Studie

Zusammensetzung der Schülerschaft einer Schule hat Einfluss auf spätere Karriere

Forscher der Universität Tübingen bescheinigen sowohl vorteilhafte wie auch nachteilige Effekte von „guten“ Schulen.

16.10.2018 Bundesweit Pressemeldung Universität Tübingen, Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung
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Der Besuch einer „guten“ Schule muss nicht automatisch gut für alle sein, die sie besuchen: Eine aktuelle Studie zeigt vielmehr, dass die Mitschülerinnen und Mitschüler den Berufs- und Karriereweg des einzelnen Schülers oder der einzelnen Schülerin nachhaltig beeinflussen, mit teilweise positiven und teilweise negativen Konsequenzen. Stammen die Schülerinnen und Schüler an einer Schule überwiegend aus Elternhäusern mit einem hohen Bildungsniveau, sind sie auch unabhängig von ihrer eigenen Herkunft erfolgreicher als Schüler an Schulen mit einem geringeren Bildungsniveau der Eltern. Sie erlangen einen besseren Bildungsabschluss, angesehenere Berufe und erzielen höhere Einkünfte. Anders sieht es jedoch bei der Schulleistung aus. Ein höheres Leistungsniveau der Mitschüler birgt die Gefahr, dass einzelne Schülerinnen und Schüler hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben.

Grund dafür dürften nachteilige Vergleiche mit besseren Klassenkameradinnen und Klassenkameraden sein, die dazu führen, dass Schülerinnen und Schüler ein geringeres Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten entwickeln. Das hat langfristige Auswirkungen: Diese Schülerinnen und Schüler verdienten auch noch nach 50 Jahren weniger und hatten weniger angesehene Berufe als Schüler aus Schulen mit einem geringeren Leistungsniveau. Das haben Dr. Richard Göllner, Professor Benjamin Nagengast und Professor Ulrich Trautwein von der Universität Tübingen gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen der University of Houston und der University of Illinois in einer Studie herausgefunden. Die Ergebnisse wurden in der Zeitschrift Psychological Science veröffentlicht.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler untersuchten, ob der Besuch einer „guten“ Schule Auswirkungen auf die Leistungserwartung, den Bildungserfolg, das Einkommen und das Berufsprestige hat. Dazu werteten sie Daten einer Langzeitstudie in den USA aus. Rund 380.000 High-School-Schülerinnen und -Schüler nahmen im Jahr 1960 teil. Etwa 85.000 konnten nach elf Jahren und immerhin noch 2.000 von ihnen nach 50 Jahren erneut befragt werden. 

Die Studienautoren untersuchten die Leistungen der Schülerinnen und Schüler in Mathematik und Englisch und werteten die Antworten auf die Frage nach Bildungszielen und den Berufserfolg aus. Dabei stellten sie einmal einen Bezug zum Bildungsabschluss der Eltern und einmal einen Bezug zum durchschnittlichen Leistungsniveau der Schule her. Wie erwartet fanden sie heraus, dass Schülerinnen und Schüler in Schulen, in denen die Elternschaft im Durchschnitt einen höheren Bildungsabschluss aufwies, auch höhere Erwartungen an ihre eigene akademische Karriere zeigten und sowohl nach elf als auch nach 50 Jahren mehr verdienten und angesehenere Berufe hatten als Kinder, die Schulen besuchten, an denen die Eltern mittlere oder niedrigere Bildungsabschlüsse hatten.

Für das Leistungsniveau fand sich hingegen ein gegenteiliger Effekt: Wenn das Leistungsniveau der Schule hoch war, hatten die Schülerinnen und Schüler nach Berücksichtigung ihres eigenen sozialen Hintergrunds und ihrer Schulleistungen weniger hohe Erwartungen an ihre eigene akademische Karriere, arbeiteten in weniger angesehenen Berufen und verdienten sowohl nach elf als auch nach 50 Jahren weniger als Personen, die als Kinder Schulen mit einem niedrigeren Leistungsniveau besucht hatten. „Der ständige Vergleich mit Mitschülern, aber auch nachteilige Beurteilungen durch Lehrkräfte führen dazu, dass die Erwartungen an die eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten sinken, was sich wiederum nachteilig auf den Berufs- und Karriereweg auswirkt“, sagt Richard Göllner vom Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung an der Universität Tübingen, der Erstautor der Studie. Den negativen Effekt bei leistungsstarker Schülerschaft abzumildern, sei deshalb auch eine tagtägliche Herausforderung für Lehrerinnen und Lehrer.

Die Ergebnisse der Studie sind darüber hinaus relevant für die Diskussion um die Leistungsdifferenzierung im Schulsystem. „Die Studie zeigt, dass es naiv ist zu denken, dass leistungsstarke Mitschüler langfristig automatisch zu günstigeren Ergebnissen führen“, hebt Ulrich Trautwein, Direktor des Hector-Instituts für Empirische Bildungsforschung, hervor. „Wer bei Reformen des Schulsystems die psychologischen Bedürfnisse der Schüler vergisst, tut diesen keinen Gefallen.“


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