Gastbeitrag

„Frühere Jahrgänge waren unbeschwerter“

Rudolf Menne ist seit mehr als 20 Jahren Studienberater an der Universität zu Köln. Im Interview sprach er über die häufigsten Fragen von Studieninteressierten, die neue Vielfalt der deutschen Hochschullandschaft und die Hintergründe von Studienfachwechseln und -abbrüchen. Von Anna Petersen

11.08.2017 Bundesweit Artikel BEGEGNUNG, Anna Petersen
  • © www.pixabay.de

Herr Menne, hat sich die Studienberatung seit Beginn Ihrer Tätigkeit verändert?
Bei Studienwahl und -gestaltung gibt es sicherlich die gleichbleibenden W-Fragen: Wer bin ich? Was kann ich? Was will ich? Die jungen Menschen sind durch das Internet natürlich wesentlich informierter als noch vor 10, 20 Jahren. Aber nicht alle Informationen dort sind verständlich, und vieles lässt sich in einem Gespräch schneller klären. Hinzu kommen regelmäßig Modeerscheinungen: Wenn beispielsweise der Beruf Pathologe oder Profiler in TV-Serien eine Rolle spielt, kann das den Berufswunsch junger Zuschauer beeinflussen. Ich nehme außerdem ein stärkeres Sicherheitsdenken wahr. Frühere Jahrgänge waren unbeschwerter. Heute sehen nicht wenige Studienanfänger in ihrem Entscheidungsprozess eher Risiken als Möglichkeiten.

Welche Tipps geben Sie jungen Menschen bei ihren W-Fragen an die Hand?
Man muss dabei Berufsorientierung und Studienwahl voneinander trennen. Wenn ich beispielsweise Lehrer werden möchte, fälle ich andere, vorgegebene Studienwahlentscheidungen als bei einem generellen Interesse an Wirtschafts zusammenhängen. In letzterem Fall kann eine Berufsorientierung oder Feinjustierung viel später erfolgen – das sollte sie sogar, damit man im Studium offen dafür ist, sich von unbekannten Fachgebieten und -zusammenhängen überraschen zu lassen. Entscheidend sind fachliches Interesse, inhaltliche Neigungen und Neugier. Das ist wichtiger als Sicherheits- oder Statusdenken oder familiär nahegelegte Wünsche. Denn das sind nie Königswege der persönlichen Lebensgestaltung.

Sie sind an der Uni zu Köln angestellt. Kommt es auch vor, dass Sie Interessierten beispielsweise den Besuch einer Fachhochschule (FH) empfehlen?
Selbstverständlich. In den letzten Jahren sind Fachhochschulen attraktiver geworden – nicht zuletzt durch die Bachelor-/Master-Struktur, die für manche Fächer einen Übergang nach dem Bachelorstudium von einer FH an eine Universität ermöglicht. Ein nicht unerheblicher Teil der Masterstudierenden in wirtschaftswissenschaftlichen Studiengängen hat zuvor einen Bachelorabschluss an einer FH gemacht. An Fachhochschulen gibt es zudem auch berufsspezifischere Ausbildungen: Die Technische Hochschule Köln bietet beispielsweise „Restaurieren“ als Fach, das finden Sie an keiner Universität. Für „Soziale Arbeit“ bietet sich ebenfalls eine FH an. Und Leute, die sich zwar für Fremdsprachen interessieren, aber eher für das Beherrschen der Sprache, sind vielleicht in einem Studium „Dolmetschen/Übersetzen“ oder „Internationale Dokumentation“ an einer FH besser aufgehoben als in einem philologischen Studium an der Universität.

Das Studienangebot in Deutschland wird vielfältiger. Kritiker sehen zudem eine Tendenz zu sehr spezialisierten Studiengängen. Wie sinnvoll ist es aus Ihrer Sicht, sich bereits im Bachelor zu spezialisieren?
Zahlenmäßig nehmen diese Studiengänge sicherlich zu. Ich bin aber der Meinung, dass eine Spezialisierung erst zum Masterstudium vorgenommen werden sollte. Gerade in den Natur- oder Geisteswissenschaften sollte man offen sein für alles, was einem im Bachelor vorgestellt wird. Ein 19-Jähriger findet den Beruf Steuerberater vielleicht nicht elektrisierend. Aber wenn dann im Studium der Wirtschafts- oder Rechtswissenschaften im höheren Semester das internationale Unternehmenssteuerrecht behandelt wird, kommt er vielleicht auf den Geschmack. An viele Bereiche denkt man bei der Studienwahl anfänglich gar nicht, weil man vielleicht andere Traumvorstellungen im Kopf hat. Das kann sich während des Studiums ändern. 

Rund 18.300 Studiengänge gibt es zurzeit in Deutschland. Erschwert diese Vielfalt jungen Studieninteressierten auch die Orientierung?
Nicht nur ihnen, sondern uns auch! Junge Studieninteressierte sind verständlicherweise oft überfordert. Ein guter Start kann ein Prinzip der negativen Ausgrenzung sein, dessen, was man nicht kann oder will. Und dann stärker ins Auge fassen, was übrig geblieben ist.

Wie hilfreich sind die regelmäßig erscheinenden Uni-Rankings als Maßstab für Studieninteressierte?
Für Studienanfänger spielen Rankings meist keine große Rolle. Die überwiegende Masse studiert am liebsten am Wohnort. Anders sieht es sicherlich bei der Wahl zum Masterstudium aus. Da will man sich ja spezialisieren und schaut: Welche Hochschule belegt in dem Fach einen guten Platz, wo bin ich mit meinem wissenschaftlichen Interesse richtig, wie ist der Ruf der Hochschule? Auch der Status von Exzellenzuniversitäten wird dann stärker beachtet. Generell sollte man aber immer schauen, wie ein Ranking eigentlich zustande gekommen ist: ob Professoren bewerten oder Studierende, wo der Fokus liegt etc.

Junge Menschen zieht es zum Studium meist in Großstädte. Bieten nicht gerade kleine Studienstandorte gute Bedingungen?
Großstädte müssen nicht immer die beste Wahl sein. Fachliche Eigenarten oder Spezialitäten können an einem kleinen Standort sogar passgenauer sein. Wenn jemand zum Beispiel Musiktheaterwissenschaft studieren will, ist er in Bayreuth besser aufgehoben als in einer Großstadt. Viele sind auch nicht von Veranstaltungen mit mehreren 100 Teilnehmern begeistert. Und das ist in großen Universitäten in großen Städten eher der Fall. Wer sich lieber in einer kleineren Gruppe bewegen möchte, ist an einer kleineren Hochschule besser aufgehoben. Gerade im Bachelorstudium kann auch die persönliche Betreuung dort intensiver sein. Grundsätzlich ist das eine persönliche Entscheidung und eine Typfrage: Möchte ich eher bekannt sein in einer überschaubaren Stadt und Hochschule oder will ich mich eher unerkannt im Strom bewegen?

Deutschland wird für ausländische Studierende immer attraktiver. Wie kommt das?
Der gute Ruf der Ausbildung in Deutschland ist weltweit schon seit über 100 Jahren gefestigt und wird durch viele ausländische Studierende weitergetragen. In letzter Zeit hat das Interesse sicherlich durch die geringen Kosten für ein Studium zugenommen. Englands Hochschulen haben ihre Kosten beispielsweise in den letzten vier Jahren fast verdoppelt, das ist für viele nicht mehr bezahlbar. Ansonsten höre ich von ausländischen Studierenden auch, dass die guten Jobmöglichkeiten – zumindest in Köln – eine große Rolle spielen. Da haben es ausländische Studierende leichter, Fuß zu fassen und ein Studium auch zu finanzieren.

Was sind die häufigsten Anliegen dieser Interessengruppe, wenn sie in Ihre Studienberatung kommt?
Anfänglich sicherlich erst mal die Klärung von Studienmöglichkeiten, notwendigen Sprachkenntnissen und deren Nachweis. Im Mittelpunkt steht auch die Frage: Wozu berechtigen die eigenen Schulzeugnisse? Dazu kommen die typischen Fragen nach dem Studiengang: Passt der zu den eigenen Berufszielen? Was steckt hinter der deutschen Bezeichnung? Selbst bei Fächern wie Betriebswirtschaftslehre ist vielen nicht ganz klar, welche Inhalte dort vermittelt werden und wofür das Studium einen später befähigt.

Haben Sie viel mit Absolventen Deutscher Auslandsschulen zu tun?
Ja, denn es gibt eine Vereinbarung mit der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen. Jährlich kommen etwa ein gutes Dutzend Deutscher Auslandsschulen mit Gruppen zu einem Besuchstag an die Uni. Der Austausch ist von beidseitigem Interesse: Die Auslandsschüler verschaffen sich einen konkreteren Eindruck. Lehramtsstudierende der Uni Köln wiederum können eventuell ein Praktikum an der kooperierenden Schule im Ausland absolvieren.

Sie haben auch mit jungen Menschen zu tun, die überlegen, ihr Studium abzubrechen oder den Studiengang zu wechseln. Was sind die häufigsten Gründe?
Ein Fachwechsel kommt in der Beratung sogar recht häufig vor. Das ist aber nicht schlimm. Wenn es darum geht, eine Korrektur im Lebensentwurf zu durchdenken und gezielt vorzunehmen, ist das ein großer Reifungsschritt. Unter meinen Kollegen an den Fakultäten hat zu ihrer Studienzeit bestimmt auch jeder Dritte einmal das Studienfach gewechselt. Die Neujustierung sollte dann allerdings ins Schwarze treffen. Man muss sich konkret damit beschäftigen, was im alten Studium nicht geklappt hat, ob man falsche Vorstellungen vom Fach oder der Hochschulform hatte, wo Alternativen liegen.

Hat sich Ihrem Eindruck nach die Zahl der Studienabbrecher oder -wechsler in den letzten 20 Jahren erhöht?
Beides hat es schon immer gegeben. Abbrechern bieten heute aber viel mehr Institutionen Hilfe an: IHK, Handwerkskammer, Arbeitsagentur. Das sind oft junge Leute, die keinen Zugang zu den theoretischen Auseinandersetzungen an der Hochschule gefunden haben oder bei denen die Identifikation mit dem Berufsbild abhanden gekommen ist. Sie suchen nach einem anderen Ziel. Das kann dann auch eine berufstechnische oder handwerkliche Richtung sein. Früher hat die Universität Studienabbrecher einfach aus den Augen verloren, heute kümmern wir uns stärker um sie.

Kritiker behaupten allerdings immer wieder, dass heutige Abiturienten nicht mehr so gut auf das Studium vorbereitet sind wie früher. Es mangele ihnen an Kompetenzen und Grundlagenkenntnissen. Sehen Sie eine entsprechende Entwicklung?
Da würde ich in den Tenor mit einstimmen. Wir merken auch, dass Textverständnis, Lese- und Durchhaltevermögen im Vergleich zu Studierenden früherer Jahrzehnte gelitten haben. Vielleicht hängt das mit der Gewohnheit zusammen, täglich Informationen in Halbsätzen und Kurzbeiträgen über das Smartphone aufzunehmen. An den Fakultäten bemerken die Kollegen, dass viele Studierende 10 bis 20 Seiten nicht zusammenfassend wiedergeben können bzw. sich damit schwer tun. Wenn man einen längeren Text mit der Aufforderung verteilt „Lesen Sie sich das durch“, kommt häufig die Gegenfrage: „Können Sie mir nicht sagen, was drinsteht?“ Ich habe den Eindruck, dass viele dem selbst Gelesenen und ihren eigenen Interpretationsfähigkeiten nicht mehr trauen. Ich glaube aber nicht, dass deshalb heute deutlich mehr Studierende ihr Studium abbrechen müssen als früher.

Dieser Beitrag wurde zuerst in der Zeitschrift "BEGEGNUNG – Deutsche schulische Arbeit im Ausland" 2-2017 veröffentlicht.


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