Schulhunde

Die Mensch-Tier-Mensch-Triade

Tiere gehören häufig zur Lebenswelt von Menschen und sind dadurch auch Teil der pädagogischen Praxis, vor allem in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen bspw. in Schulen oder der Kinder- und Jugendhilfe. Von Julia Hildebrand, Dorothee Schäfer, Alexandra Retkowski und Laura Ruppel

15.01.2020 Bundesweit Artikel Sozialmagazin
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Sie werden in Einrichtungen in vielfältigen Formen bewusst eingesetzt oder nehmen beiläufige Positionen ein, indem sie Fachkräfte in deren Berufsalltag begleiten. Trotz der Präsenz von Tieren in der pädagogischen Praxis, werden sie in Fachdiskursen der Sozialen Arbeit vernachlässigt (Rose 2018 S. 1757 ff.; Pfau-Effinger/Buschka 2013, S. 9; vgl. auch Rose in diesem Heft). Bereits seit 200 Jahren werden Tiere in der Sozialen Arbeit bspw. in der Psychiatrie und Behindertenhilfe gezielt eingesetzt (Buchner-Fuchs/Rose 2012, S.10; Rose 2018, S. 1757). Die Praxis der tiergestützten Interventionen (z. B. tiergestützte Therapie, tiergestützte Pädagogik oder tiergestützte Förder­maß­­nahmen) hat vor allem das Erreichen spezifischer Lernfortschritte im sozialen und emotiona­len Bereich zum Ziel (Vernooij/Schneider 2013, S. 44). Insbesondere in der Arbeit mit Hunden – also Tiere mit einer hohen Fähigkeit zur Interspezieskommunikation – müssen Menschen und Tiere lernen »in subjektverändernder Weise zusammen zu trainieren« (Haraway 2007, S. 94). Daher sind in der Sozialen Arbeit vor allem Hunde beliebt: »Sie dienen in offenen Kontakt-Situationen als Beziehungsmedium, in Behandlungssettings als Medium und Co-Therapeut, in umwelt-, bewegungs- und freizeitpädagogischen Bildungsangeboten und in arbeitspädagogischen Maß­nahmen als Lernimpuls« (Buchner-Fuchs/ Rose 2012, S. 10).

Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Gastbeitrag aus dem Sozialmagazin.

In unserem Beitrag untersuchen wir anhand empirischen Materials (das vollständig anonymisiert wurde), bestehend aus ethnografischen Gesprächen aus dem Projekt »Pädagogische Intimität – Studie zur Unter­suchung von Mustern der Gestaltung pädagogischer Beziehungen in unterschiedlichen Handlungsfeldern (PISUM)« (Kowalski et al. 2018) und Ausschnitten eines leitfadengestützten Interviews, das innerhalb der Master­thesis von Laura Ruppel »Tiergestützte Pädagogik. ›Chancen und Herausforderungen für die Beziehung zwischen Lehrer_innen und Schüler_innen mit ADHS durch den Schulhund‹« an der Universität Kassel erhoben wurde, welche Rolle Hunde innerhalb pädagogischer Beziehungen zugeschrieben bekommen bzw. einnehmen. Der Fokus liegt dabei auf der alltäglichen pädagogischen Beziehungsgestaltung im schulischen Kontext und in der stationären Kinder- und Jugendhilfe. Theoretisch einge­bettet in Dis­kurse pädagogischer Professionalisierung beleuchten wir die alltägliche Praxis von Fach- und Lehr­kräften im Zusammenhang mit Hunden, vor dem Hintergrund der »widersprüchliche[n] Einheit von Rollenhandeln und Handeln als ganze Person, von Elementen einer spezifischen und einer diffusen Sozialbeziehung« (Oevermann 1996, S. 105 f.). Auf diese Strukturbedingungen pädago­gischen Handelns (Oevermann 1996; 2002) wird einleitend kurz eingegangen. Daran schließen sich qualitativ-rekonstruktive Analysen an, mittels derer erforscht wird, welche Rolle Hunde in der Ausgestaltung von Kontakten und Beziehungen zwischen Kindern oder Jugendlichen und Fachkräften zugeschrieben wird.

Hunde als Teil der pädagogischen Beziehungsgestaltung

Merkmal pädagogischer Beziehungen ist – Oevermann (1996; 2002) folgend – die in Bezug auf Kinder und Jugendliche durch spezifische wie auch diffuse Anteile gekennzeichnete Sozial­beziehung zwischen pädagogischer Fachkraft und Klient_innen. Kinder und Jugendliche stehen demnach gleichzeitig in einer spezifischen Rollenbeziehung zur pädagogischen Fachkraft wie auch in einer diffusen Sozialbeziehung, die die Fachkraft als ganze Person adressiert (Oevermann 2002, S. 41 f.). Begründet wird dies von Oevermann (2002) durch die erst allmählich wachsende Fähigkeit junger Menschen zur Übernahme einer verpflichtenden sozialen Rolle (S. 41f.). Es ist daher davon auszugehen, dass Fachkräfte in de Arbeit mit Kindern und Jugendlichen auf das Medium der diffusen Sozialbeziehung angewiesen sind, da ein Arbeits­bündnis in diesem Fall nicht ausschließlich durch die strenge Aufrechterhaltung eines rollenförmigen Rahmens auf Seiten der Fachkräfte gelingen kann (Oever­mann 1996, S. 155; Cloos et al. 2009, S. 275 f.). Dies stellt im Arbeiten mit Kindern und Jugendlichen eine wesentliche Herausforderung dar und demgemäß fokussieren wir unsere Analysen hierauf. In unseren Rekonstruktionen, das können wir vorweg­nehmen, zeigt sich, dass auch in Anwesenheit von Hunden beim Arbeiten mit Kindern und Ju­gend­lichen die Ausbalancierung zwischen diffusen und spezifischen Anteilen zentral ist – und äußerst spannend hierbei: Welche Rolle spielt der Hund als Begleiter der Fachkräfte innerhalb dieser Ausbalancierung? Anhand der Interview- und Protokollausschnitte aus den beiden Projekten gehen wir rekonstruktiv diffusen und spezi­fischen Anteilen innerhalb pädagogischer Beziehungen und der jeweiligen Funktion des Hundes nach.

Mittels Hunden Kontakt herstellen

Die folgenden Ausschnitte sind einem Interview mit der Lehrkraft Christel Michels entnommen. Sie arbeitet in einer berufsbildenden Schule, ist Erzieherin, Sozialarbeiterin und Fachlehrerin, seit zehn Jahren im Bereich der tiergestützten Pädagogik tätig und hat Fort- und Weiterbildungen bei der European Society for Animal Assisted Therapy (ESAAT) absolviert. Drei Hunde begleiten sie in unterschiedlichen Konstellationen in der Schule. Anschließend an den Interviewstimulus, der nach der Beziehungsgestal­tung zu den Jugendlichen im Zusammenhang mit den Hunden fragt, schildert sie eine für sie regelhaft auftretende Situation: »Also allgemein ist es so, wenn ich zum Beispiel mit Schulhunden durch die Schule gehe, krieg ich immer ein Lächeln geschenkt, denk ich, aber die Schüler freuen sich eigentlich nur über die Schulhunde (.) Und dann kann ich eben mal nachsagen: ›Hallo ich bin auch nett. Ich arbeite hier auch‹ und hab sofort Kontakt zu den Schü­lern.« Die von der Lehrerin beschriebene Situation greift auf, inwiefern die Anwesenheit der Hunde in der Begegnung mit den Schüler_innen eine positive Qualität hat: Sie bekäme dann von den Jugendlichen »immer ein Lächeln geschenkt«. Die als freundliche Nähe wahrgenommene und Kontakt herstellende Geste des Lächelns der Schüler_innen, verweist auf einen Erfahrungs­hinter­grund der Lehrerin, in dem die Begegnungen durch deutlichere Distanz geprägt sind. Dieser Wahr­nehmung wird allerdings durch ein »aber« eine erweiterte Interpretation des Geschehens hinzugefügt, indem sie darauf hinweist, dass nicht sie selbst mit dem Lächeln gemeint sei, sondern die Schüler »sich eigentlich nur über die Schulhunde« freuten. Diese Aussage verdeutlicht zweierlei: Zum einen zeigt sich ein Moment der Verletzlichkeit und Kränkung darüber, dass sich der Blick der Jugendlichen auf den Hund reduziert bzw. die Befragte nur durch den Hund von den Jugendlichen wahrgenommen und gewürdigt wird. Zum anderen ermöglicht diese Irritation, dass sich Christel Michels durch die Anwesenheit der Hunde der Inhärenz des emotional-diffusen Potentials der Institution Schule sowie ihrer eigenen, wenig emotional positiv besetzten Rolle als Lehrerin deutlich gewahr wird. Diese geringe Bedeutung der eigenen Anwesenheit wird jedoch nicht nur wahrgenommen, sondern in einem weiteren Schritt handlungspraktisch als Anlass für eine pädagogische Gesprächsanbahnung aufgenommen.

Zum Weiterlesen:
In Ausgabe 12/2019 des Sozialmagazins (S. 74)

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