Hochschullehre

Versucht's mal mit Humor

Gelangweilte und frustrierte Studierende, leere Hörsaalreihen – auch für Lehrende ist das nicht lustig. Apropos lustig: Wer seine routiniert abgespulten Lehrveranstaltungen dagegen mit der richtigen Dosis Witz anreichert und die Studierenden zum Lachen bringt, tut viel für sein Fach.

24.09.2018 Bundesweit Artikel Deutsche Universitätszeitung (duz)
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Ein Anästhesist beginnt die laufende Vorlesung für Medizinstudierende zum Thema Herz-Lungen-Wiederbelebung mit einem etwas befremdlichen Einstieg. Er erhebt vor den verblüfften Studierenden die Stimme in bester Sportreporter-Manier: „Meine Damen und Herren, das Spiel läuft. Ein ewiges Drücken. Immer rauf und runter. Was für ein Tempo. 100 Pässe pro Minute auf das Sternum. Gezielte 50 mm. Oh und jetzt der 30. Pass. Da kommt Wind auf. Luft raus, rein, raus, rein. Aber weiter, immer hin und her, hoch und runter. Was für eine Arbeit! Immer die 50 mm. So, das Gerät ist warm gelaufen. Die Mannschaft wird nun ergänzt durch den Defibrillator. Alle weg vom Ball, die Maschine muss ran. Wow, das hat gerumst. 120 Joule in Richtung Tor. War es ein Tor? – Das werden wir erst in zwei Minuten erfahren, weiter geht’s. Rauf und runter, rauf und runter. Jetzt sind zwei Minuten um, und, und, und war es ein Tor? Hat es geholfen? Wie ist der Rhythmus? Ja, ja, ja! Sinusrhythmus. Da ist er, der Sinusrhythmus, und ein kräftiger Carotispuls. Welche Freude, welche Erleichterung. Die ganze Mannschaft atmet auf. Tor! Tor! Tor!“

Die Autorinnen Dr. Kareen Seidler und Eva Ullmann arbeiten für das Deutsche Institut für Humor in Leipzig. Die Sozialpädadogin Eva Ullmann gründete 2005 das Deutsche Institut für Humor. Vielleicht ein gewagter Name angesichts der Klischees über Deutsche und ihren (mangelnden) Sinn für Humor. Dessen ungeachtet bieten Ullmann und ihr Team Dienstleistungen rund um die Humorvermittlung an: Impulsvorträge, Events, Seminare oder Einzelcoaching für Mitarbeiter und Führungskräfte eines Unternehmens.

Das nächste offene Humortraining des Instituts findet am 12./13. Oktober 2018 in Leipzig statt. Weitere Infos

Ein guter Wachmacher

Offene Gesichter, Überraschung und Lacher bei den Medizinstudierenden. Und vor allem: höchste Aufmerksamkeit. Man könnte meinen, Humor habe im Hörsaal nicht viel verloren. Schließlich soll an der Universität gelehrt und gelernt werden und außerdem muss man viel zu viel Stoff im Semester unterbringen. Da bleibt kein Platz für lustige Geschichten und sinnlose Spielchen. Aber: Viele Lehrkräfte kämpfen nicht nur nach dem Mittagstief oder am Semesterende mit einem leeren Hörsaal. Der gezielte Einsatz von Humor und Humortechniken kann deshalb ein gutes Mittel sein, um aus eher gelangweilten oder angespannten Studierenden interessierte und entspannte Zuhörende zu machen. Lerninhalte – das leuchtet ein – können mit Humor leichter und nachhaltiger vermittelt werden.

Inkongruenz sorgt für Überraschung Es lohnt sich also, einen Blick auf die ungewöhnliche Ressource Humor zu werfen: als besondere Methode der Wissensvermittlung und einfach zur Entspannung während der Lehrveranstaltung. Hier kommen insbesondere die Humortechniken der Inkongruenz (wenn zwei Dinge eigentlich nicht zusammenpassen) und des Storytellings zur Geltung. Inkongruenz sorgt für Überraschung und für Aufmerksamkeit – wie beim Sportreporter und der Wiederbelebung. Und meist bringt uns Inkongruenz auch zum Lachen oder zum Schmunzeln und macht uns „wach“, ebenso wie merkwürdige Szenen und Sprachbilder. Wird daraus eine kleine Geschichte gesponnen, kommt dieses Storytelling bei den Zuhörenden meistens gut an und sichert die Aufmerksamkeit.

Noch ein Beispiel aus der Medizin: In einer Trainingsrunde im LIMETTE (Lernzentrum für individualisiertes medizinisches Tätigkeitstraining) an der Universität Münster sollen Studierende in einer Gruppe lernen, unter realistischen Bedingungen vier bis sechs kurze Patientengespräche zu führen. Dafür bekommen sie eine Einweisung, die wichtig ist, damit das Prozedere richtig abläuft und die Studierenden ihren „Einsatz“ nicht verpassen. Da jedoch in jedem Semester diese Termine in der LIMETTE angeboten werden, tritt schnell eine Routine bei der Einweisung ein. Die Studierenden hören nur noch mit halbem Ohr zu, und die Dozenten sind bald genervt. 

So kam die Idee auf, diese Einweisung im Stil der humorvollen Sicherheitsunterweisungen einiger Airlines zu gestalten: „Sehr verehrte Fluggäste des 9. Semesters, im Namen unseres Kapitäns Prof. Dr. Heinemann und der Crew um PD Dr. Liebelt, Dr. Kuschner und Dr. Viers heißen wir Sie herzlichst willkommen an Bord der LIMETTE auf dem Flug von der Psychosomatik zur Somatopsychologie. Es erwarten Sie heute sechs brandneue und hochrelevante klinische Fälle, die wir Ihnen im Laufe einer einzigen Stunde im 9-Minuten-Takt vorstellen werden, wobei wir Sie bitten, Ihren individuellen Zeitplan auf den soeben ausgehändigten Bordkarten zu beachten.“

Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Gastbeitrag aus der aktuellen Ausgabe der Deutschen Universitätszeitung (duz).

Schulungen für Dozenten

In Münster bekommen Dozenten dafür Humorschulungen. Die Dozenten wiederum schulen die Studierenden darin, wie man ein Patientengespräch humorvoll gestalten kann, um Patienten Ängste zu nehmen. Das Prinzip ist in Abwandlungen natürlich auch für andere Fächer anwendbar. Viele Lehrende werden vermutlich kontern: „Ich muss so viel Stoff unterbringen – ich habe einfach keine Zeit, den auch noch humorvoll zu verpacken.“ Gegenargument: Einfach etwas weniger Stoff nehmen und diesen humorvoll verpacken. Dadurch bleibt der Stoff besser hängen und macht im Idealfall Lust auf mehr. Er füllt Hörsäle auch am Ende des Semesters. Er fördert das Selbststudium der Studierenden, auch wenn die Vorlesung längst vorüber ist.

Humorvolles Spiegeln

Um die Atmosphäre zu entspannen, kann man zum Beispiel die Technik des humorvollen Spiegelns einsetzen (frei nach der Kommunikationstechnik des Spiegelns nach Carl Rogers). Bei der klassischen Technik des Spiegelns wiederholt man in eigenen Worten das, was das Gegenüber gesagt, gedacht oder gefühlt hat – und zwar vollkommen wertfrei. Bei der humorvollen Spiegelung tut man genau dasselbe, gibt der Spiegelung allerdings eine lustig-unterhaltsame Note.

Beispiel: Studierender zur Dozentin: „Ich schmeiß hin, das ist mir hier alles zu hoch.“ Spiegelung: „Sie empfinden die Aufgaben als zu schwierig.“ Humorvolle Spiegelung: „Sie finden, um diese Aufgaben lösen zu können, braucht man nicht nur einen Doktor in Quantenphysik, sondern mindestens noch zwei Nobelpreise.“

Wichtig hierbei ist, dass man als Lehrender wohlwollend und empathisch bleibt. Auch Tonfall und Ihre Körpersprache sollten vermitteln: Ich verstehe Sie, ich bin Ihnen wohlgesonnen. Beim Humor im Hochschulalltag geht es keineswegs um dauerhaftes Witzigsein, sondern um den wohldosierten Einsatz humorvoller Rhetorik.

Weiterlesen

Dickhäuser, Andreas: „Chemiespezifischer Humor: Theoriebildung, Materialentwicklung, Evaluation“, Logos, 2015.

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