Kleiderordnung als Allheilmittel

(bikl) Als „einfache Lösung zur Konfliktvermeidung“ hat Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) am Wochenende einheitliche Schulkleidung vorgeschlagen und damit eine erneute Diskussion zum Thema Schuluniform losgetreten. Der Hintergrund: In einer Bonner Gesamtschule waren zwei Schülerinnen islamischen Glaubens nahezu komplett verhüllt zum Unterricht erschienen und hatten daraufhin einen Verweis erhalten. Mit einer einheitlichen Schulkleidung, so Zypris „beseitigen wir nicht nur die Burkas, sondern auch Probleme, die sich durch soziale Unterschiede ergeben.“

09.05.2006 Artikel

Schuluniform kann Deutschland auf keine Tradition zurückblicken, obwohl sie im Laufe der Jahrhunderte von Lehrern und Erziehern mit unterschiedlichen pädagogischen Zielrichtungen immer wieder gefordert wurde. Zum Beispiel, um die gesellschaftlichen Hierarchien zu verdeutlichen oder das Gemeinschaftsgefühl zu stärken.

Schülermützen und bunte Streifen

Während der Gründerzeit wurden Schülermützen modern, die Auskunft gaben über Schule und Klassenstufe. Bereits zum Schulanfang setzte man den Jungen Kappen und den Mädchen kleine Hüte auf. Gymnasiasten trugen farbige Mützen, die sie im Straßenbild von den Volksschülern und Lehrlingen abhoben. Die Farben wechselten von Schule zu Schule, von Stadt zu Stadt. Bunte Streifen zeigten den Klassenfortschritt an und blamierten diejenigen öffentlich, die sitzen geblieben waren. In den 30er-Jahren verschwanden dann die Schulmützen aus dem Stadtbild. An ihre Stelle trat mit HJ- und BDM-Einheitskleidung die nationalsozialistische Uniformierung der Jugend, die allerdings nicht auf die Schule beschränkt war.

In den vergangenen Jahren gab es an etlichen Schulen in Deutschland Versuche, eine einheitliche Schulkleidung einzuführen, insbesondere um dem Markenwahn und der damit verbundenen sozialen Ausgrenzung entgegenzutreten.

Hambuger Schule in Uniform

In Berlin, Hamburg und Wiesbaden zum Beispiel. Der Berliner Versuch wurde nach der Probezeit beendet und in Wiesbaden wurde das Projekt frühzeitig abgebrochen. Nach neun Wochen in hellgrauem Sweatshirt und blauer Jeans entschieden sich die Schüler wieder für individuelle Kleidungsstücke. An der Haupt- und Realschule Hamburg Sinstorf entschied man sich im Jahr 2000 für eine einheitliche Schulkleidung, zunächst nur in einer Klassenstufe, mittlerweile tragen sie hier fast alle.

Besseres Sozialklima

Vor zwei Jahren hatte übrigens ein Team von Unterrichtsforschern der Justus-Liebig-Universität Gießen in einer empirischen Studie festgestellt, dass in Klassen mit einheitlicher Schulkleidung ein besseres Sozialklima herrscht und die Schüler aufmerksamer als in Vergleichsklassen ohne einheitliche Bekleidungsregelung sind.

Kein Allheilmittel

Als Allheilmittel wollten aber auch die Gießener Wissenschaftler die Schulkleidung nicht sehen. Eine solche Interpretation unserer Befunde wäre überzogen", so damals der Leiter des Projekts, Dr. Oliver Dickhäuser: "Es ist naiv zu glauben, dass lediglich ein einheitlich farbiger Pulli diese Probleme in deutschen Klassenzimmern löst. Auch unsere Untersuchung zeigt nicht eindeutig, dass es die Schulkleidung ist, die die Unterschiede zwischen den Klassen bewirkt." Damit einheitliche Bekleidungsregeln zum gewünschten Erfolg führen, bedürfe es zusätzlich engagierter Lehrkräfte sowie natürlich einer von diesem Konzept überzeugten Eltern- und Schülerschaft.

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