Richtig oder falsch?

(bikl) "Bildung und Forschung - wer entrostet die Denkfabrik Deutschland?" Unter diesem Titel diskutierten gestern Abend in der ARD die Bildungspolitiker der großen Parteien. Wie immer bei solchen Diskussionen wurden Fakten genannt oder Behauptungen aufgestellt.

07.09.2005 Artikel

So beharrte Thomas Goppel (CSU) darauf, dass der Anteil von Abiturienten in Bayern ähnlich hoch wie in anderen Bundesländern sei. Und Edelgard Bulmahn (SPD) erklärte, die Politik habe es in keinem (Bundes-)Land geschafft, den Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungschancen aufzulösen. Belegt sei dies unter anderem durch die Tatsache, dass bundesweit jedes vierte Kind Nachhilfe erhalte. Annette Schavan schließlich behauptete, kein anderes Land, das Studiengebühren erhebe, habe deshalb weniger Studenten und unter ihnen einen geringeren Anteil an Arbeiterkindern.

Der WDR hat alle diese Aussagen einer Runde von Experten vorgelegt und deren Ergebnisse jetzt veröffentlicht.

Thomas Goppels Aussage rückte der Hamburger Erziehungswissenschaftler Peter Struck zurecht: "Das Bundesland hat die niedrigste Abiturientenquote, redet sich aber immer damit heraus, dass der Unterricht auf höherem Niveau sei."

Annette Schavans Erklärung zu den Studiengebühren hingegen stellte sich nur zum Teil als belegt dar: "Australien hat nach Einführung von Studiengebühren vor über zehn Jahren die Folgen ausgewertet: Es gab keinen Rückgang des Anteils von Arbeiterkindern an den Hochschulen. Das liegt natürlich - ähnlich auch in England - an flankierenden Hilfen wie Gebührennachlass für Ärmere, Stipendien oder zinsgünstige Darlehen," so Brigitte Göbbels-Dreyling, Leiterin des Berliner Büros der Hochschulrektorenkonferenz. Ergänzt wurde sie von Karl-Heinz Heinemann, dem ehemaligen Herausgeber der pädagogischen Zeitschrift "Demokratische Erziehung": "Dort, wo Studiengebühren nachträglich eingeführt wurden, wie beispielsweise in Österreich, hat sich das negativ auf die Studierendenquote ausgewirkt."

Einzig Edelgard Bulmahns Aussagen zu den ungleichen Bildungschancen wurden von den Experten bestätigt. "Das stimmt. Wenn Schüler Nachhilfe brauchen, kann das zu sozialer Ungleichheit führen, denn man muss sie sich leisten können. Wir brauchen Nachhilfe, weil es keine Ganztagsschule gibt und wir den Kindern außerhalb des Klassenzimmers zu wenig Angebote machen. Wenn die Schüler nachmittags ihren Lehrer fragen könnten, bräuchten sie keine Nachhilfe. In der Ganztagsschule wären Lehrer als Ansprechpartner da.", so die Stellungnahme von der Forschungsgruppenleiterin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Elsbeth Stern.

Und Peter Struck ergänzte: "Selbst in Schulen in Ghetto-Bezirken der US-Städte überwindet ein höherer Anteil von Schülern durch die Schule ihre soziale Herkunft als bei uns, was unter anderem daran liegt, dass es dort Ganztagsschulen gibt."

Die Original Zitate der Politiker und die Bewertungen der Experten hat der WDR zusammengestellt unter www.wdr.de/


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