Religionsunterricht

"Gott schreibt man mit zwei T"

(jg). Während evangelischer und katholischer Religionsunterricht an deutschen Schulen selbstverständlich ist, gibt es für die rund 900 000 muslimischen Schüler kein entsprechendes Angebot. Nur etwa drei Prozent von ihnen können derzeit in Modellversuchen am Fach Islamunterricht teilnehmen.

19.08.2010 Artikel
  • © Uni Osnabrück

Acht Mädchen, vier Jungen. Sie sind alle in Deutschland geboren und leben in Lehrte, einer kleinen Stadt in der Nähe von Hannover. Ihre Eltern oder Großeltern stammen aus der Türkei, dem Kosovo, aus Syrien, Afghanistan und Somalia. Die Mütter und Väter sind Moslems, sie wollen, dass die Kinder ihre Religion kennen lernen. Früher wäre dafür nur die Koranschule in der örtlichen Moschee in Frage gekommen, wo es um das Auswendiglernen von religiösen Texten geht. Heute können die Drittklässler an der Lehrter Grundschule An der Masch den Islamunterricht besuchen – eine von rund 30 Grundschulen in Niedersachsen, in denen seit mehreren Jahren dieses Fach angeboten und wo auch über die Bedeutung der religiösen Überlieferungen gesprochen wird. Die Teilnahme ist freiwillig, es gibt keine Zensuren. "Alle muslimischen Eltern bei uns haben ihre Kinder zum Islamunterricht angemeldet", sagt Lehrer Aydin Unutkanlar.

Heute spricht er mit seinen Schülern aus der dritten Klasse über die fünf Säulen des Islam. "In unserer Religion gibt es mindestens fünf wichtige Sachen. Wer kennt die erste Säule?" Unutkanlar zeigt den Schülern ein Blatt mit einem arabischen Schriftzeichen. Einige Schüler schauen in ihren Hefter, wo sie unter dem Symbol den Text des islamischen Glaubensbekenntnisses finden. Das sprechen sie danach jeder einzeln ("Ich bezeuge, dass es keine Gottheit außer Gott gibt, und ich bezeuge, dass Muhammad Gesandter Gottes ist") in arabischer Sprache. Ansonsten findet die Stunde ausschließlich auf Deutsch statt. Auch für die anderen Säulen hat Unutkanlar Bilder mitgebracht. "Das ist eine Moschee. Dort kann man beten. Das geht aber auch zu Hause. Überall dort, wo es sauber ist", sagt Brigitta. "Wie oft soll man am Tag beten?", will der 52-jährige Pädagoge wissen.

Ramadan und Zakat

Mohammed erkennt auf einem Bild die Kaaba und sagt: "Jeder Moslem soll einmal im Leben nach Mekka pilgern." Auf Nachfrage weiß er auch, dass sie sich in Saudi-Arabien befindet. Etwas zäher geht es bei den Themen Ramadan und Zakat zu, der Pflichtabgabe, die gläubige Moslems zur Unterstützung der Armen spenden sollen.

Unutkanlar verteilt einen Lückentext, mit dem er überprüfen will, ob seine Schüler verstanden haben, was gerade besprochen wurde. Er geht durch die Reihen und schaut, was sie schreiben. "Wenn du das Glaubensbekenntnis nicht kennst, musst du im Hefter nachschauen", sagt er zu einem Mädchen, das unschlüssig vor seinem Arbeitsblatt sitzt und gähnt – in der 5. Stunde im warmen Klassenraum lässt die Konzentration nach. "Gott schreibt man mit zwei T", korrigiert Unutkanlar am Nachbartisch.

Ecem liest die erste Aufgabe vor. "Emirhan, was hat Ecem gesagt?", fragt der Lehrer einen Jungen, der sich nicht am Unterricht beteiligt. Ejüp kommt mit der Sprache durcheinander. Er verwendet das türkische Wort für rituelle Waschung – in den Familien werden religiöse Begriffe in der Heimatsprache gebraucht, und die deutschen Bezeichnungen sind für viele Schüler neu. Ist das größte Heiligtum der Moslems nun die Hadsch, Mekka oder die Kaaba? Die Meinungen gehen auseinander. Unutkanlars Antwort wird in den Lückentext eingetragen.

Glaubenspraxis fördern

Seinen Schülern gibt er mit auf den Weg: "Wenn wir uns an diese Regeln halten, dann bleibt unser Glaube stabil. Wenn wir aber nur zwei Dinge davon machen, dann wackelt unser Glauben." Unutkanlar sieht seine Aufgabe auch darin, seine Schüler zu schützen und ihnen Angst zu nehmen. "In manchen strenggläubigen Familien sollen die Kinder fasten. Ich sage deutlich, dass Kinder vom Fasten befreit sind. Oft heißt es zu Hause: ´Tu das nicht, Gott wird dich bestrafen.` Wir wollen dagegen zeigen, dass Gott die Menschen liebt. Darüber freuen die Kinder sich sehr."

In einigen Bundesländern wie z. B. Nordrhein-Westfalen wird der islamische Religionsunterricht (IRU) als religionskundlicher Unterricht erteilt, es geht um die Vermittlung von Wissen. In Niedersachsen gibt es dagegen einen bekenntnisorientierten Islamunterricht – es wird nicht nur über den Islam informiert, sondern auch die Glaubenspraxis gefördert. "Es kann im IRU z.B. aus dem Koran rezitiert oder ein kurzes Gebet im Unterricht gesprochen werden. Kein Schüler darf dazu aber gezwungen werden", sagt Bülent Ucar, Professor für islamische Religionspädagogik an der Universität Osnabrück. Dabei müssten auch Werte wie die Gleichheit der Geschlechter vermittelt werden. "Man darf das aber nicht einfach von oben zwanghaft vorgeben, weil sonst schnell das Gegenteil aus Trotz erreicht wird, sondern muss immer an die Lebenssituation der Kinder anknüpfen." In den ersten Klassen gehe es zunächst um die Grundlagen des Glaubens, da immer mehr Kinder nichts oder sehr wenig über die Religion ihrer Eltern wüssten. "Es wäre sehr wichtig, dass nicht wie in Niedersachsen nur in der Grundschule, sondern auch ab Klasse Fünf Islamunterricht angeboten wird, um komplexere Fragen zu besprechen und Jugendlichen in der Pubertät einen Halt zu bieten", sagt Ucar.

Im Dialog mit Religion beschäftigen

Er setzt sich für einen bekenntnisorientierten IRU ein, wie dies auch beim evangelischen und katholischen Religionsunterricht der Fall ist. "Dabei soll Schülern nichts eingetrichtert werden, sondern sie sollen sich im Dialog mit ihrer Religion beschäftigen", so Ucar, der einräumt, dass die verschiedenen muslimischen Verbände derzeit noch sehr unterschiedliche Vorstellungen von einem Fach IRU haben. Derzeit gibt es bundesweit rund 200 IRU-Lehrkräfte, 4 000 wären nötig, um das Fach flächendeckend anbieten zu können. "Das Interesse bei den Lehrern ist vorhanden, aber es fehlt noch ein grundständiger Studiengang. Dies ist dringend notwendig, um die Lehrerzahlen zu erhöhen", fordert Ucar.

Derzeit bildet er in Osnabrück Lehrer fort, die bereits als Pädagogen in Schulen tätig sind – so wie Aydin Unutkanlar, der seit elf Jahren Türkisch unterrichtet. Was sagt Ucar zu einer Studie des Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsen, wonach stark religiöse Muslime gewalttätiger als andere sind? Für ihn ist das kein Argument gegen einen Islamunterricht. Im Gegenteil: "Das Fach IRU trägt zur Integration bei. Kinder lernen, dass sie hier erwünscht sind, bekommen Werte vermittelt und ihr Sprachvermögen wird geschult."

Kompakt

Im Modellversuch Islamischer Religionsunterricht geht es in einigen Bundesländern um die Vermittlung von Wissen, in anderen auch um die Förderung der religiösen Praxis. Ein eigenständiges Fach ISU scheitert derzeit unter anderem an der zu geringen Zahl ausgebildeter Lehrer und an unterschiedlichen Vorstellungen der islamischen Verbände über die Inhalte des Unterrichts.

Erstveröffentlichung Klett Themendienst


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