Hochschulentwicklung

Ein Ungeist breitet sich aus

Die Internationalisierung der Hochschulen ist eine Erfolgsgeschichte, die das letzte halbe Jahrhundert geprägt hat. Doch damit könnte es bald vorbei sein, wenn diesseits und jenseits des Atlantiks der Nationalismus an Boden gewinnt. Eine Einschätzung von Philip G. Altbach und Hans de Wit.

04.05.2017 Bundesweit Artikel Deutsche Universitätszeitung (duz)
  • © www.pixabay.de Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Gastbeitrag aus der aktuellen Ausgabe der Deutschen Universitätszeitung (duz).

Seit einigen Monaten mehren sich die Anzeichen: Die Internationalisierung des Hochschulwesens ist dabei, sich grundlegend zu wandeln. Nachdem ihre Bedeutung in den letzten fünf Jahrzehnten beständig zugenommen hat, hat sie durch die jüngsten US-Einreisebeschränkungen für Bürger aus Ländern mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung und die dadurch verursachten Unwägbarkeiten eine Zäsur erfahren. Im Verbund mit dem Brexit, der nationalistischen Ausrichtung der Regierungen in Polen und Ungarn und dem erstarkenden Rechtspopulismus in Europa scheint eine Art „neuer Weltordnung“ in der Hochschul-Internationalisierung zu entstehen.

Manche Beobachter lassen sich davon nicht beeindrucken. Sie gehen davon aus, dass im Bildungswesen weiterhin altbewährte Muster fortgeschrieben werden. Wir sind vom Gegenteil überzeugt. Dabei befürchten wir nicht, dass die akademische Gemeinde ihre Ziele der Mobilität und Internationalität aufgibt. Und schon gar nicht befürchten wir den Rückzug kommerzieller Interessenvertreter, die sich in letzter Zeit auf dem Marktplatz namens Internationalisierung engagiert haben. Dennoch glauben wir, dass wir am Anfang einer Phase radikaler Veränderung stehen.

Bei der Internationalisierung der Hochschulbildung handelt es sich um eine ganze Reihe von Konzepten und Programmen. Dazu gehört es beispielsweise, die Vorzüge der Globalisierung als wichtigen Bestandteil der Weltwirtschaft anzuerkennen. Dazu gehört außerdem Engagement für globale Verständigung, der Respekt für kulturelle Vielfalt und die Offenheit für eine partnerschaftliche Zusammenarbeit von Akteuren, die politische, kulturelle oder ökonomische Unterschiede aufweisen.

Internationalisierung gilt oft als weiche Form der Einflussnahme auf nationaler Ebene. Ihre betriebswirtschaftliche Seite hat sich in den letzten Jahren zu einem lukrativen Geschäft entwickelt – Milliarden werden in Internationalisierungs-Programme gesteckt, während Hochschulen, Privatunternehmen und alle möglichen Dienstleister, Versicherer, Vermittler und andere Interessenvertreter kräftig daran verdienen. Ausländische Studierende spielen eine nicht unwesentliche Rolle für die Wirtschaft der USA (s. Interview). Und auch britische Universitäten erwirtschaften rund ein Achtel ihrer Einnahmen durch die Studiengebühren ausländischer Studierender, die darüber hinaus etwa sieben Milliarden Pfund zur Wirtschaft des Landes beitragen.

Auch wenn die idealistischeren Aspekte der Internationalisierung in den letzten Jahren durch Kommerzialisierung und Gewinnorientierung aufgeweicht wurden, ist die ideelle Zielsetzung mehr oder weniger intakt – die akademische Gemeinde ist ihr zweifelsohne weiterhin verpflichtet. In ökonomischer Hinsicht dürften sich indes ernsthafte Schwierigkeiten ergeben – mit beträchtlichen Auswirkungen für mobile ausländische Studierende ebenso wie für Akademiker, die auf internationale Mobilität und Zusammenarbeit angewiesen sind, und schließlich für Hochschulen und Regierungen, die auf mobilitätsbedingte Einnahmen aller Art zählen. Der Fortbestand von über 200 internationalen Hochschulniederlassungen weltweit (viele davon in muslimisch geprägten Ländern), die vor allem von europäischen und US-amerikanischen Universitäten finanziert werden, könnte gefährdet sein.

Philip G. Altbach
ist Forschungsprofessor und Gründungsdirektor des Center for International Higher Education am Boston College, USA.

Hans De Wit
ist dort Professor und Direktor.

Die Einwanderungsbeschränkungen der neuen US-Regierung sind nur ein Beispiel von vielen: Weltweit befinden sich die politischen Umstände im Umbruch. Die ohnehin strengen Überprüfungen von Personalien dürften sich weiter verschärfen. Auch die Neueinstufung ausländischer Studierender nach dem Einwanderungsrecht durch die britische Regierung schafft Instabilität. In mehreren europäischen Ländern ist in nächster Zeit mit Veränderungen in der Politik und in der Bewertung studentischer und akademischer Mobilität zu rechnen.

Ausgerechnet im 30. Jubiläumsjahr des europäischen Vorzeigeprogramms Erasmus ist die Zukunft dieses und anderer Förderprogramme in den Bereichen „Forschungskooperation“ und „Ausbau der Hochschulkapazitäten“ ungewiss oder könnte infolge der anti­europäischen Stimmung am rechten Rand des politischen Spektrums künftig von massiven Kürzungen betroffen sein. Der Trend in den westlichen Ländern zur Abschottung von Grenzen oder jedenfalls zur Verschärfung von Einreisebestimmungen könnte sich durchaus intensivieren. Noch ist unklar, welches der von den diskriminierenden westlichen Maßnahmen betroffenen Länder sich revanchieren wird, und ob es zu einer Art Handelskrieg in der Bildungsinternationalisierung kommt.

Immerhin gibt es auch Gegenbeispiele. So hat Kanada beispielsweise verlautbart, dass es seine Grenzen offen halten und seine internationalen Mobilitätsprogramme ausweiten wird, einschließlich des Einbürgerungsangebots für ausländische Hochschulabsolventen. Andere Länder, darunter China und Indien, könnten ihre Bildungsangebote aufwerten, um sie attraktiver für ausländische Studierende zu machen. Der Trend hin zu steigender Mobilität in Asien, Lateinamerika und bestimmten Regionen Afrikas wird sich beschleunigen.

Die Ankündigungen und Absichten von Trump, May und anderen müssten nicht einmal in vollem Umfang umgesetzt werden. Allein schon der Umstand, dass Misstrauen und Diskriminierung, Schikanen beim Grenzübergang, erschwerte Visumsvergabe und sonstige Probleme mittlerweile gang und gäbe sind, wirkt sich auf die Einstellung der Menschen zu den Themen Mobilität und Internationalisierung aus. Der neue Ungeist hat sich bereits ausgebreitet – und lässt sich nicht ohne Weiteres aus der Welt schaffen. Die Internationalisierung gilt von Haus aus als westliches Konzept, das vor allem den Industriestaaten selbst zugutekommt. Kapselt sich der Westen ab, könnte die nächste Revolution der Hochschulinternationalisierung in den Entwicklungs- und Schwellenländer stattfinden.

Die Konsequenzen der skizzierten Trends lassen sich noch nicht exakt vorhersagen; gleichwohl zeichnen sich mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit folgende Szenarien ab:

  • Die studentischen Mobilitätsmuster werden erheblichen Veränderungen unterworfen sein. Dies wird sich vor allem auf den Marktanteil Großbritanniens und der USA auswirken, der bereits zu schrumpfen begonnen hat.
  • Das globale Ansehen der USA, Großbritanniens und weiterer Länder, die deren intolerantem, xenophobem Beispiel folgen, wird leiden, und die Dominanz dieser Länder in globalen akademischen Rankings, wissenschaftlichen Kooperationen und akademischem Ansehen dürfte schwinden.
  • Am stärksten dürften die öffentlichen Hochschulen in den USA und Großbritannien betroffen sein, zum einen durch die weitere Streichung staatlicher Mittel und zum anderen durch den Rückgang an Gebühreneinnahmen von ausländischen Studierenden.
  • Für kleinere Hochschulen, die ohnehin unter der Bevölkerungsentwicklung leiden und häufig auf die Immatrikulation ausländischer Studierender angewiesen sind, ist die Situation sogar existenzgefährdend.
  • Hochschulniederlassungen und anderweitige Formen der von den USA und Großbritannien ausgehenden länderübergreifenden Bildung könnten vor dem Aus stehen – und Hochschulen aus anderen Regionen wie etwa Indien und China in die Bresche springen. Derzeitige Gastländer westlicher Hochschulniederlassungen im Mittleren Osten und anderswo könnten ihre Bereitschaft überdenken, diese weiterhin zu fördern.
  • Stipendienprogramme wie Fulbright in den USA (siehe Kasten unten) und Erasmus in Europa stehen vor massiven Kürzungen. So wird sich die Mobilität von Studierenden und Lehrkräften weiter reduzieren.
  • Den ohnehin als elitär geltenden Internationalisierungsansatz werden sich möglicherweise nur noch die angesehensten Unis leisten können.

Gleichzeitig werden sich zahlreiche Hochschulen samt ihren Lehrkräften und Studierenden in den USA und Europa gegen diese Trends stemmen und Initiativen ergreifen, um internationale Solidarität, Kooperation und Austausch zu fördern. Dem von Trump und May abgelehnten Konzept der „Global Citizenship“ wird eine Schlüsselrolle im Kampf der Hochschulen um Autonomie und akademische Freiheit zukommen.

Die Reaktionen akademischer Spitzenfunktionäre, Professoren und Studierender an US-Hochschulen auf die von der Trump-Regierung verhängten Beschränkungen belegen jedenfalls eine eindeutig kritische Haltung. Diese Reaktionen sind nicht von der Sorge vor Umsatzverlusten motiviert, sondern von einem Bekenntnis zu den Kernwerten der Hochschulbildung.

© duz.

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