Gastbeitrag

Auch als frühere Hauptschule sowie ohne eigene Oberstufe ist die Gemeinschaftsschule mit dem Gymnasium konkurrenzfähig

Die hierarchische Schulstruktur ist in der Auflösung: in 11 der 16 Bundesländer bestehen weder Haupt- noch Realschulen; in weiteren Bundesländern führt die Hauptschule nur noch eine Randexistenz. In den drei Stadtstaaten sowie im Saarland, Schleswig-Holstein und modifiziert in Rheinland-Pfalz hat sich stattdessen ein gleichberechtigtes Konkurrenzsystem durchgesetzt. In diesem Konkurrenzsystem existieren neben dem Gymnasium nur noch Schulen des gemeinsamen Lernens, die alle den gymnasialen Bildungsgang führen und alle Abschlüsse und Berechtigungen der Sekundarstufe I vermitteln.

22.01.2016 Artikel Joachim Lohmann
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Mit der sich herausbildenden neuen Schulstruktur verändern sich auch die Entstehung und die Struktur der Schulen des gemeinsamen Lernens. Die meisten Gesamtschulen entstanden als Neugründungen oder durch Zusammenlegung mehrerer Schulen und waren vier- und mehrzügig. Die Länder, die jetzt Haupt- und Realschulen generell zugunsten von Gemeinschaftsschulen ersetzen, reduzieren deren Mindestgröße. Eine Gemeinschaftsschule entsteht so auch aus nur einer Haupt- bzw. aus nur einer Realschule. Da die notwendige Jahrgangsbreite fehlt, hat nicht mehr jede Gemeinschaftsschule eine eigene Oberstufe. Andere Länder wie Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen setzen auf eine Strategie der Freiwilligkeit von unten, um Schulen des gemeinsamen Lernens schnell zu verbreiten und lassen kleinere Gemeinschaftsschulen ohne eigene Oberstufe zu.

9-jährige Gemeinschaftsschulen waren die Regel

Nicht wenige Gemeinschaftsschul-Verfechter sehen in den neuen Strukturen der Gemeinschaftsschule einen Bruch mit der Gesamtschul-Tradition. Sie treten vehement für eine gymnasiale Oberstufe an jeder Gemeinschaftsschule ein. Sie befürchten, dass Gemeinschaftsschulen ohne Oberstufe nicht attraktiv genug seien für Eltern und daher der Konkurrenz mit dem Gymnasium nicht standhalten könnten. Sie geben lieber die Gründung einer neuen Gemeinschaftsschule auf, als bei ihr auf eine eigene gymnasiale Oberstufe zu verzichten. Sie berufen sich auf die Gesamtschultradition in Deutschland. Doch die Tradition ist widersprüchlich. Es gab von vornherein eine Differenz sowohl zwischen Theorie und Praxis als auch innerhalb der Praxis. Das Konzept der Gesamtschule wurde in Westdeutschland in den "Bildungspolitischen Leitsätzen" der SPD von 1964 niedergelegt, das von einer Stufenschule ausging: einerseits von einer Mittelstufe für die Jahrgänge 5 bis 10 und andererseits von einer dualistischen Oberstufe mit einer Studien- und einer Berufsstufe. Das SPD-Konzept wurde in dem 1969 vorgelegten "Modell für ein demokratisches Bildungswesen" weiterentwickelt: an die Stelle der dualistischen sollte eine einheitliche, differenzierende Oberstufe treten. Mit Ausnahme von Hessen und partiell auch von Berlin herrschte ansonsten in der Praxis die Gesamtschule mit Oberstufe vor. Die der Konzeption widersprechende Gesamtschule mit Oberstufe war in der Anfangsphase strategisch gut begründet; denn in der Gründungszeit - den 60er Jahren - hatte das Gymnasium noch weitestgehend das Monopol für den Erwerb der Hochschulreife. Absolventen einer Gesamtschule ohne Oberstufe, die das Abitur anstrebten, wären auf das Gymnasium angewiesen gewesen. In der Konkurrenzsituation zwischen Gesamtschule und Gymnasium wäre es fraglich gewesen, ob das Gymnasium die Gemeinschaftsschüler gleich wohlwollend wie die eigenen Schüler gefördert hätte. Voraussetzung für eine 9-jährige Gemeinschaftsschule ist ein breiter Schülerjahrgang in der Mittelstufe. Eine große Jahrgangsbreite war auch wegen einer konzeptionellen Schwäche der Gesamtschule in den Anfangsjahren vorgesehen: Viele Gesamtschul-Anhänger glaubten zunächst, nur eine äußere Leistungsdifferenzierung in vielen Fächern könne sowohl den leistungsstärkeren als auch den leistungsschwächeren Schülerinnen und Schülern gerecht werden.

Gemeinschaftsschulen sind schon jetzt mehrheitlich 6-jährige Gemeinschaftsschule

Doch die Strukturen bei den Schulen des gemeinsamen Lernens haben sich geändert: von den gut 1700 Gemeinschaftsschulen in Deutschland sind 1000 6-jährige Gemeinschaftsschulen. Zwei Gründe haben zu dieser Entwicklung geführt: Einerseits ist die Oberstufe für Gemeinschaftsschulen nicht mehr zwingend, wie zu zeigen sein wird, und andererseits kann die Gemeinschaftsschule die Haupt- wie Realschule nur dann ersetzen, wenn diese Umstrukturierung nicht großen Widerstand wegen eines massiven Schulsterben auslöst. Die eigene Oberstufe ist deshalb nicht mehr unerlässlich, weil Jugendliche der 6-jährigen Gemeinschaftsschule nicht auf das Gymnasium angewiesen sind, um die Hochschulreife zu erwerben. Das hochschulpropädeutische Monopol des Gymnasiums ist verschwunden, vielmehr ist dem Gymnasium in der Sekundarstufe II mit Fachoberschulen, beruflichen Gymnasien und 9-jährigen Gemeinschaftsschulen eine starke Konkurrenz erwachsen. Auch die Mehrzügigkeit in der Sekundarstufe I ist für die Gemeinschaftsschulen nicht mehr erforderlich. Nach langem Widerstand gegen die Vereinbarung der Kultusministerkonferenz zur Anerkennung von Abschlüssen an Gesamtschulen haben mehrere Kultusverwaltungen auf die Auflage einer äußeren Leistungsdifferenzierung für Gemeinschaftsschulen verzichtet.

Die Aufhebung von Haupt- und Realschule zugunsten der Gemeinschaftsschule

Hauptgrund für die veränderte Struktur der Gemeinschaftsschule ist die begonnene Überwindung der hierarchischen Schulstruktur: die Flucht aus der sozial diskriminierten Hauptschule war so stark, dass ein politischer Konsens in mehreren Ländern möglich wurde, Haupt- und Realschule durch eine Gemeinschaftsschule zu ersetzen. Möglich wurde der Konsens darüber hinaus dadurch, dass die 6-jährige Gemeinschaftsschule eine Schule vor Ort sein kann. Die 3 Stadtstaaten sowie Rheinland-Pfalz, das Saarland und Schleswig-Holstein haben das Hierarchiesystems zugunsten des Konkurrenzsystems aufgehoben. Die Umstrukturierung gelang, weil die Länder die Mindestzügigkeit bzw. die Mindestschülerzahl heruntersetzten, bzw. weil Rheinland-Pfalz mit der Realschule plus eine neue Schulform mit reduzierter Mindestgröße schuf. Abgesehen von Berlin, das grundsätzlich mindestens vier Züge vorsieht, verlangen Hamburg, Bremen und Rheinland-Pfalz nur drei Parallelklassen. Das Saarland und Schleswig-Holstein gingen darüber hinaus, indem sie nur zwei Parallelklassen forderten. Mit diesem Schachzug, kleine Gemeinschaftsschulen zu ermöglichen, haben die Länder den gesellschaftlichen und regionalen Widerstand weitgehend reduziert. In diesen 6 Ländern gab es auch - abgesehen von Rheinland-Pfalz - einen Schulfrieden mit der CDU. Konsequenz einer Drei- und erst recht einer Zweizügigkeit war, dass die Schülerzahl für eine eigene gymnasiale Oberstufe zumeist nicht ausreichte. Nur in Hamburg haben fast alle Gemeinschaftsschulen eine eigene gymnasiale Oberstufe. In den anderen 5 Bundesländern sind fast ¾ aller Schulen des gemeinsamen Lernens 6-jährige Gemeinschaftsschulen.

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