Hochschulmanagement

Forschung, Lehre – und was noch?

Unter dem Etikett „Third Mission“ erschließen sich deutsche Hochschulen neue Aufgabenfelder. Dabei geht es um den Austausch mit Bürgern und Unternehmen. Und um Vorteile im Profilierungswettstreit. Von Franz Himpsl

06.06.2017 Bundesweit Artikel Deutsche Universitätszeitung (duz)
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Was haben eine Kinder-Uni, eine akademische Anlaufstelle für Flüchtlinge, ein Gründerzentrum und ein Politiker beratender Professor gemeinsam? Die Antwort: All diese Aktivitäten zeigen, dass Universitäten und Fachhochschulen heute auf vielerlei Arten in die Gesellschaft hineinwirken. Wenn Hochschulforscher über diese Tatsache sprechen, verwenden sie meistens diesen einen Begriff: Third Mission. Sprich: die dritte Mission, also all jene akademischen Leistungen und Tätigkeitsfelder, denen sich Hochschulen neben den beiden Aufgaben widmen, die seit dem 19. Jahrhundert als ihr Kernbestandteil gelten – der Forschung und der Lehre.

Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Gastbeitrag aus der aktuellen Ausgabe der Deutschen Universitätszeitung (duz).

Die wissenschaftspolitischen Entwicklungen, die dieser dritten Kategorie akademischer Aufgaben zugrunde liegen, reichen weit zurück. Schon mit der großen Bildungsexpansion nach dem Zweiten Weltkrieg ging die Vorstellung einher, Hochschulen sollten auf die Bedürfnisse der Gesellschaft reagieren, anstatt am Rand zu stehen. Zugleich hat sich die Landschaft der deutschen Hochschulen in den letzten Jahrzehnten immer weiter ausdifferenziert. Manche von ihnen haben sich, jedenfalls dem eigenen Selbstverständnis nach, auf den Weg hin zu Elite- Forschungsstätten gemacht. Andere bemühen sich – dieser Trend macht sich besonders seit der Jahrtausendwende bemerkbar – verstärkt um den Austausch mit der regionalen Wirtschaft und Zivilgesellschaft.

Mit der Beforschung dieser Tendenzen hat auch die wissenschaftspolitische Auseinandersetzung Fahrt aufgenommen. 2010 veröffentlichte der Stifterverband zusammen mit der Mercator-Stiftung die internationale Vergleichsstudie „Mission Gesellschaft“, die mit Best- Practice-Beispielen aus Australien, Deutschland, Finnland, Großbritannien, Malaysia und den USA für das Konzept „Third Mission“ warb.

Ann-Katrin Schröder-Kralemann, die beim Stifterverband den Bereich „Hochschule und Wirtschaft“ verantwortet, sagt, seit der damaligen Veröffentlichung habe sich einiges getan: „Viele Hochschulen sehen im Thema ‚Transfer‘ inzwischen einen Gewinn für Forschung und Lehre, weil sich hier neue Fragestellungen auftun und neue Anwendungsfelder erschließen.“ „Transfer“ werde dabei nicht nur als Austausch von Technologie-Wissen verstanden, sondern auch als Dialog mit der Gesellschaft im weitesten Sinne. 

Einer muss es ja tun. Oder?

In der Tat finden sich in Deutschland Hochschulen, deren Strategie und Außendarstellung das Thema Third Mission aufgreifen. Als etwa Prof. Dr. Micha Teuscher im Mai dieses Jahres sein Amt als Präsident der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Hamburg antrat, sagte er, ihm sei es besonders wichtig, die dritte Mission seiner Hochschule zu stärken – „auf Augenhöhe und der Basis gleichwertiger Partnerschaft“ mit gesellschaftlichen Institutionen und Partnern. Und die Uni Frankfurt am Main hat 2015 im Rahmen eines „Strategieprozesses“ das Amt eines Vizepräsidenten für Third Mission ins Leben gerufen. Seine Aufgabe ist, so die Universität, „die Pflege und Anbahnung von Kooperationsbeziehungen der Goethe-Universität mit Einrichtungen und Personen aus Politik, Kultur, Wirtschaft und Zivilgesellschaft“ sowie der „Wissens- und Technologietransfer und die Private Hochschulförderung“. Hintergrund ist der Plan, an der Hochschule bis 2020 das Aufgabenfeld Third Mission institutionell zu verankern. Dafür wurde ein Projektteam zusammengestellt, zu dem neben dem Vizepräsidenten und „transferaktiven Wissenschaftlern“ auch dem Bereich der dritten Mission zugeordnetes Verwaltungspersonal gehöre.

Mit dieser strategischen Ausrichtung steht die Frankfurter Uni recht allein auf weiter Flur. Noch. Die dritte Mission, so scheint es, könnte eine Perspektive für das ganze Wissenschaftssystem werden; die ersten Versuche, das Thema auch im Rahmen von Leistungsbewertung und Mittelvergabe zu berücksichtigen, gibt es bereits. Das von der Europäischen Union ins Leben gerufene Ranking-System „U-Multirank“ zum Beispiel will durch die Verwendung einer besonders großen Zahl von Indikatoren Hochschulen besser vergleichbar machen. Es nutzt dabei unter den Überschriften „Knowledge Transfer“ und „Regional Engagement“ auch Indikatoren der dritten Mission. Und auf nationaler Ebene läuft gerade der Auswahlprozess für die Förderlinie „Innovative Hochschule“, die sich an kleinere und mittelgroße Unis und an Fachhochschulen richtet. In zwei Fünf-Jahres-Runden sollen insgesamt bis zu 550 Millionen Euro von Bund (90 Prozent) und jeweiligem Land (10 Prozent) bereitgestellt werden, um den Austausch und die Vernetzung zwischen den Hochschulen und ihrem regionalen Umfeld zu fördern. Ein Zeichen dafür, dass die dritte Mission auf Bundesebene in Zukunft eine größere Rolle spielen wird? Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) jedenfalls teilt auf Anfrage mit, es habe bei der „Innovativen Hochschule“ eine hohe Bewerberzahl gegeben. Dies habe das Ministerium darin bestärkt, „den forschungsbasierten Ideen-, Wissens- und Technologietransfer im Sinne einer dritten Mission fest als akademische Kernaufgabe im Wissenschafts- und Innovationssystem zu verankern“.

Aber ist das überhaupt erstrebenswert? Und wenn ja: Wie muss die dritte Mission ausgestaltet werden, damit alle etwas davon haben? Eine Antwort liefert Prof. Dr. Peer Pasternack. Der Direktor des Instituts für Hochschulforschung (HoF) an der Uni Halle-Wittenberg hat sich in den letzten Jahren intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt. Er findet: Third-Mission-Aktivitäten sind durchaus sinnvoll, und zwar dann, wenn eine Hochschule etwas leistet, was keine andere öffentliche Institution leisten kann. 

In der Tat zählt das HoF, wie in der Publikation „Third Mission bilanzieren“ von 2016 zu lesen ist, nur solche Aktivitäten zur dritten Mission, die im Austausch mit hochschulexternen Akteuren auf Bedürfnisse der Gesellschaft eingehen und dabei einen Mehrwert im Vergleich zur ersten und zweiten Mission bieten. Zugleich aber, und das macht die Sache etwas kompliziert, sollen die Aktivitäten der dritten Kategorie „mindestens lose“ an jene der ersten beiden Kategorien gekoppelt sein.

„Was eine Hochschule ausmacht, ist Forschung und Lehre. Das, was sinnvoll als ‚Third Mission‘ zu bezeichnen ist, muss unbedingt an diese Kernaufgaben gebunden sein“, sagt Pasternack. Und gibt ein Beispiel dafür, was seiner Meinung nach gerade nicht zur Third Mission zu zählen ist: „An der Technischen Universität Dresden gibt es seit 1957 eine Freiwillige Feuerwehr, die in den lokalen Brandschutz eingebunden ist. Das ist eine lokal sinnvolle Sache, aber kein Beispiel für Third Mission, denn die Feuerwehr hat nichts mit dem akademischen Betrieb zu tun. Der Brandschutz könnte auch von einer anderen Einrichtung – konkret: einer anderen, nicht-universitären Feuerwehr – übernommen werden.“ Dass Feuerwehren indes durchaus Teil der Third Mission einer Hochschule sein können, nämlich durch auf die Lehre abgestimmte Kooperationsvereinbarungen mit örtlichen Hilfsorganisationen, zeigt das Beispiel der Hochschule Augsburg.

Konkret speist sich die Third Mission dem HoF zufolge aus zwei Quellen: einerseits aus Konzepten, die die traditionelle Ausrichtung der Hochschulen auf Forschung und Lehre erweitern (etwa: die „unternehmerische Universität“), andererseits aus Konzepten, die den Hochschulen ganz neue Betätigungsfelder eröffnen: regionale Innovationsnetzwerke zum Beispiel, Nachhaltigkeit und soziales Engagement oder die Verknüpfung von wissenschaftlichem und Praxiswissen. 

Den gesamten Artikel zum Weiterlesen finden Sie hier.

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