Das Bauch-Gefühl im Kopf

"Ich kann nicht die ganze Zeit Gefühle haben." – In diese abwehrenden Worte kleidet "Homo Faber" im gleichnamigen Roman von Max Frisch seine Weltsicht. Als durch und durch rationaler Mensch betont er immer wieder, Entscheidungen niemals aus dem Bauch heraus zu treffen. Dass dies jedoch zu kurz greift und der Mensch nicht nur ein "animal rationale", sondern auch ein emotionales Wesen ist, zeigt die Forschung im interdisziplinären Projekt "animal emotionale", das von der VolkswagenStiftung im Rahmen der Förderinitiative "Schlüsselthemen der Geisteswissenschaften" seit 2005 mit 650.000 Euro unterstützt wird.

24.09.2008 Pressemeldung VolkswagenStiftung

Unter Leitung von Professor Dr. Dr. Henrik Walter vom Zentrum für Nervenheilkunde der Universität Bonn und Professor Dr. Achim Stephan vom Institut für Kognitionswissenschaft der Universität Osnabrück durchleuchtet das Forscherteam die Rolle von Emotionen als "Missing Link" zwischen Erkennen und Handeln. Kognition und Emotion spielen nach Meinung der Wissenschaftler eng zusammen: "Bei jeder Handlung schwingen Hintergrundgefühle mit, selbst viele höhere kognitive Leistungen sind emotional beeinflusst", erläutert Achim Stephan. (Eine Zusammenfassung der Projektergebnisse findet sich am Ende dieser Pressemitteilung).

Bei der Abschlusskonferenz "animal emotionale – The Significance of Emotions in Human Experience, Judgment, and Behavior" wollen die beiden Projektleiter nun gemeinsam mit ihren Mitstreitern den aktuellen Stand ihrer Forschungen vorstellen. Führende Wissenschaftler aus Philosophie, Psychologie, Neurowissenschaften und Kulturanthropologie werden über Fragen diskutieren, die vielleicht sogar einen "Homo Faber" ins Grübeln brächten: Wie können wir Gefühle kontrollieren, und wie sehr bestimmen sie unser alltägliches Handeln? Welchen Einfluss haben Emotionen in moralischen Dilemmata? Ist Vertrauen gut, Kontrolle aber tatsächlich besser? Das Symposium gliedert sich inhaltlich in drei große Themenblöcke: "Emotionsregulation", "Affektive Intentionalität" und "Moral und Emotionen". Während sogenannter Tandem-Sessions nehmen jeweils zwei Experten gegensätzlich oder ergänzend zu relevanten Problemen Stellung. Interdisziplinäre Podiumsdiskussionen runden die Veranstaltung ab.

Interessierte Journalistinnen und Journalisten sind herzlich zu der Veranstaltung eingeladen. Weitere Informationen sowie das Programm zur Tagung finden Sie unter www.uni-bielefeld.de/(de)/ZIF/AG/2008/09-29-Stephan.html/ZIF/AG/2008/09-29-Stephan.html). Bitte melden Sie sich bei Interesse an beim Zentrum für interdisziplinäre Forschung unter der E-Mail , da die Zahl der Teilnehmer begrenzt ist.

Kontakt Projekt
Universität Osnabrück
Institut für Kognitionswissenschaft
Prof. Dr. Achim Stephan
Telefon: 0541 – 969 33 59
E-Mail:

"animal emotionale" – Ergebnisse der Teilprojekte

1) Affektive Intentionalität

Der Mensch ist ein emotionales Wesen – ein animal emotionale. Für den Weltbezug des Menschen sind Gefühle wohl wichtiger als rationale Prozesse und diesen auch vorgeschaltet. Die dabei zum Ausdruck kommende "affektive Intentionalität" aus philosophischer Perspektive umfassend zu untersuchen und theoretisch zu verorten, war Ziel dieses Teilprojekts. Dabei wurde deutlich: Die in der analytischen Philosophie des Geistes bisher eher wenig beachteten Ansätze der Phänomenologie können eine moderne Philosophie der Gefühle bereichern, etwa um die Einsicht, dass körperliche Empfindungen ein integraler Bestandteil der äußeren Erfahrung sind. Zudem ergaben sich erstaunliche Übereinstimmungen mit Erkenntnissen der affektiven Neurowissenschaft.

Teilprojekt 1: Emotion und Weltbezug
Universität Osnabrück, Institut für Kognitionswissenschaft
Projektleitung: Prof. Dr. Achim Stephan
Projektmitarbeiter: Dr. Jan Slaby

2) Willentliche Regulation von Emotionen

Ist der Mensch seinen Emotionen hilflos ausgeliefert? Oder kann er sie mittels Willenskraft beeinflussen? Und hat die Unterdrückung von Emotionen Folgen für die Verarbeitung von Gefühlen im Gehirn? Diesen Fragen gingen die Forscher im zweiten Teilprojekt nach. Mithilfe bildgebender Verfahren (funktionelle Magnetresonanztomographie, fMRT) zeigte sich, dass die in der Psychotherapie eingesetzten Strategien zur Emotionsregulation die Reaktion des Gehirns im Mandelkern auf negative Reize verringern können. Aber auch das menschliche Belohnungssystem, das auf positive Reize reagiert, lässt sich durch willentlich gesteuerte Regulationsstrategien beeinflussen.

Teilprojekt 2: Emotionale Selbstregulation und kognitive Kontrolle
University of Bonn, Department of Psychiatry
Projektleitung: Prof. Dr. Dr. Henrik Walter, Dr. Susanne Erk
Projektmitarbeiter: Dipl.-Psych. Dina Schardt, Dipl.-Psych. Markus Staudinger

3.1) Die Rolle von Emotionen bei moralischer und juristischer Urteilsbildung

Studien aus der Kognitiven Neurowissenschaft belegen einen Einfluss der Hirnareale, die Emotionen verarbeiten, auf moralische Urteile. Ob dies auch für juristische Urteilsbildungen gilt, untersuchten Professor Dr. Dr. Henrik Walter und seine Mitarbeiter in einer fMRT-Studie. Dabei fanden sie heraus, dass sich die Hirnaktivität bei moralischen und juristischen Urteilen ähnelt. Bei juristischen Urteilen kommt es allerdings zu einer stärkeren Aktivierung von Hirnregionen, die mit Regelverarbeitung in Verbindung gebracht werden. Diese Ergebnisse stellen einfache Modelle von Hirnforschern zu den neuronalen Mechanismen moralischer Urteilsbildung in Frage.

3.2) Vertrauen ist gut, Kontrolle besser?

Wie wirkt sich ein Vertrauensvorschuss im Gehirn aus? Vergelten wir diesen oder verhalten wir uns trotzdem eigennützig? Dieser Entscheidungskonflikt zwischen pro-sozialen und egoistischen Motiven wurde in Zusammenarbeit mit dem Ökonomen Professor Dr. Armin Falk (Universität Bonn) untersucht. Es zeigte sich, dass dieser Konflikt sowohl mit Hirnregionen emotionaler Informationsverarbeitung zusammenhängt als auch mit solchen, die eher für rational-kontrolliertes Denken stehen. Ein weiteres bemerkenswertes Ergebnis: Die Hirnaktivierungen von Personen, die sich besonders pro-sozial entscheiden, unterscheiden sich von denjenigen, die sich eher egoistisch verhalten.

Teilprojekt 3: Emotionen und soziale Interaktion in einer Neurobiologie der Moral
University of Bonn, Department of Psychiatry
Projektleitung: Prof. Dr. Dr. Henrik Walter
Projektmitarbeiter: Stephan Schleim, M.A., Dipl.-Psych. Martin Dießel

Weitere Informationen über das Projekt "animal emotionale" unter:
www.animal-emotionale.de

Beitrag aus "Impulse für die Wissenschaft 2008"
www.volkswagenstiftung.de/fileadmin/downloads/publikationen/impulse_2008_s-04-95_gesamt.pdf

Kontakt VolkswagenStiftung Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Dr. Christian Jung Telefon: 0511 8381 - 380 E-Mail: jung@volkswagenstiftung.de

Kontakt Förderinitiative der VolkswagenStiftung Dr. Vera Szöllösi-Brenig Telefon: 0511 8381 - 218 E-Mail: szoelloesi@volkswagenstiftung.de

Ansprechpartner

VolkswagenStiftung

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