatsächlich sehr gut sind, sich nun aber nicht mehr gegenüber den leistungsschwächeren Schülern und Studierenden entsprechend ausweisen können. Das ist bildungspolitische Gleichmacherei auf unterstem gemeinsamen Nenner mit verheerenden nachhaltigen Folgen für die Betroffenen und die gesamte Gesellschaft. Mit einer zeitlichen Verzögerung dürfte dies auch den Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort Deutschland nachhaltig beschädigen.

Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht in: didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen, Ausgabe 4/2018, S. 66-68, www.didacta-magazin.de


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