Lehrkräftebedarf

Rund 4.000 Stellen fehlen an hessischen Hochschulen

Die ersten Vorlesungstage im neuen Wintersemester sind vorbei und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Hessen (GEW) schlägt Alarm.

20.10.2017 Hessen Pressemeldung Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft
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„Nach unseren Berechnungen fehlen rund 4.000 Vollzeitstellen an den hessischen Hochschulen, um die Qualität der Betreuung von Studierenden auf hohem Niveau sicherzustellen“, so Maike Wiedwald, stellvertretende Vorsitzende der GEW Hessen. Nach Angaben des statistischen Bundesamtes verschlechterten sich die Betreuungsrelationen an hessischen Universitäten und Hochschulen für Angewandte Wissenschaften in den letzten Jahren schrittweise und lagen genau vor zehn Jahren letztmalig über dem bundesweiten Durchschnitt. Nun drohen sie sich zu diesem Semester erneut zu verschlechtern.

„Um wie viele Studierende sich eine Wissenschaftlerin im Seminar, in Sprechstunden oder in der Betreuung von Abschlussarbeiten kümmern muss, ist zentral für eine hohe Qualität der Lehre. Durch die mangelnde finanzielle Ausstattung der Hochschulen wird diese Qualität in Hessen auf Kosten der Studierenden aufs Spiel gesetzt“, so Valentin Dietrich, Sprecher der Studierenden in der GEW Hessen und selbst Master-Student an der Goethe-Universität Frankfurt. Die Studierendenzahlen werden auf absehbare Zeit auf dem aktuell hohen Niveau verbleiben oder sogar weiter ansteigen. Darüber hinaus sieht die GEW Hessen zusätzlichen Bedarf aufgrund der Aufnahme von Geflüchteten an den Hochschulen. „Ein wichtiges Thema in den Schulen ist es, eine erfolgreiche Integration von Seiteneinsteigerinnen und -einsteigern aus dem Ausland zu ermöglichen, da ist es ja nur logisch, dass diese Menschen irgendwann zu einem gewissen Teil auch ein Hochschulstudium aufnehmen werden“, so Maike Wiedwald mit Blick auf die aktuelle schulpolitische Diskussion in Hessen.

Deshalb mahnt die GEW Hessen eindringlich, dauerhaft zusätzliches Personal für die Hochschullehre anzustellen. „Der Mehrbedarf wird zurzeit vorwiegend durch Lehrbeauftragte gedeckt – das heißt kurzfristig, unsicher und bei einem realen Honorar oft unterhalb des Mindestlohns – einfach nur prekär“, ärgert sich Tobias Cepok, Referent für Hochschule und Forschung der GEW Hessen, mit Blick auf den neuen Rekordstand an Lehraufträgen.  Mit 20 Prozent der Lehre greift die Universität Kassel unter den hessischen Universitäten am stärksten auf Lehrbeauftragte zurück,  an der Frankfurt University of Applied Sciences, der ehemaligen Fachhochschule Frankfurt, sind es sogar 40 Prozent. Cepok fordert weiter, „die Hochschulen müssen mittels einer Qualitätsoffensive für gute Lehre finanziell so ausgestattet werden, dass deutlich mehr Personal langfristig beschäftigt werden kann, aber die Hochschulleitungen müssen dies dann auch umsetzen. Die Lehre muss endlich wieder als vordringliche Aufgabe der Hochschulen wertgeschätzt werden.“

Insgesamt ergibt sich ein Bedarf an 3.619 zusätzlichen Stellen in Vollzeit, um eine gleich gute Betreuungsrelation wie im Jahr 2007 wiederherzustellen. Die Betreuung der Studierenden ist ein zentrales Merkmal hervorragender Qualität von Lehre. Diese Zahl wird zwar rechnerisch etwas über dem tatsächlichen Bedarf liegen, da aufgrund des leichten Studierendenaufwuchses im Vergleich zum Vorjahr die Hochschulen bereits auch mehr Personal eingestellt haben. Ebenfalls haben sich die Hochschulen im Hochschulpakt verpflichtet, mehr unbefristetes Personal einzustellen. Aber auch zusätzlich unter der Annahme, dass weitere Lehrkräfte für besondere Aufgaben (hohes Lehrdeputat) und Lehrbeauftragte zu diesem Wintersemester 17/18 eingestellt wurden, kann von einem Bedarf von rund 3.600 VzÄ ausgegangen werden, nur um den Status von 2007 wiederherzustellen, für eine pädagogisch sinnvolle Betreuung wäre indes noch mal deutlich mehr Personal nötig. Wenn jedoch - wie weiter unten beschrieben - etwaiger Mehrbedarf ausgeglichen oder besonders prekäre Beschäftigung abgebaut werden soll, sind ca. weitere 400 volle Stellen nötig.

Jenseits dringend notwendiger Qualitätsverbesserungen können aber auch andere Faktoren den Personalbedarf beeinflussen, hierzu zwei Beispiele:

Prognosen zur Studierendenentwicklung

Zur Entwicklung der Studierendenzahlen gibt es sehr unterschiedliche Berechnungen. Diese reichen von der KMK bis zur GEW-eigenen Studie zum bundesweiten Personalbedarf.

Trotz unterschiedlicher Einschätzungen kann für Hessen von einem anhaltenden „Hochplateau“ ausgegangen werden, das rund 250.000 Studierende oder sogar mehr – wenn man Veränderungen wie den vermehrten Zugang von beruflich Qualifizierten und den anhaltenden Studierwunsch junger Menschen berücksichtigt. Aktuell nehmen 59 Prozent eines Jahrganges in Deutschland ein Studium auf. Falls sich Deutschland und damit auch Hessen dem EU21-Durchschnitt (63 Prozent) und dem OECD-Durchschnitt (67 Prozent) weiter annähert, was politisch wünschenswert und marktwirtschaftlich sinnvoll ist, wäre deutlich mehr Personal für eine gute Lehre nötig. Falls sich die Studienanfängerzahlen von 35.128 (WiSe 16/17) langfristig um 4 Prozent erhöhen, wären je nach Verteilung auf Universitäten und HAWen, 55 bis 84 zusätzliche Vollzeitstellen notwendig.

Geflüchtete an Hochschulen

Im Jahr 2015 sind etwa 80.000 Geflüchtete nach Hessen gekommen, von denen rund ein Viertel (27,7 Prozent) im typischen Studierenden-Alter von 18 bis 25 Jahren ist. Wenn man wie Jürgen Zöllner von der Friedrich-Ebert-Stiftung davon ausgeht, dass ein Fünftel dieser Gruppe ein Studium anstrebt, ergebe sich für Hessen eine Zahl von 4.432 Studierenden. Nach der aktuellen Befragung der HRK zu Geflüchteten an Hochschulen sind zwar erst 1.140 Geflüchtete an Hochschulen immatrikuliert, aber bereits 5.700 Geflüchtete haben Kurse zur Aufnahme eines Studiums besucht, rund 80 Prozent mehr als in vorangegangenen Semestern. Fast 24.000 Einzelberatungen meldeten die Hochschulen für das vergangene Wintersemester. Zusätzlich werden Nachqualifizierungen an den Hochschulen anfallen, um Geflüchtete auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten. Laut einer Studie des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge vom November 2016 verfügen etwa 13 Prozent der Geflüchteten bereits über einen Hochschulabschluss. Aus der Gesamtheit der „Studierinteressierten“ und „Studierfähigen“ kann konservativ geschätzt werden, dass rund 1.000 Geflüchtete in Hessen pro Jahr dauerhaft mehr als Studierende eine Immatrikulation vornehmen werden. Hieraus ergibt sich bei der Annahme, dass je nach Verteilung auf Universitäten und/oder HAWen mit den Betreuungsrelationen von vor 10 Jahren ca. zwischen 40 und 60 Vollzeitäquivalente zusätzlich nötig wären.

Vollzeit ist nicht gleich Vollzeit!

Ein statistisches Vollzeitäquivalent sagt nichts über das dahinter liegende Arbeitsverhältnis aus. Es kann sich um eine Professur an einer Universität, eine wissenschaftliche Mitarbeiterin oder um 5 bis 6 Lehrbeauftragte (statistischer Wert) handeln. Alle verdienen sehr unterschiedlich, sind verschieden abgesichert oder wie im Falle der Lehrbeauftragten sehr prekär – Lehrbeauftragte sind als Selbstständige tätig, bekommen ihr Honorar erst am Ende des Semesters, verfügen oft nicht über eigene Diensträume und werden nur semesterweise beauftragt. Ihr realer Stundenlohn liegt oft deutlich unterhalb des gesetzlichen Mindestlohns, da insbesondere Zeiten zur Vor- und Nachbereitungen sowie Krankheit nicht bezahlt werden.

Aus den Daten Personalstatistik des Hessischen Landesamtes 2017:
Expotentieller Anstieg der Lehrbeauftragten hessenweit! Neuer Negativrekord! Trotz einer leicht veränderten Einstellungspolitik der jetzt „neuen“ Hochschulen für Angewandte Wissenschaften seit dem Jahr 2014 hat die Zahl der Lehrbeauftragten 2016 einen neuen Höchststand mit 5.744 (2015:5673) Selbstständigen erreicht. Prozentual haben seit 2007 insbesondere die mittelhessischen Universitäten zugelegt, aber insgesamt führt die Statistik als „Dumpinghochschule“ in diesem Bereich die Universität Kassel mit 869 Lehrbeauftragten an, an den Hochschulen für Angewandte Wissenschaften unterrichten die meisten Lehrbeauftragten an der Frankfurt University of Applied Science; dies sind trotz der deutlich kleineren Hochschule fast so viele wie an der Universität Kassel. Schätzungsweise werden danach an der FRA-UAS knapp über 40 Prozent der Lehre von Lehrbeauftragten erbracht, an der Universität Kassel deutlich über 20 Prozent. Es geht aber auch anders: Die Technische Hochschule Mittelhessen hat stattdessen Lehrkräfte für besondere Aufgaben eingestellt.

Ein relevanter Anteil der Lehrbeauftragten nimmt mehr als einen Lehrauftrag war und ist auf diese Einnahmen zur Bestreitung des eigenen Lebensunterhaltes angewiesen. Wenn 20 Prozent der Lehraufträge in regulärer Beschäftigung überführt werden würden, wären 230 Vollzeitstellen einzurichten.


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