Projekt

Mobilität für bildungsbenachteiligte junge Erwachsene

»Fit in Europe« betritt ein Terrain der internationalen Jugendmobilität, das bisher wenig beschrieben und bearbeitet ist. Denn: Internationale Mobilitätserfahrungen sind für bildungsbenachteiligte junge Erwachsene oft unerreichbar. Von Lena Hass, Angelika Hauser und Kathrin Weihmann

06.11.2019 Bundesweit Artikel Sozialmagazin
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Doch gerade diese Zielgruppe profitiert ganz besonders von den kontrastierenden Erfahrungen im Auslandspraktikum. Worin der Erfolg des Projekts und der Nutzen für die jungen Menschen liegt, zeigen die Autor_innen in diesem Beitrag. Für viele junge Erwachsene mit sozialen Benachteiligungen, die sogenannten NEETS (»Not in education, employment or training«), sind internationale Mobilität und Auslandsaufenthalte unerreichbar. Aus den Erfahrungen grenzüberschreitender Projekte wie »Fit in Europe« wird jedoch deutlich, dass Auslandsaufenthalte in besonderer Weise gerade (aus-)bildungsbenachteiligte junge Erwachsene durch alternative Erfahrungen in einem ungewohnten Umfeld nicht nur im Bereich des Selbstwerts stärken, sondern helfen, resignative Grundhaltungen zu überwinden und Alltagskompetenz zu steigern. Zudem wirken sie sich positiv auf die Stabilisierung von Arbeits- und Sozialverhalten aus.

Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Gastbeitrag aus dem Sozialmagazin.

Ziel des Projektes ist es daher, jungen Erwachsenen zwischen 18 und 25 Jahren mit sozialen Benach­teiligungen und ohne konkrete Arbeitsmarkt­perspektive einen möglichst niedrigschwelligen Auslandsaufenthalt in Frankreich oder Spanien zu ermöglichen. Außer der Altersgrenze und der Notwendigkeit, dass die jungen Menschen an einer durch den Europäischen Sozialfonds (ESF) geförderten arbeitsmarktpolitischen Maßnahme in Rheinland-Pfalz teilnehmen, gibt es keine Ausschlusskriterien. Insbesondere Fremdsprachenkenntnisse werden nicht vorausgesetzt.

Für die jungen Menschen ist die Teilnahme am Projekt kostenfrei und freiwillig. Eine vorzeitige Beendigung ist aus persönlichen Gründen zu jedem Zeitpunkt ohne institutionelle Konsequenzen möglich. Dies ist wichtig, um eine Arbeitsbasis auf Augenhöhe herzustellen und somit eine Grundlage für selbstwirksame, motivationale Erfolge zu schaffen.

Zahlen, Daten, Fakten

Seit 2012 wird das Projekt »Fit in Europe« durch das Ministerium für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Demografie des Landes Rheinland-Pfalz aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds sowie aus arbeitsmarktpolitischen Mitteln des Landes Rheinland-Pfalz gefördert und von den Mainzer Kompetenz Initiativen e. V. umgesetzt. »Fit in Europe« ist ein Teil der rheinland-pfälzischen Arbeitsmarktpolitik und arbeitet mit Träger_innen arbeitsmarktpolitischer ESF-geförderter Maßnahmen für junge Erwachsene zusammen. Im Ausland kooperiert »Fit in Europe« mit je einer Aufnahmeorganisation in Marseille (Frankreich) und León (Spanien).

Zwischen 2012 und 2018 haben 153 junge Menschen an »Fit in Europe« teilgenommen. 132 entschieden sich nach der Teilnahme am obligatorischen Vorbereitungsseminar »Fit4Mobilty« (Modul 1) für den Auslandsaufenthalt »Fit4Europe« (Modul 2) und traten diesen auch an. Fast 90 % schlossen diesen ab und nahmen dann auch am Nachbereitungstraining »Fit4Life« (Modul 3) teil. Das Projekt kommt somit auf eine Quote von 76 % erfolgreicher Projektabschlüsse. 

Die Teilnehmenden von »Fit in Europe« sind überwiegend männlich (63 %) und etwa 21 Jahre alt. Ungefähr 15 % verfügen über eine zweite oder keine deutsche Staatsangehörigkeit. Mehr als die Hälfte der Teilnehmenden hat einen Hauptschulabschluss (52 %). Werden die Teilnehmenden, die darüber hinaus ein niedrigeres Bildungsniveau aufweisen (Förderschulabschluss oder keinen Schulabschluss) addiert, steigt die Gesamtzahl auf 65 % an. Nur etwa 20 % haben eine Ausbildung abgeschlossen.

Im Unterschied zu regulären Mobilitätsprogrammen ist ein Auslandsaufenthalt für die Zielgruppe der sogenannten NEETS aufwändiger umzusetzen. Sowohl die Projektseite als auch Ausreisende haben höhere Hürden zu nehmen. Zum einen legt »Fit in Europe« daher großen Wert auf die ganzheitliche Begleitung der Teilnehmenden sowie dauerhafte Ansprechbarkeit bei gleichzeitiger Rückdelegation von Verantwortung (Empowerment) an die Teilnehmenden. Zum anderen pflegt das Projekt eine enge Zusammenarbeit mit den entsendenden Netzwerkpartnern_innen in Rheinland-Pfalz und den Aufnahmeorganisationen in Frankreich und Spanien.

Wer ist dabei? Akquise und Auswahl der Teilnehmenden

Ein besonderes Augenmerk liegt auf der gezielten und sorgfältigen Akquise und Auswahl der Teilnehmenden im Vorhinein sowie deren Vorbereitung und Betreuung in den Modulen. Denn nicht für Jede_n ist ein grenzüberschreitendes Mobilitätsprogramm (zum aktuellen Zeitpunkt) das Richtige. Im Vorfeld eines jeden »Fit4Mobilty«-Trainings informieren die mit »Fit in Europe« kooperierenden Netzwerkpartner_innen in Rheinland-Pfalz Teilnehmende ihrer Maßnahmen über das Angebot und konkretisieren mit einzelnen infrage kommenden jungen Menschen ihr Interesse und ihre Perspektive mit »Fit in Europe«. Flankierend stellen die Mitarbeitenden von »Fit in Europe« das Projekt mit seinen Zielen und Inhalten auch in den Maßnahmen vor und werben dort aktiv für die Teilnahme.

Die intensive Akquise ist notwendig, da die Zielgruppe von »Fit in Europe« in der Regel von Mobilitätsprogrammen ausgeschlossen ist und dementsprechend Ferne und Skepsis zeigt. Die potenziellen Teilnehmenden müssen »abgeholt« und individuelle Vorteile wie Chancen und Perspektiven aufgezeigt werden. In diesem Sinne hat es sich bisher zur erfolgreichen Teilnehmendenakquise im Projekt bewährt, wenn die Fachkräfte der Maßnahmeträger selbst bei den Aufnahmeorganisationen vor Ort in Marseille und León waren, um sich ein konkretes Bild über die Lage und Anforderungen machen zu können. Eine strategische transnationale Vernetzung ist daher nicht nur sinnvoll, sondern auch notwendig.

Bei der Erstellung der erforderlichen Bewerbungsunterlagen (Lebenslauf, Motivationsschreiben, kreativer Steckbrief und Bewerbungsvideo) unterstützen die Fachkräfte die jungen Menschen. Mit der Übermittlung individueller sozialer Umstände der Teilnehmenden zwischen Maßnahmeträgern, Projekt und ausländischen Aufnahmeorganisationen sowie Praktikumsbetrieben wird hier – wie generell – sparsam umgegangen, um die Voreingenommenheit aller Beteiligten gegenüber den einzelnen Teilnehmenden zu reduzieren. Sie sollen die Chance bekommen, sich jenseits von verinnerlichten defizitären (Selbst-)Zuschreibungen, quasi als »unbeschriebenes« Blatt, zu erleben und von anderen erlebt zu werden. Das Bewerbungsprozedere fungiert auch als erste Einstimmung auf die folgenden Herausforderungen im In- und Ausland.

Empowerment, Teambuilding und interkulturelle Sensibilisierung

Das Modul »Fit4Mobility« bereitet nach Abschluss des Bewerbungsverfahrens innerhalb von fünf Tagen bis zu acht ausgewählte Teilnehmende aus Rheinland-Pfalz auf ihren vierwöchigen Auslandsaufenthalt vor. Für die jungen Ausreisenden bildet dieser einen starken Kontrast zu ihrem Alltag: Sie befinden sich weit entfernt von ihren Gewohnheiten und Strukturen sowie ihrem sozialen und familiären Umfeld, ohne oder mit geringen Sprachkenntnissen, in einer Gruppe und arbeitend.

Zum Weiterlesen: In Ausgabe 9-10/2019 des Sozialmagazin (S. 72)

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