Wissenschaftsfeindschaft

Welten konstruieren

Wissenschaft ist selten geradlinig. Sie muss frei sein, Fragen zu stellen, zu zweifeln und zu irren, um schließlich neue Sichtweisen zu ermöglichen. Dafür braucht es mündige Bürger, die Ambivalenzen aushalten. Bieten wir den Vereinfachern die Stirn. Von Peter-André Alt

22.12.2017 Bundesweit Artikel Deutsche Universitätszeitung (duz)
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Bertolt Brechts Galileo Galilei hat einen Traum, den Traum von der Wirksamkeit wissenschaftlichen Beharrungsvermögens. Ihn speist die Hoffnung, dass autoritäre Dogmen nichts ausrichten können gegen die Überzeugungskraft triftiger Beweise und Indizien. Diese Überzeugungskraft, so weiß Galilei, muss durch unbestechliche Beobachtungskunst, intellektuelle Ausdauer und geistigen Mut immer wieder neu erarbeitet werden. Das ist beschwerlich, denn es fordert weite Wege und einen langen Atem.

Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Gastbeitrag aus der aktuellen Ausgabe der Deutschen Universitätszeitung (duz).

Die große Fahrt der kopernikanischen Erkenntnis wird am Ende aufgeschoben, weil Galilei, von der Inquisition gezwungen, seine Einsichten widerrufen muss. Aber nicht nur der Widerstand der alten Autoritäten verzögert den Aufbruch zu neuen Ufern. Zur wissenschaftlichen Erkenntnis gehört generell, dass sie nicht geradlinig verläuft, sondern unter Rückwärts und Seitenbewegungen. Für Galilei steht das verknöcherte System des Geozentrismus mit seinen scholastischen Setzungen und theoretischen Vereinfachungen gegen die Kraft des klaren Sehens, der Vernunft und Vorurteilslosigkeit. Brecht hat diese Spannung in der ersten Fassung seines Stücks, die er 1938/39 im dänischen Exil niederschrieb, recht schematisch dargestellt. Nur sechs Jahre später, unter dem Eindruck des Atombombenabwurfs über Hiroshima und Nagasaki, konnte er seine einfachen Antinomien nicht mehr aufrechterhalten. Hier die alte Welt der Vorurteile, dort das Fortschrittsdenken der modernen Empirie – das war nun zu simpel. Dass auch eine progressive Wissenschaft sich, wenn sie zur Praxis führt, in ethische Konlikte verstricken kann, bewies die Geschichte der modernen Atomphysik mit schrecklicher Konsequenz. Die reine Vernunft der Forschung wird verschlungen von der Dialektik der Aufklärung. Sie und nicht der Marxismus ist das wahre Gespenst, das im 20. Jahrhundert in Europa umgeht. Nach ihr gibt es keine einfache Trennung zwischen wahr und falsch, zwischen hell und dunkel. Auch die Rationalität des Fortschritts kann zur Magd inhumaner Anwendungen und Zurüstungen, zum Objekt der Manipulation werden.

Der Text ist ein Auszug aus Peter-André Alts Rede aus Anlass der Verleihung des Universitas-Preises der Hanns-Martin-Schleyer-Stiftung am 30. November 2017 im Allianz Forum Berlin.

Das Beispiel zeigt, dass man, wo es um Wissenschaft geht, vorsichtig sein muss mit schematischen Gegensätzen. Heute reden wir wieder von der Spannung zwischen Vernunft und Gegenvernunft, zwischen Fakten und Lügen. Als vor einem halben Jahr überall in Deutschland der großartige „March for Science“ stattfand, hielten viele Menschen Schilder hoch, auf denen stand

„Nur die Tatsachen zählen“. Ganz so einfach ist es leider nicht, ganz so leicht macht es uns zumindest die Wissenschaft nicht. Natürlich existieren unumstößliche Fakten, die durch die Forschung gesichert sind. Dass Impfungen Krankheitsrisiken reduzieren, gehört ebenso zu solchen Fakten wie die Notwendigkeit des Klimaschutzes, die sich aus der allgemeinen Klimaentwicklung mit gesteigerten Emissionswerten und zunehmender Erderwärmung ergibt. Es steht außer Frage, dass die Wissenschaft Tatsachen hervorbringt, von denen man etliche als dauerhaft und beständig bezeichnen kann. Aber wissenschaftliche Erkenntnis schafft auch Zwischenebenen, einen gleitenden Wandel klarer Bezugsgrößen, der aus dem Wechsel von Perspektiven, Haltungen und Methoden resultiert. Jede Physikerin, jeder Mathematiker, jeder Historiker und jede Biochemikerin wird das bestätigen; die Zahl der unumstößlichen Tatsachen, auf die eine Disziplin sich verlassen kann, weil sie seit Jahrhunderten immer wieder neu bestätigt wurden, ist endlich. Vieles von dem, was lange Zeit als unverbrüchlich objektives Faktum gilt, wird irgendwann zum Irrtum erklärt und in die Rumpelkammer der Forschungsgeschichte verbannt. Ohne diese Dynamik wäre die Wissenschaft statisch, im schlimmsten Fall starrsinnig wie die Inquisitionsrichter Galileis.

Zu den ärgerlichen Konsequenzen der Wissenschaftsfeindschaft, die seit einigen Jahren in Kreisen religiöser Fanatiker und populistischer Vereinfacher um sich greift, gehört, dass die Ambivalenz von Forschungsresultaten zunehmend verloren zu gehen droht. Verständlich ist, dass sich die Wissenschaft selbst mit dem Hinweis auf Fakten verteidigt, wenn sie sich dem Vorwurf der Manipulation ausgesetzt sieht. Aber die simple Opposition zwischen Tatsache und Lüge, Wahrheit und Wahrheitsfeinden verkürzt die Sachlage. Natürlich gibt es Fakten, die unhintergehbar sind. Ihren Leugnern müssen wir uns im Namen des Objektivismus entgegenstellen, wo sie auch auftreten mögen. Aber Wissenschaft ist mehr als Faktenerzeugung durch Beobachtung, Experiment, Hypothese, Regeldeinition. Schon Lessing formulierte 1777: „Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgendein Mensch ist oder zu sein vermeinet, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Wert des Menschen aus.“ Lessings Diktum verlagert den Schwerpunkt von der vermeintlichen Objektivität der Wahrheit zur subjektiven Suche nach ihr. Aus guten Gründen lässt sich bezweifeln, ob man überhaupt einen verbindlichen, kohärenten Wahrheitsbegriff zur Grundlage wissenschaftlichen Erkenntnisstrebens machen kann. Dessen Ziel ist weniger die Gewinnung absoluter Gewissheiten als die Erschließung von Formen und Strukturen, in denen neue Sichtweisen freigesetzt werden. Szientiische oder hermeneutische Erkenntnis gelingt nur dort, wo das Bestehende in Experimenten und Deutungsmustern, in Proberechnungen und Hypothesen simuliert, hinterfragt und als anders vorstellbar gefasst wird. 

Den gesamten Artikel zum Weiterlesen finden Sie hier.

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