Der große "Kleine Muret-Sanders"

Manche glauben, dicke Wörterbücher haben ausgedient, kosten Platz im Regal und viel Geld. Wo doch längst Computerprogramme die scheinbar stupide Arbeit übernehmen, ganze Texte sekundenschnell zu übersetzen. Google™ zum Beispiel: Ein "Klick" auf das Fenster "den Text übersetzen", und schon bietet die beliebte Suchmaschine einen beliebigen französischen oder englischen Text in einer grob übersetzten deutschen Version. Immerhin. Oder das US-Militär und die Geheimdienste: Die Strategen engagieren neuerdings Softwarespezialisten, die in wenigen Wochen einen Rechner so programmieren, dass er nach der Methode der "statistischen Übersetzung" etwa einen arabischen Text im Nu in passables Deutsch übersetzt – und das, obwohl die Programmierer nicht ein Wort Arabisch sprechen.

01.04.2004 Pressemeldung Langenscheidt GmbH & Co. KG

Hätten die Computerfans recht, wäre Wolfgang Worsch arbeitslos. Der Lexikograph aus dem Hause Langenscheidt aber ist Projektleiter eines 20-köpfigen Teams, darunter international renommierte Lexikographen, das nach dem Motto "Big is Beautiful" gerade eines der dicksten zweisprachigen Wörterbücher auf dem deutschen Markt fertig gestellt hat. Sechseinhalb Jahre lang haben er und sein Team daran gearbeitet, Band zwei des "Kleinen Muret-Sanders" von 1982 in das derzeit größte moderne Wörterbuch der Sprachrichtung Deutsch-Englisch zu verwandeln. Wobei das Adjektiv "klein" etwas irritieren mag. Worschs Traummaße lauten: 27-19-6,5. Höhe, Breite, Stärke, versteht sich. Das ergibt einen Vierpfünder vom Format zweier nebeneinander gelegter Backsteine, der dementsprechend von nun an den Titel "Langenscheidt Muret-Sanders Großwörterbuch Deutsch-Englisch" trägt. Auf 1.341 Seiten hat Worschs Team rund 240.000 Stichwörter und Wendungen mit über 420.000 Übersetzungen zusammengetragen – 20-mal mehr Stichwörter als der passive Wortschatz eines gebildeten Sprechers umfasst. Und doppelt so viele Stichwörter wie das Langenscheidt Handwörterbuch Deutsch-Englisch. Das nahmen Worsch und seine Kollegen als Gerüst, weil es aktueller war als der damalige "Kleine Muret-Sanders".

Auf den Computer hat auch Worsch sich verlassen, ganz wie Google™ und Geheimdienst. Sonst hätten es seine Mitarbeiter aus dem deutschen, britischen und amerikanischen Sprachraum nie geschafft, das Projekt mit dem Codenamen "KMS II", wie das Werk im Jargon der Langenscheidt-Redakteure genannt wurde, in nur sechseinhalb Jahren zu vollenden. Anders aber als die Programmierer der Suchmaschine oder des Militärs, waren die deutschsprachigen, britischen und amerikanischen Mitarbeiter des Langenscheidt-Teams nicht auf fertig übersetzte Texte aus. Wie Rasterfahnder wollten sie schlicht so viele neue Wörter, Wortverbindungen und Kontexte aufspüren wie möglich, um professionellen Übersetzern und anderen Fremdsprachenprofis den relevanten Wortschatz und Sprachgebrauch von heute bieten zu können. Denn es gab noch nie so viele Wortschöpfungen wie in den über 20 Jahren seit 1982, als die letzte Bearbeitung des "Kleinen Muret-Sanders" erschien. Worsch bringt es auf die Formel: "Jedes Jahr kommen etwa 5.000 neue Wörter auf, etwa 1.000 davon überleben und etwa 500 kommen in ein aktualisiertes Wörterbuch."

Um den Anspruch an sinnvolle Aktualität einlösen zu können, hat Worschs Team die neuartige Methode der "computer-kontrollierten, korpus-basierten Wortschatzauswahl" angewandt – und zwar in Zusammenarbeit mit dem Institut für maschinelle Sprachverabreitung der Universität Stuttgart. Man ließ den digitalisierten Wortschatz des Handwörterbuchs Deutsch-Englisch gegen eine Sammlung von 300 Millionen Wörtern, entnommen vor allem deutschen Tageszeitungen, laufen. Das Ergebnis, so genannte Differenzlisten, zeigte ganz klar, welche Wörter oder häufige Wortverbindungen in der Erstausgabe nicht vorkamen: Wörter wie etwa "Suchmaschine", "Babypause" oder "Boxenluder". Dieses Wort aus der Boulevard-Berichterstattung über den modernen Formel-1-Rennsport existierte vor 20 Jahren noch nicht. Worsch hat es mit dem Vermerk "n umg.; beim Motorsport" – also "Neutrum, umgangsprachlich" – aufgenommen. Die Übersetzungen "pitgirl", "pitbabe" und "F1-babe" stammen von englischen und amerikanischen Muttersprachlern. Dass es beide Varianten des Englischen braucht, damit das Ergebnis authentisch wird, zeigt ein banales Wort wie "Sauftour": Der US-Amerikaner übersetzte "bar hop", der Brite "pub crawl".

Wie bei einer computergesteuerten Großfahndung mussten kompetente Menschen in den Computerlisten das Irrelevante vom Bedeutsamen trennen. "Es war die Arbeit eines Kriminologen", sagt Worsch über sein bis dato größtes Projekt, "nur dass wir lebendige und wandelbare Wörter jagen und nicht Verbrecher". Das Wort "Tourismus" etwa hatte auch bisher schon im Wörterbuch gestanden, aber nicht als Wortbildungselement "...tourismus", etwa in Verbindungen wie "Kongresstourismus", die erst in neuerer Zeit aufgekommen sind. Jetzt findet es der Übersetzer als eine von mehreren Wortbildungsmöglichkeiten mit der Übersetzung "international conference hopping".

Der Vergleich mit dem Wörterkorpus aus Zeitungstexten denunzierte aber auch zahlreiche Wörter, die, bislang von Lexikographen unentdeckt, als Wortleichen im Wörterbuch herumdümpelten: Wörter wie "immobilisieren". Oft auch tauchten beim Computervergleich Wörter wie "Zumdick" aus dem Korpus auf und wurden, weil sie darin zigfach vorkamen, zur Aufnahme ins neue Wörterbuch vorgeschlagen. Da war erneut der vife Verstand des Menschen gefragt. Schließlich handelte es sich in diesem Fall nicht um einen weltweit verbreiteten neuartigen Soßenbinder, sondern um den ehemaligen Torhüter des Fußball-Vereins VfL Bochum, der zwar in allerlei Fußball-Statistiken und -Texten erschien, aber in einem zweisprachigen Wörterbuch nichts zu suchen hatte. Auch "der Leimener", eines der Synonyme für Boris Becker, rangierte in den Rankings der Korpuslisten weit oben. Allein an diesem Wortabgleich saßen Worschs Leute ein halbes Jahr lang. Ohne Großrechner wären Menschen wie Worsch langsamer, doch ohne Menschen wie Worsch wären Großrechner aufgeschmissen.

Eine möglichst vollständige Liste aller deutschen Wörter hatte ohnehin nicht herauskommen sollen: "Exhaustivität", sagt Worsch im Jargon der Sprachwissenschaftler, "ist nicht leistbar". Das mussten schon seine Vorgänger der ersten Generation von Lexikographen bitter erfahren. Im Auftrag von Professor Gustav Langenscheidt, dem Gründer des gleichnamigen Verlags, hatten sich 1869 Professor Eduard Muret und Professor Daniel Sanders daran gemacht, ein vierbändiges enzyklopädisches Wörterbuch in den Sprachrichtungen Englisch-Deutsch (Muret) und Deutsch-Englisch (Sanders) zu verfassen. Wie Bergsteiger, die als Erste den Everest bezwingen wollen, engagierten sie eine Karawane von über 100 Helfern. Die benötigten zum Wörtersammeln und Übersetzen 20 Jahre – ein wenig zu lang: Eine amerikanische Sprachseilschaft erreichte bei ihrem "Century Dictionary" das "Z" ein bisschen früher. So beschloss der Herausgeber, diesen so genannten "Großen Muret-Sanders" noch einmal zu aktualisieren. 1901 kam das Jahrhundertwerk zu einem Entstehungspreis von rund 500.000 Mark auf den Markt. Professor Sanders war da bereits seit vier Jahren tot.

Angesichts solcher Unwägbarkeiten und hoher Kosten liegt die Versuchung nahe, es sich ein wenig leichter zu machen. Auf dem Markt tummeln sich einige "Piratenwörterbücher", wie Worsch sie nennt. Da wird einfach abgeschrieben oder der Teil Deutsch-Englisch stellenweise kurzerhand zu Englisch-Deutsch umgestülpt. Funktionieren kann diese Low-Budget-Methode allerdings nur bei Wörtern wie "Tautologie", die in beiden Sprachen absolut dasselbe bedeuten. Und selbst wenn Wörter in beiden Sprachen gleich klingen, ist doch größte Sorgfalt geboten: Will ein Deutscher etwa in einer englischen Apotheke ein Mittel gegen Halsweh und nennt seine Beschwerden nicht "sore throat", sondern, wie im Deutschen üblich und im Billigwörterbuch möglicherweise falsch übersetzt, "angina", erhält er einen Betablocker. Im Englischen nämlich bezeichnet "angina" die Herzkrankheit, die auf Deutsch "Angina pectoris" heißt. Der umgekehrte Fall gar kann tödlich enden: Sagt ein herzkranker Engländer einem deutschen Arzt, er habe Angina, untersucht der den Hals und stellt die Fehldiagnose: gesund.

Das ist nur einer von 240.000 Gründen, warum gewissenhaft erstellte und kompetent redigierte Wörterbücher wie das neue "Langenscheidt Muret-Sanders Großwörterbuch" auch im Computerzeitalter nie ausgedient haben werden ... selbst wenn sie nicht billig sind und im Regal etwas dick auftragen.

Ansprechpartner

Gabriele Becker - Die Agentur für Presse und Öffentlichkeit
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