Gastbeitrag

Katerstimmung

Die meisten englischen Wissenschaftler haben sich für einen Verbleib Großbritanniens in der Europäischen Union eingesetzt – vergebens. Was bedeutet der Brexit für die Hochschulzusammenarbeit? Ein Klärungsversuch. Von Dr. Georg Krawietz

18.08.2017 Bundesweit Artikel didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen
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Den Morgen des 24. Juni 2016 wird man an britischen Hochschulen und Wissenschaftseinrichtungen noch lange in Erinnerung behalten. Die überwältigende Mehrheit im akademischen Betrieb hatte sich für einen Verbleib in der EU stark gemacht. So betonte der Vice-Chancellor der Universität Cambridge, Professor Sir Leszek Borysiewicz, Anfang März 2016 bei einer internationalen Konferenz: „Yes, we are international, but we are European first!“ und der Physiker Stephen Hawking warnte als Teil einer großen Gruppe britischer Forscher vor einem „Desaster“ für Wissenschaftskooperationen mit britischer Beteiligung. Die Mühe war vergebens, wie sich zeigte, denn eine knappe Mehrheit der 33,6 Millionen, die insgesamt abstimmten (51,89 zu 48,11 Prozent), sah es anders und votierte nicht für „Remain“, sondern für „Leave“. Nach dem Referendum ist die Katerstimmung ebenso groß wie die Ungewissheit, wie es nun mit Forschungs- und Studienaufenthalten von EU-Bürgern auf der Insel weitergehen soll.

Pro und Contra

Universities UK, die britische Rektorenkonferenz mit 134 Mitgliedshochschulen, hatte bereits kurz nach der Parlamentswahl im Mai 2015 die Kampagne „Universities for Europe“ gestartet, die auch der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) unterstützt. Das Schwergewicht der Argumente lag auf den Kooperationsvorteilen innerhalb Europas. Erst danach folgte der Hinweis auf die finanziellen Vorteile, die britische Hochschulen aus diversen EU-Programmen, vor allem im Forschungsbereich, ziehen.  Um diese und andere Vorteile nicht zu verlieren, gingen einige Hochschulleitungen so weit, ihre Mitarbeiter und die Studierenden per Rundmail dazu aufzufordern, sich am Referendum zu beteiligen und, mehr oder minder offen formuliert, für „Remain“ zu stimmen – ein ungewöhnlicher Schritt, der den Ernst der anstehenden Entscheidung verdeutlichte.  

Es gab auch Gegenpositionen aus Hochschule und Wissenschaft, aber in wesentlich geringerer Zahl. Ihre Argumente: Die britische Forschung sei unabhängig von EU-Förderprogrammen Weltklasse und ein Austritt öffne neue Wege zu anderen, nicht-europäischen Forschungszentren. Ein weiterer Argumentationsstrang lautete, dass nach einem Austritt des EU-Nettobeitragszahlers UK das eingesparte Geld auf nationaler Ebene ohne EU-bürokratische Hindernisse direkt an die britische Wissenschaft verteilt werden könne.  

Erste Folgen  

Hinsichtlich EU-geförderter Wissenschaftsprojekte werden bereits wenige Wochen nach dem Referendumsentscheid die Folgen deutlich. Berichtet wird, dass im Rahmen des EU-Förderprogramms für Forschung und Innovation „Horizon 2020“ britische Teilnehmer gebeten werden, von einer bisher vorgesehenen Senior- in eine (leichter ersetzbare) Juniorrolle zu wechseln. In einzelnen Fällen soll sogar zum Rücktritt geraten worden sein.  Zugenommen haben Anfeindungsfälle mit xenophobem und sogar rassistischem Charakter, auch an Hochschulen. Sie sind die Folge einer, vorsichtig formuliert, irrational geführten, unfairen und oftmals an niedere Instinkte appellierenden Kampagne des Austrittsbefürwortungslagers, die viele in einem Land mit einer jahrhundertealten Kultur der Akzeptanz und des Miteinanderlebens von Bevölkerungsgruppen verschiedener Herkunft nicht für möglich gehalten hätten. Hierzu gehört auch ein aufgeflammtes und von vielen Betroffenen so noch nie erlebtes Misstrauen gegenüber Akademikern, die als Experten mehrheitlich vor den negativen Folgen eines Austritts gewarnt hatten und dafür von Politikern wie dem ehemaligen Justizminister Michael Gove („People in this country have had enough of experts!“) und der konservativen, dabei mehrheitlich EU-feindlichen Presse heftig attackiert wurden. Die Grenzen zur Verleumdung waren mitunter fließend und der Vorwurf, mit angeblich manipulierten Zahlen zu operieren, vergleichsweise milde.

Europäisches Personal an britischen Unis  

Forschung muss nicht nur finanziert, sondern auch „gemacht“ werden. Die innereuropäische Freizügigkeit in der EU schafft dafür sehr gute Voraussetzungen. Britische Hochschulen bieten mit ihren relativ hierarchiearmen und flexiblen Strukturen attraktive Entwicklungspotenziale. Knapp 30 Prozent oder 55 000 Personen des forschenden und lehrenden Gesamtpersonals stammen von außerhalb des UK. Davon sind rund 32 000 Personen EU-Staatsangehörige, die circa 16 bis 17 Prozent der an britischen Universitäten Tätigen ausmachen. An forschungsstarken Hochschulen ist ihr Anteil noch höher und liegt bei 20 Prozent und darüber. „The Guardian“ schrieb dazu kurz nach dem Referendum: „Higher Education is … probably even more dependent than the National Health Service on talented academics from the rest of Europe. They are a key element in our world-class universities.“

Auf einen Blick 

Großbritannien tritt aus der Europäischen Union aus: Am 23. Juni 2016 stimmten knapp 52 Prozent der Briten für „Leave“. Der Austritt wird sich auch auf die Hochschulzusammenarbeit zwischen dem Vereinigten Königreich und den ­übrigen EU-Staaten auswirken. Wie genau, ist bisher noch unklar. 28,5 Prozent der internationalen Studierenden und 16 Prozent des Forschungspersonals an britischen Hochschulen stammen aus der EU. Sie befürchten beispielsweise geringere Stipendien und höhere Hochschulgebühren.

5.540 Deutsche stellen 16,4 Prozent aller forschenden und lehrenden EU-Staatsangehörigen im Land. Sie bilden damit nicht nur den höchsten EU-Anteil: Den zahlenmäßig ersten Rang belegen sie auch in der Gesamtbetrachtung des internationalen Personals mit individuellem Arbeitsvertrag an britischen Einrichtungen. Ihr Anteil liegt bei gut 9 Prozent. Der überwiegende Teil ist langjährig und dauerhaft an einer britischen Institution tätig. Innerhalb von zwei Jahren nach offiziell erklärtem Austrittsgesuch der britischen Regierung wird sich für Deutsche und weitere EU-Staatsangehörige nichts ändern. Nichtsdestotrotz gibt es bereits jetzt mit Blick auf die mittelfristige Verbleibeperspektive Fälle von Verunsicherung und eines individuell unterschiedlich ausgeprägten Empfindens von „Nicht mehr willkommen sein“. Institutionell soll es aufgrund der veränderten politischen Lage schon zu Fällen von aufgeschobenen Arbeitsverträgen, die mit EU-Staatsangehörigen prinzipiell vereinbart waren, gekommen sein. 

Verunsicherung bei internationalen ­Studierenden  

Verunsicherung begleitet aktuell auch Studierende aus der EU. Erasmus-Studierende sind im UK von Studiengebühren befreit. Außerhalb von Erasmus entrichten EU-Bürger, die einen kompletten Bachelorstudiengang absolvieren, bislang „home fees“. In England, dem Landesteil mit den meisten Hochschulen, sind dies in aller Regel 9.000 britische Pfund pro Jahr, die auch für das Nicht-EU-Land Schweiz verhandelt wurden. Alle anderen internationalen Studierenden zahlen die weitaus teureren „overseas“ oder „non-EU fees“. Die Durchschnittsgebühren pro Jahr für Bachelorstudiengänge liegen dann in Hörsaal-basierten Studiengängen bei 12.719 GBP (+ 41 Prozent), in Labor-basierten bei 14.655 GBP (+ 63 Prozent) und in klinischen Kursen bei 24.190 GBP (+ 170 Prozent). Die Prozentangaben verstehen sich jeweils im Vergleich mit „home fees“ laut „The International and postgraduate fee survey 2015“.

Inzwischen wurde von der britischen Regierung immerhin zugesichert, dass antragsberechtigte EU-Bürger auch ab dem akademischen Jahr 2018 / 2019 weiterhin „home fees“ zahlen und Studienkredite der regierungsseitigen Student Loans Company (SLC) beantragen können. Dieses Zugeständnis gilt für die gesamte Dauer des Kurses und über einen in der Zwischenzeit eventuell vollzogenen Austritt aus der Staatengemeinschaft hinaus. Im Falle eines dreijährigen Bachelorstudiums währte der Anspruch bis Sommer 2021.  

Ist danach eine „Schweizregelung“ für die ganze EU mit 27 Mitgliedsstaaten, die nach erfolgtem Austritt des UK weiterhin lediglich „home fees“ zahlen würden, denkbar? Zweifel scheinen angebracht, denn durch den weitgehenden Rückzug des Staates aus der Studienfinanzierung sind britische Hochschulen auf entsprechende Gebühreneinnahmen angewiesen. Ihr Anteil am Universitätshaushalt kann zwischen 40 und 45 Prozent ausmachen.  

Im Zuge der Gleichbehandlung haben EU-Studierende bislang Zugang zu den staatlich finanzierten Volldarlehen für Studiengebühren der SLC und unterliegen den gleichen nachgelagerten und sozialverträglich ausgestalteten Rückzahlungsbedingungen. Sie können darüber hinaus seit dem akademischen Jahr 2016/17 Gebührenstipendien für ein Masterstudium (im UK meist einjährig) in einer Gesamthöhe von 10.000 britischen Pfund in Anspruch nehmen. Ob nach einem vollzogenen Brexit beide Möglichkeiten bestehen bleiben, ist zu bezweifeln.  

Und das ist aus Sicht vieler akademisch Verantwortlicher, die Studierende nicht primär als Gebührenzahler betrachten, ein nicht geringes Problem. Aktuell stammen von rund 440.000 internationalen Studierenden, die für ein ganzes Studium an britischen Universitäten eingeschrieben sind, etwa 125.000 oder 28,5 Prozent aus EU-Mitgliedsstaaten. Darunter sind circa 13.500 Deutsche, mit 11 Prozent die größte Gruppe aus einem EU-Land. EU-Studierende erbringen zwar weniger Gebühren, werden aber wegen ihres intellektuellen Beitrags und der daraus resultierenden „classroom balance“ mit britischen Studierenden und den weiteren gut 70 Prozent „Non-EU-Internationals“ (darunter etwa 90.000 Chinesen) geschätzt. Wird ihre Zahl nach einem EU-Austritt und erheblich höheren Gebühren sinken?  

Dies hätte auch Nachteile für die „internationalisation at home“ britischer Studierender. Sie neigen aus vielerlei Gründen, zum Beispiel mangelnder Fremdsprachenkompetenz, straffem Bachelorstudium und meistens lediglich einjährigen Masterprogrammen mit nur geringen Mobilitätsfenstern weniger dazu, im Ausland zu studieren. Die starke Präsenz internationaler Studierender, im Durchschnitt circa 18 bis 19 ­Prozent, und ihre Durchmischung schaffen dazu bisher einen gewissen ­Ausgleich.

Die Zukunft der Wissenschaftsregion Europa

Die Freizügigkeit für Personen, ihren Wirkungsort selbst zu bestimmen, ist ein Kernelement vieler EU-Programme. Sie gilt für die Forschungsförderung wie die Studierendenmobilität. Jede Einschränkung hier wird Folgen für die weitere Beteiligung britischer Universitäten haben. Von den auszuhandelnden Bedingungen wird es abhängen, ob am Ende eine begrenzte Beteiligung, ohne inhaltliches Mitspracherecht, oder der völlige Ausschluss erfolgt. Für die britische wie die europäische Wissenschafts- und Hochschullandschaft ist beides negativ. Ohne den wichtigen britischen Beitrag droht die Wissenschaftsregion Europa als Ganze zu verarmen. Auch der Wettbewerb mit anderen „Wissenschaftsregionen“ der Welt wie Nordamerika sowie Ost- und Südostasien würde leiden.

Die Begrenzung der Zuwanderung und die Wiedergewinnung der Kontrolle über die eigenen Grenzen waren vermutlich die durchschlagendsten Argumente der Brexit-Befürworter. Dies wird die neue Regierung in London nicht außer Acht lassen können. Die ehemalige Innen- und neue Premierministerin Theresa May war zwar keine Austrittsbefürworterin. In ihrem früheren Amt hat sie aber eine harte Linie gegen ein „Zuviel“ von Einwanderung vertreten. Internationale Studierende wurden dabei nicht ausgeklammert. Im Gegenteil – ihnen wurde eine „­Mitschuld“ gegeben, denn zu viele von ihnen blieben nach Studienabschluss im Land. Wie will die neue Regierung die negativen Folgen, die sich hieraus auf akademischem Gebiet und für die bisher so offene britische Gesellschaft als Ganze ergeben können, eindämmen? Obwohl die Austrittsverhandlungen inzwischen offiziell begonnen haben, besteht weiterhin zu vielen Details Unklarheit. Streitigkeiten innerhalb der britischen Regierung darüber, ob ein „hard“ oder „soft“ Brexit angestrebt wird und was es im Einzelnen bedeutet, hielten auch im Sommer 2017 an. Über eines sollte man sich indes keine Illusionen machen: vieles steht, nicht zuletzt für Hochschulen, Wissenschaft und den internationalen akademischen Austausch, auf dem Spiel; zu gewinnen gibt es hingegen kaum etwas, für niemanden.

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Bei diesem Beitrag handelt es sich um eine leicht bearbeitete und gekürzte Version des Artikels „Gravierende Folgen. Brexit, Wissenschaft und Universität“ der Zeitschrift „Forschung & Lehre“ 8/16, www.forschung-und-lehre.de. Außerdem erschienen in: didacta – Das Magazin für lebenslanges Lernen, Ausgabe 2/2017, S. 70-73, www.didacta-magazin.de


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